Kennen Sie Karla?

Eine Geschichte aus Unsgehtsgut-Land

Von Kristina Kubulin

Karla ist 37. Sie lebt in München, allein. Die Mieten in dieser Stadt sind hoch. Karla bezieht Hartz IV. Und sie studiert – mit dem Ziel, in spätestens drei Jahren auf eigenen Füßen stehen zu können. Wieder auf eigenen Füßen – und auf gesunden. Es sieht nicht schlecht aus. Sie hat alle bisherigen Prüfungen mit guten Noten bestanden. Aus ihrem studienbegleitenden Praktikum erhält sie viele positive Rückmeldungen.

Karlas Geschichte ist ganz anders gelaufen, als sie sie selbst geschrieben hätte. Sie hat schon einmal studiert. Mit Mitte 20 hat sie im Fach Mediendesign einen bravourösen Abschluss hingelegt. Es folgten Jobs bei diversen Werbeagenturen, stets erfolgreich und gut bezahlt. Sie war mit Elan dabei, hochgradig kreativ, perfektionistisch, zeigte vollen Einsatz, hat sich regelrecht aufgerieben, oft nächtelang durchgearbeitet, mit Hang zur Selbstausbeutung. Sie tat das nicht nur, um ihre Kunden glücklich zu machen, sondern auch in der Hoffnung, von einer Agentur festangestellt zu werden. Das ging eine ganze Weile so. Große Versprechungen wurden ihr viele gemacht, doch dann kamen regelmäßig Rückzieher.

Mit der Zeit schwand ihre Zuversicht, irgendwo dauerhaft ankommen zu können. „Karla, Du bist super. Das Problem: Du bist einfach zu gut. Das kann hier keiner ertragen“, sagte ein Chef ihr im Vertrauen. Karla konnte nachts nicht mehr schlafen, wurde immer unzufriedener und versuchte, ihre Probleme mit Schlafmitteln und gelegentlich auch mit Alkohol zu lösen. Irgendwann konnte sie ihren Zustand nicht mehr leugnen: Sie war krank. Ein Arzt attestierte ihr ein Burnout und überwies sie für mehrere Monate in eine Klinik.

Damit war ihr Berufsleben fürs erste vorbei. Karla hatte keine Einkünfte. Die Arbeitslosenversicherung kam für ihren Fall nicht auf. Nach dem Klinikaufenthalt schöpfte sie wieder Hoffnung. Sie versuchte sich als freie Designerin, erhielt aber nur sporadisch Aufträge. Leben konnte sie davon nicht. Im Gegenteil: Was sie verdiente, ging für erhebliche Nachzahlungen ans Finanzamt drauf.

Karla wusste nicht mehr weiter und erkundigte sich, ob ihr Hartz IV zustehe. Ja, lautete die Antwort, aber erst einmal müsse sie eine ihrer beiden Lebensversicherungen auflösen. Das hat sie getan. Es brachte ihr ein paar tausend Euro, mit denen sie sich eine Zeitlang über Wasser halten konnte.

Ihre Auftragslage war weiterhin schlecht – und wurde schlechter. Auch mit der Zahlungsmoral mancher Kunden stand es nicht zum Besten. Und wenn sie einen kleineren Auftrag ergattern konnte, merkte sie schnell, dass diese Arbeit ihr nicht gut tat. Die drei Klinikmonate hatten ihr zwar geholfen, aber sie war noch längst nicht stabil. Sie verfiel wieder in alte Muster, hatte Schlafprobleme und versuchte dem Wunsch nach Beruhigungsmitteln zu widerstehen. „Wenn sie weiter in diesem Bereich arbeiten und sich solch immensem Druck aussetzen, landen sie wieder in der Klinik“, sagte der Arzt und riet ihr, über eine Umschulung nachzudenken.

Schön. Umschulung. Das Arbeitsamt würde das unterstützen, hieß es. Allerdings nicht in einem Bereich, in dem sie ihre bisherigen Erfahrungen hätte einbringen können. Sollte sie als Vegetarierin jetzt tatsächlich Fleischereifachverkäuferin werden, nur weil das Arbeitsamt ihr dabei finanziell unter die Arme griff?

