Vorsicht, Realität! (mit Update)

Wer die Wahrheit auch nur andeutet, wird unter Feuer genommen

So schnell kann’s gehen. Da stellt jemand ein paar naheliegende Fragen, meldet milden Zweifel an, zeigt verhaltene Skepsis, formuliert obendrein den Satz „irgendwie scheint da was dran zu sein“ – und schon wird aus einem „Uli“ ein „Hans-Ulrich“, aus einem weithin respektierten und geschätzten ZDF-Korrespondenten ein „Verschwörungstheoretiker“. Ja, Uli Gack, Leiter des ZDF-Studios Kairo, macht dieser Tage Erfahrungen der besonderen Art.

Da auch Syrien in Gacks journalistischen Zuständigkeitsbereich fällt, tat er, was er schon öfter getan hat. Er packte seinen Koffer, löste ein Flugticket und begab sich an den Ort des Geschehens: an den Schauplatz jenes vermeintlichen Giftgasangriffs, für den man im westlichen Mainstream fast unisono das „Assad-Regime“ verantwortlich macht.

Was er in Duma beobachtete, was er in Gesprächen mit Bewohnern herausfand, hätte Gack allerdings besser für sich behalten. Aber nein, er plauderte es aus. Dass einem versierten und routinierten Reporter ein derartiger „Fehler“ unterläuft, ist erstaunlich. Selbstverständlich wäre nichts dagegen einzuwenden gewesen, wenn der Korrespondent lediglich versucht hätte, sich – ganz persönlich – ein einigermaßen authentisches Bild zu verschaffen. Aber dabei beließ er es nicht. Ganz offenkundig glaubte er, dieses authentische Bild – obendrein in einer „Liveschalte“ – auch der Heimatfront vermitteln zu dürfen.

Gack hätte wissen müssen: Damit überschreite ich die „rote Linie“. So mache ich mich unbeliebt. So nähre ich Zweifel an meiner Zuverlässigkeit. Denn: Wo kommen wir hin, wenn der Mainstream nicht mehr an die eigenen Narrative glaubt?

Der „Focus“ feuerte gestern eine Breitseite gegen „Hans-Ulrich Gack“ ab. Schon in der Schlagzeile wird der „ZDF-Mann“ als Anhänger einer „Verschwörungstheorie“ denunziert. Gleich zweimal verweist die Autorin auf ungenannte „Experten“, die Gacks Einschätzung widersprechen und sich sicher sind, dass „die Armee des syrischen Machthabers Baschar al-Assad hinter dem Angriff steckt“.

Es ist dem Wahrheitsmedium „Focus“ sicher nicht leicht gefallen, in dieser Weise auf einen bislang eher unauffällig agierenden Mainstream-Kollegen loszugehen. Aber der Schaden, den Hans-Ulrich Gack da angerichtet hat, ist einfach zu groß. Da verbietet sich jede Rücksichtnahme. Zumal der „Focus“ zu seinem Entsetzen feststellen musste, dass Gacks Auslassungen „ein gefundenes Fressen“ für staatliche russische Auslandsmedien gewesen seien.

Selbstverständlich hat die „Focus“-Autorin das ZDF zur Rede gestellt. Ein Sprecher des Senders teilte ihr mit, man habe die Gack-Liveschalte „selbstkritisch diskutiert“. Ergebnis: Die Wertung des Korrespondenten sei „zu weit“ gegangen; in den nachfolgenden Sendungen habe er sie „korrigiert“. Man kann sich unschwer ausmalen, was da hinter den Fernsehkulissen abgelaufen ist. Eine Ohrfeige für Gack – die er und andere sich hinter die Ohren schreiben werden.

Mit gewisser Befriedigung vermerkt der „Focus“, dass der Korrespondent offenbar Einsicht zeigt und seit seinem skandalösen Fauxpas „deutlich differenzierter“ berichtet. Na bitte.

Was der „Focus“ in seinem Beitrag leider unterschlägt, ist die Tatsache, dass Uli Gack keineswegs der einzige Journalist ist, der begründete Zweifel am Giftgas-Narrativ hegt. Vorneweg marschiert der wohl renommierteste, jedenfalls erfahrenste Nahost-Korrespondent, Robert Fisk. In einem Beitrag für seine Zeitung, den linksliberalen „Independent“, wird er noch um einiges deutlicher als Gack. Das sollte zu denken geben. Tut es aber nicht. Jedenfalls nicht beim ZDF, und schon gar nicht beim „Focus“.

Robert Fisk verfügt zweifellos über ein ganz anderes journalistisches Standing als Uli Gack, aber selbst er dürfte, wenn’s hart auf hart kommt, nicht „unberührbar“ sein. Beleg gefällig? Kaum hatte Fisk seine Sicht der Dinge publiziert, sah sich sein Korrespondenten-Kollege beim „Independent“, Patrick Cockburn, offenbar genötigt, eine verkappte Solidaritätsadresse an Fisk zu publizieren.

