Fragwürdige Humanität

Über Giftgas und Dumdum-Geschosse

Unter dem Titel Die Besorgten und das Giftgas hat Peter Frey am 28. April 2018 einen Beitrag im Magazin „Rubikon“ veröffentlicht. Darin zeigt er, dass der (vermeintliche oder tatsächliche) Einsatz von „Giftgas“ gegenwärtig als „Propaganda-Waffe“ benutzt wird.  Warum, so seine Frage, absorbiert „Giftgas“ unsere aktuelle Wahrnehmung des Kriegsgeschehens in Syrien – und wer hat ein Interesse an dieser Fixierung? Warum gelten andere Mittel der Kriegführung offenbar als legitim oder weit weniger problematisch als die – offiziell verbotenen – chemischen Kampfstoffe?

Diese Fragen haben auch eine historische Dimension. In seinem gegen Ende des Ersten Weltkriegs erschienenen Buch Die Biologie des Krieges erinnert der vielleicht bedeutendste deutsche Pazifist Georg Friedrich Nicolai (mehr zu ihm weiter unten) daran, dass schon die „Kriegsmoral der Barbaren“ vergiftete Waffen verboten habe. Aus ähnlichen Gründen war auch die Armbrust (der „heimtückische Bogen“) in den Kriegen der germanischen Völker verpönt. Das zweite lateranische Konzil (1139) hatte die Anwendung der Armbrust untersagt – jedenfalls unter Christen („Ketzer“ hingegen durfte man damit umbringen).

In Nicolais Epoche, also während des Ersten Weltkriegs, war viel von den sogenannten Dumdum-Geschossen die Rede. Sie waren auf der Haager Konferenz 1899 auf Antrag Russlands (und gegen die Stimmen Englands und der USA) geächtet worden. Dumdum-Geschosse galten als inakzeptabel, da sie – explosionsartig wirkend – schwerer verletzten als gewöhnliche Geschosse.

Nicolais Kommentar zur seinerzeit weit verbreiteten Empörung über Dumdum-Geschosse ist auch heute noch lesenswert – und stützt die aktuelle Argumentation Peter Freys:

„Ich behaupte … nicht, daß es gut sei, solche Munition zu verwenden, ich freue mich vielmehr, daß überhaupt etwas verboten ist. Aber mit Staunen konstatiere ich folgendes: Dieselben Leute, die alle Mittel einer raffinierten Technik verwenden, die Wolfsgruben graben, um darin Soldaten auf Pfähle zu spießen, die Stacheldrahtverhaue bauen, um sie mit dem Maschinengewehr zu säubern, wenn genügend ‚Material‘ in ihnen hängt, die elektrisch geladene Drahtgitter konstruieren, um darin Menschen wie Fliegen zu fangen, die feindliche Schützengräben  mit Petroleum ausspritzen, um den lebendigen Inhalt zu verbrennen, die heimliche Minengänge vortreiben, um Ahnungslose in die Luft zu sprengen, die mit Giftbomben operieren, die mit ihren ‚Fliegerpfeilen‘ den Feind ‚wie einen Frosch‘ platt auf den Boden spießen, die mit sorgfältigst auf eine möglichst wirkungsvolle Explosion abgestimmten Kartätschen und Granaten arbeiten, um organische Wesen in möglichst kleine Stücke zu zerreißen, – diese selben Leute sagen, daß sie in den Dumdumgeschossen den Gipfel der Gemeinheit sehen, – eine ‚Bestialität‘, wie sich ein deutscher Reporter ausdrückt, ‚eine der barbarischsten Methoden, die man in der Geschichte kennt‘, wie der deutsche Kaiser an den Präsidenten Wilson telegraphiert hat.“

Die Dumdum-Geschosse, so Nicolai, hätten in den Septembertagen 1914 zu einer „ungeheure[n] Erregung“ geführt. Diese sei „nur erklärlich durch den instinktiven Hunger der Menschheit nach wahrer Humanität, die durch diesen grausamsten und schrecklichsten aller Kriege zu solchem Paroxysmus gesteigert ist, daß auch das kleinste ‚Symbol der Humanität‘ erstrebenswert erscheint“.