Karla überlegte hin und her. Sie entschied sich dafür, noch einmal zu studieren: Sozialarbeit. Vom Staat würde sie dann Hartz IV bekommen. Allerdings darf sie nur ein Teilzeitstudium machen, verbunden mit der Auflage, dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen.

Niemand ermutigte sie: „Sie müssen sich um einen Studienplatz bewerben, brauchen ein Vorpraktikum. Und ein Zweitstudium in Ihrem Alter – da haben sie eine Chance von gerade mal fünf Prozent.“ Doch Karla wusste inzwischen ganz genau: Sie wollte etwas für sich (und andere) Sinnvolles machen. Und sie nahm gerne alles auf sich. Sie absolvierte ein sechswöchiges Praktikum und bewarb sich mit einem Motivationsschreiben und ihrem Lebenslauf an der Hochschule. Vorher hatte sie sich erkundigt: Die Chance auf Erfolg ging tatsächlich gegen Null in Fällen wie ihrem.

Und dann die unglaubliche Nachricht: Sie wird zugelassen, als eine der ganz wenigen. Mit 37 beginnt sie ihr neues Studium. Sie ist positiv gestimmt, voller Enthusiasmus, ihre Lebensfreude kehrt zurück. Mit ihren Kommilitonen versteht sie sich gut, obwohl die fast 20 Jahre jünger sind. An der Hochschule bietet man ihr schon nach wenigen Wochen einen Hiwi-Job an. „Schön“, denkt Karla, „das hat mit meinem Studium zu tun, und ich kann auf einen Teil der staatlichen Unterstützung verzichten.“ Sie nimmt den Job an. Dennoch muss sich Karla am Ende des Monats oft überlegen: Kaufe ich mir eine Bus-Fahrkarte oder eine neue Zahnpasta? Aber daran gewöhnt sie sich. Ihr fällt immer etwas ein.

Ihre Schulden beim Finanzamt konnte sie derweil immer noch nicht vollständig begleichen. Inzwischen hatte sie den zuständigen Sachbearbeiter, Herrn S., persönlich kennengelernt. Er fand gut, dass sie sich gefangen hatte und einen Neuanfang wagte. Und schlug ihr vor, in Ruhe auszuhandeln, in welchen Raten und in welchen Abständen sie ihre Schulden bezahlt. Pfänden wollte er sie ausdrücklich nicht. „Weil es mir nichts bringt und ich damit ihren Neustart nur gefährden würde“, erklärte er ihr.

Vier Monate später – gestern auf den Tag: Karla kommt gerade von ihrem ambulanten Therapeuten, den sie immer noch regelmäßig aufsucht. Sie checkt ihre E-Mails. Haufenweise Nachrichten vom Finanzamt, von einer Frau R., und von ihrer Bank. Sie liest: Ihr Konto sei mit sofortiger Wirkung gepfändet und für sie gesperrt. Gedanken schießen ihr durch den Kopf: Warum? Warum jetzt? Was soll sie tun? Sie hat nur noch einen Zehn-Euro-Schein im Geldbeutel. Wie kann sie von 10 Euro den Restmonat überleben? Es ist gerade der 9.

Aus den E-Mails kann sie nicht erschließen, auf welcher Rechtsgrundlage die Pfändung basiert. Sie ruft beim Finanzamt an. Nach einer Weile hat sie Frau R. am Hörer und teilt ihr mit, dass Herr S. ausdrücklich von einer Pfändung abgesehen und mit ihr einen anderen Weg vereinbart habe. Frau R. antwortet ungehalten: „Ich mach das, weil ich’s darf. Herr S. ist jetzt übrigens im Ruhestand. Noch Fragen?“

Nein, Karla hat keine Fragen mehr. Ihr fehlen die Worte. Sie bricht zusammen, sie weint. In ihrer Verzweiflung ruft sie einen Freund an. Der kommt und leiht ihr etwas Geld, damit sie wenigstens für die nächsten Tage ihren leeren Kühlschrank füllen kann. Nach einer unruhigen Nacht steht Karla wieder auf. Sie hat sich erkundigt. Weiß inzwischen, dass Herr S. sich illegal verhalten hat. Eigentlich hätte er ihr Konto und auch die zweite Lebensversicherung pfänden müssen. Warum hat er das nicht getan? Es war wohl einfach sein gesunder Menschenverstand. Aber den kann man sich beim Finanzamt offenbar nur leisten, wenn man kurz vorm Ruhestand steht.