Cockburn plädiert in seinem Beitrag – nicht zum ersten Mal – für gesunde journalistische Skepsis. Er erinnert an ein Ereignis im Jahr 1991. Damals hatte die US-Luftwaffe eine vermeintliche Anlage für biologische Kampfstoffe im Irak bombardiert. Als Cockburn und seine Kollegen die Fabrik besichtigten, war ihnen klar, dass hier keine Kampfstoffe, sondern Babymilch produziert worden war. CNN-Reporter Peter Arnett teilte genau dies seinen Zuschauern mit – und erntete im offiziellen Washington wie auch bei seinen Kollegen im US-Mainstream einen Sturm der Entrüstung. Erst Jahre später stellte sich heraus, dass er mit seinem Urteil richtig lag …

Auch gegenwärtig beobachtet und beklagt Cockburn eine „toxic attitude“ gegenüber den wenigen Journalisten, die in den USA oder Großbritannien – und das Gleiche gilt für Deutschland – die offiziellen Verlautbarungen kritisch hinterfragen.

Die britischen Medien, so Cockburn, regten sich mit Vorliebe über Einschränkungen der Meinungs- und Medienfreiheit im Nahen und Mittleren Osten oder in Osteuropa auf, nicht aber über die immer enger werdenden Spielräume im eigenen Land. Wer in Sachen Skripal oder Duma aus der Reihe tanze, werde vom tonangebenden „Kommentariat“ als Parteigänger Putins oder Assads hingestellt.

Cockburn beobachtet nicht weniger als einen „neuen Autoritarismus“. Die Vergleiche, die er anstellt, sind dazu angetan, auch den letzten schlafenden Hund zu wecken. Und sie lassen Rückschlüsse auf die prekäre Situation zu, in der sich integre Journalisten wie er oder Robert Fisk derzeit befinden. Denn Cockburn fühlt sich tatsächlich an das Gebaren der Bolschewiki erinnert! Dieser Hinweis ist ebenso vielsagend wie alarmierend.

Die Bolschewiki, so schreibt er, hätten ihre Kritiker gerne als „Konterrevolutionäre“ oder „Faschisten“ diffamiert und seien nach dem Grundsatz verfahren: „Sag mir, wer dich unterstützt, und ich sage dir, wer du bist.“ So sei es auch heute, sagt Cockburn: „The only thing that matters is what side you are on.”

Wir erleben also im westlichen Mainstream-System eine „dramatische Zuspitzung“, um im Journalistenjargon zu sprechen. Kann man ihr etwas Positives abgewinnen? Vielleicht dies: Die propagandistische Spreu trennt sich immer deutlicher vom journalistischen Weizen. In einem Meer von Propaganda werden die kleinen journalistischen Inseln immer sichtbarer. Kollegen wie Uli Gack sollten sich entscheiden. Auch insofern gilt Cockburns Satz: „The only thing that matters is what side you are on.”

Dieser Text wurde für rubikon.news geschrieben – hier veröffentlicht.

 

UPDATE:

Das medienkritische Portal „Medialens“ hat eine lesenswerte, zweiteilige Analyse der „Berichterstattung“ britischer (und US-amerikanischer) Medien über die aktuellen Ereignisse in Syrien vorgelegt – hier und hier. Im zweiten Teil zeigen die Autoren David Edwards und David Cromwell, wie die Kollegen des medialen Mainstreams den in meinem obigen Artikel erwähnten Duma-Beitrag Robert Fisks entweder totgeschwiegen oder den Autor geradewegs diffamiert haben („favoured by Moscow“).

Edwards und Cromwell erinnern in diesem Zusammenhang daran, dass der Arabisch sprechende Robert Fisk für seine journalistische Arbeit – neben vielen anderen Auszeichnungen – drei international press awards von „Amnesty International“ erhalten hat, dass er siebenmal zum „Foreign Reporter of the Year“ und zweimal zum „Journalist of the Year“ gewählt wurde.

8 Kommentare zu „Vorsicht, Realität! (mit Update)

  1. Den Focus nenne ich schon lange “ Locus“…dumm nur, dass sich sein Hochglanzpapier nur schlecht zur Verwendung auf eben diesem stillen Örtchen eignet. Ausserdem steht da schon so viel Scheiße drin, dass es zum Abwischen auch nicht taugen würde.
    Das gilt natürlich auch für die Blöd Zeitung, da stimmt wenigstens die saugfähigere Papierstruktur!

    Amicalement
    Christine Reichelt

    Gefällt 1 Person

  2. Nicht wenige Kommentare auf Focus verdeutlichen, dass die Leserinnen und Leser noch selber mitdenken und den manipulativen Techniken von lückenhafter Berichterstattung nicht auf den Leim gehen.