Und weiter:

„Denselben Hunger nach Humanität glaube ich in der Erbitterung sehen zu dürfen, mit der das deutsche Volk sich gegen den Vorwurf verteidigte, die Leiber der Gefallenen zu nützlicher Fettgewinnung verwertet zu haben. Gewiß müßte solches Vorgehen selbst bei einem sonst nicht zu lindernden Notstand als ein Verstoß gegen all unsere traditionellen Vorstellungen von der Heiligkeit des menschlichen Körpers gelten. Aber man sage selbst, was ist schlimmer, dem Lebenden das Leben zu rauben, oder die tote Materie pietätlos zu nützen? – Jeder, der noch nicht allen Sinn für die Wirklichkeit des Lebens verloren hat, muß das erstere für das unsühnbare Verbrechen halten, versündigt er sich doch gegen das Leben selbst, im zweiten Fall aber nur gegen das Symbol des Lebens. Dennoch hält heute jedermann die Tötung für gestattet, die Schändung für schlechterdings unerlaubt.

Auch der Mörder Sternickel, der kalten Blutes ein Dutzend Raubmorde begangen hatte, war stolz darauf, daß er noch nie ein Kind umgebracht, und glaubte damit, der Gerechtigkeit Genüge getan zu haben. So lebt in jedem Menschen ein Rest von Schamhaftigkeit; und so sagen auch die heute kriegführenden Parteien: Ja, wir morden und brennen, rauben und plündern, fehlen gegen das Gebot christlicher und menschlicher Gerechtigkeit, aber – wir verwenden keine Dumdum-Geschosse.

Solche Spielerei mit einem Symbol der Humanität ist nicht ganz ungefährlich, denn sie könnte die Vorstellung wecken, als wäre der Krieg mit der Humanität vereinbar, sie könnte also dazu beitragen, den Menschen an einen Zustand des Schreckens zu gewöhnen, an den er sich schlechterdings nicht gewöhnen darf. Krieg muß doch wenigstens etwas Ungewöhnliches bleiben.“

***

Georg Friedrich Nicolai (1874-1964) war ein bekannter Naturwissenschaftler und Arzt. Berühmtheit erlangte er durch sein pazifistisches Buch Die Biologie des Krieges. In einer unautorisierten Fassung war es 1917 im Schweizer Verlag Orell Füssli erschienen; zwei Jahre später folgte die von Nicolai autorisierte Version, die große Aufmerksamkeit fand und in mehrere Sprachen übersetzt wurde.

In seiner deutschen Heimat blieb Nicolai allerdings ein Außenseiter, ein Verfemter. Im Frühjahr 1918 hatte er das Land fluchtartig verlassen müssen. Nach seiner Rückkehr wurde ihm in Berlin die universitäre Lehrbefugnis aberkannt. 1922 emigrierte Nicolai nach Südamerika und lehrte an argentinischen und chilenischen Universitäten.

Nicolais Buch Die Biologie des Krieges war 1985 vom „Verlag Darmstädter Blätter“ neu aufgelegt worden; vier Jahre zuvor war im Frankfurter Societäts-Verlag Wolf Zuelzers vorzügliche Biografie Der Fall Nicolai erschienen (beide Bücher sind vergriffen). Zu einem Durchbruch in der Nicolai-Rezeption ist es trotz dieser Bemühungen bis heute nicht gekommen.

2 Kommentare zu „Fragwürdige Humanität

  1. „Fragwürdige Humanität“ auch angesichts der atomaren Bewaffnung, die ausreicht, um diesen Planeten bzw. seine Bewohner_innen mehr als einmal zugrunde zu richten.

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  2. Alexander Kluge hat in einem seiner Texte, in denen er den modernen Krieg als ein rationell geplantes und organisiertes Industrieunternehmen interpretiert (vermutlich „Luftangriff auf Halberstadt“), im Detail dargestellt, wie ein Luftbombardement im 2. WK konzipiert worden sei. Man habe u. a. – bei Städten – zuerst gezielt Sraßenkreuzungen mit Sprengbomben belegt, damit die Eckhäuser einstürzen und die Zugänge zu Straßenzügen blockierten – für die Feuerwehr. Danach seien leichte Sprengbomben abgeworfen worden, deren Aufgabe es war, die Dächer abzudecken – denn in der dritten Welle wurden dann Brandbomben mit Verzögerungszünder eingesetzt, die durch die offenen Dachstühle ein, zwei Stockwerke ins Haus eindringen konnten, ehe ihr Phosphorbrandstoff zündete. So war man sehr effizient beim Verbrennen ganzer Stadtviertel, gern natürlich samt Bewohnern.
    Überlege ich mir, welche kühle Leidenschaft die Planer dieser Taktik aufbrachten, um einen so schönen Plan zu erfinden, durchzurechnen und umzusetzen, finde ich es schon recht eigen, sich über die schlimmen chemischen Waffen so ganz besonders und demonstrativ zu erregen.

    Es gibt in unserer Kultur immer wieder viele Gelegenheiten, Liebermann zu zitieren.

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