Karla weiß, dass man ihr auch die zweite Lebensversicherung nehmen wird und sie ihre Schulden nicht auf Raten wird abzahlen können. Nächste Woche kommt der Gerichtsvollzieher, um zu überprüfen, ob sie in ihrer kleinen Einzimmerwohnung nicht doch irgendwelche Reichtümer hortet. Sie fühlt sich elend und verdrängt Gedanken an die Zukunft.

Sarkastisch erzählt sie in ihrem Freund, dass sie jetzt wenigstens abnehme, weil sie sich kein Essen mehr leisten könne. Herausfordernd schaut sie ihn an. Dann zieht sie die Jacke an und geht mit ihm zu ihrer politischen Gruppe, um Transparente zu gestalten. Für die Demonstration gegen das bayerische Polizeiaufgabengesetz. „#no PAG“ hat sie sich schon mit einem Schminkstift auf die Stirn gemalt. Denn Karla findet es wichtig, sich zu engagieren – vor allem dann, wenn die Grundrechte bedroht sind. „#no PAG“ schreibt sie auch ihrem Freund auf die Stirn.

5 Kommentare zu „Kennen Sie Karla?

  1. Die durchaus eindrückliche Story über den sozialen Umgang von Behörden und wie schnell man ziemlich weit unten landet hat 2 Schönheitsfehler.

    Der erste ist der tolle Abschluss im Fach „Mediendesign“. Typisches, überlaufenes Studienfach von kreativen Selbstverwirklichern, die gerne anschließend „was mit Medien“ machen wollen. Also total cool und hip – und nicht selten brotlose Kunst. Hätte Karla auch vorher schon wissen können, wenn sie sich mal informiert hätte. Sie schwenkt stattdessen dann um auf …. Sozialarbeit. Also um Teil der um sich greifenden Rundumbetreuung durch den Staat werden wollen. Gibts auch schon mehr als reichlich – ist also potentiell ebenfalls brotlose, mindestens aber prekäre Kunst.

    Wieso kommt „Karla“ nicht auf die Idee, was solide handwerkliches oder administrative Bürotätigkeit zu machen ? Achja, ich vergaß. Sie ist ja hochqualifiziert und daher noch in der Selbstverwirklichung. Sorry, aber wenn’s dabei dann den Bach runtergeht, fehlt mir ein wenig die Empathie. Oder wie das so schön wo mal andernorts hiess: Karla ist leider eine typische Jammerfrau

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  2. Studieren bringt doch nichts, weil die Arbeitsplätze einfach fehlen!

    Es war einmal ein kleiner frecher Junge, der wollte nie gehorchen und nur widerwillig lernen. Da es für ein Abschlusszeugnis nie gereicht hatte und auch die Bundeswehr ihn nicht haben wollte, wurde er vom Berufsinformationszentrum (BIZ) eingeladen und befragt, was er denn mal gerne machen würde. „Auf keinen Fall arbeiten“, war seine Antwort. Seitdem sitzt er, wie rund 120.000 Arbeitsverweigerer auch, völlig sanktionsfrei bei der Agentur für Arbeit in Nürnberg als Arbeitsvermittler mit BAT Ia brutto 3.833,99 Euro/Monat zuzüglich Sanktionsprämien vor einem Computer, der völlig automatisch arbeitslose Menschen schriftlich vorlädt, um vermeintliche Arbeitsverweigerer ausfindig zu machen und ihnen die finanzielle Lebensgrundlage zu entziehen in einer Welt, in der die Maschinenarbeit den Mensch als Arbeitskraft fast vollständig ersetzt hat.

    Neulich beim BIZ: „Nur 40.000 statt 1,5 Millionen freie Stellen“
    https://aufgewachter.wordpress.com/2018/03/25/neulich-beim-biz/

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