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  3. „Im Übrigen gilt in Deutschland derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als derjenige, der den Schmutz macht.“

    Kurt Tucholsky war ein deutscher Journalist und Schriftsteller. Er schrieb auch unter den Pseudonymen Kaspar Hauser, Peter Panter, Theobald Tiger und Ignaz Wrobel. Tucholsky zählt zu den bedeutendsten Publizisten der Weimarer Republik.

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  4. Reinhard Mey „Sei wachsam“

    Ein Wahlplakat zerrissen auf dem nassen Rasen,
    Sie grinsen mich an, die alten aufgeweichten Phrasen,
    Die Gesichter von auf jugendlich gemachten Greisen,
    Die Dir das Mittelalter als den Fortschritt anpreisen.
    Und ich denk’ mir, jeder Schritt zu dem verheiß’nen Glück
    Ist ein Schritt nach ewig gestern, ein Schritt zurück.
    Wie sie das Volk zu Besonnenheit und Opfern ermahnen,
    Sie nennen es das Volk, aber sie meinen Untertanen.
    All das Leimen, das Schleimen ist nicht länger zu ertragen,
    Wenn du erst lernst zu übersetzen, was sie wirklich sagen:
    Der Minister nimmt flüsternd den Bischof beim Arm:
    Halt du sie dumm, – ich halt’ sie arm!

    Du machst das Fernsehen an, sie jammern nach guten, alten Werten.
    Ihre guten, alten Werte sind fast immer die verkehrten.
    Und die, die da so vorlaut in der Talk-Runde strampeln,
    Sind es, die auf allen Werten mit Füßen rumtrampeln:
    Der Medienmogul und der Zeitungszar,
    Die schlimmsten Böcke als Gärtner, na wunderbar!
    Sie rufen nach dem Kruzifix, nach Brauchtum und guten Sitten,
    Doch ihre Botschaft ist nichts als Arsch und Titten.
    Verrohung, Verdummung, Gewalt sind die Gebote,
    Ihre Götter sind Auflage und Einschaltquote.
    Sie biegen die Wahrheit und verdrehen das Recht:
    So viel gute alte Werte, echt, da wird mir echt schlecht!

    Es ist ‘ne Riesenkonjunktur für Rattenfänger,
    Für Trittbrettfahrer und Schmiergeldempfänger,
    ‘ne Zeit für Selbstbediener und Geschäftemacher,
    Scheinheiligkeit, Geheuchel und Postengeschacher.
    Und die sind alle hochgeachtet und sehr anerkannt,
    Und nach den schlimmsten werden Straßen und Flugplätze benannt.
    Man packt den Hühnerdieb, den Waffenschieber läßt man laufen,
    Kein Pfeifchen Gras, aber ‘ne ganze Giftgasfabrik kannst du kaufen.
    Verseuch’ die Luft, verstrahl’ das Land, mach ungestraft den größten Schaden,
    Nur laß dich nicht erwischen bei Sitzblockaden!
    Man packt den Grünfried, doch das Umweltschwein genießt Vertrau’n,
    Und die Polizei muß immer auf die Falschen drauf hau’n.

    Wir ha’m ein Grundgesetz, das soll den Rechtsstaat garantieren.
    Was hilft’s, wenn sie nach Lust und Laune dran manipulieren,
    Die Scharfmacher, die immer von der Friedensmission quasseln
    Und unterm Tisch schon emsig mit dem Säbel rasseln?
    Der alte Glanz in ihren Augen beim großen Zapfenstreich,
    Abteilung kehrt, im Gleichschritt marsch, ein Lied und heim ins Reich!
    „Nie wieder soll von diesem Land Gewalt ausgehen!“
    „Wir müssen Flagge zeigen, dürfen nicht beiseite stehen!“
    „Rein humanitär natürlich und ganz ohne Blutvergießen!“
    „Kampfeinsätze sind jetzt nicht mehr so ganz auszuschließen.“
    Sie zieh’n uns immer tiefer rein, Stück für Stück,
    Und seit heute früh um fünf Uhr schießen wir wieder zurück!

    Ich hab’ Sehnsucht nach Leuten, die mich nicht betrügen,
    Die mir nicht mit jeder Festrede die Hucke voll lügen,
    Und verschon’ mich mit den falschen Ehrlichen,
    Die falschen Ehrlichen, die wahren Gefährlichen!
    Ich hab’ Sehnsucht nach einem Stück Wahrhaftigkeit,
    Nach ‘nem bißchen Rückgrat in dieser verkrümmten Zeit.
    Doch sag die Wahrheit und du hast bald nichts mehr zu lachen,
    Sie wer’n dich ruinier’n, exekutier’n und mundtot machen,
    Erpressen, bestechen, versuchen, dich zu kaufen.
    Wenn du die Wahrheit sagst, laß draußen den Motor laufen,
    Dann sag sie laut und schnell, denn das Sprichwort lehrt:
    Wer die Wahrheit sagt, braucht ein verdammt schnelles Pferd.

    Gefällt 2 Personen

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