Schwierige Solidarität

Hajo Seppelt aktuell nur auf Platz 4

Russland hat dem Journalisten Hajo Seppelt die Einreise zur Fußball-WM verweigert. Das ist nicht akzeptabel. Seppelt verdient unsere Solidarität. Doch bei aller berechtigten Empörung sollten wir nicht vergessen: Es gibt neben Seppelt noch ein paar andere Menschen, die unsere Solidarität ebenfalls gut gebrauchen könnten – aber leider wenig davon abbekommen.

Für mich gilt: Da meine Kapazitäten beschränkt sind und ich mich nicht um alle Betroffenen gleichzeitig und gleichermaßen sorgen kann, muss ich Prioritäten setzen. Auf meiner persönlichen Solidaritätsliste belegt Seppelt aktuell den vierten Platz.

Auf Platz 1 steht WikiLeaks-Gründer Julian Assange. Er hatte bekanntlich 2012 in der britischen Botschaft Ecuadors Zuflucht gefunden. Seither konnte er das Gebäude nicht mehr verlassen. Die Außenministerin Ecuadors hat nun angedeutet, dass dieser Zustand nicht ewig währen könne. Anders gesagt: Assange ist in akuter Gefahr. Ecuador könnte das politische Asyl aufheben und ihn an die britischen – und in der Folge US-amerikanischen – Behörden ausliefern.

Schon seit Ende März ist Assange von jeder Kommunikation mit der Außenwelt abgeschnitten. Sein Gesundheitszustand ist besorgniserregend. Doch kaum jemand scheint sich für ihn zu interessieren. Der weltweite liberal-demokratische Aufschrei ist ausgeblieben. Das Schweigen der Medien ist ohrenbetäubend.

Auf Platz 2 stehen Sergej und Julia Skripal. Auch von ihnen ist schon seit längerem nichts zu hören, geschweige denn zu sehen. Was ist aus ihnen geworden? Wie geht es ihnen? Wo befinden sie sich eigentlich? Und sind sie freiwillig dort, wo sie sich befinden?

Wo bleiben die Exklusiv-Interviews der „Sun“ oder der „Daily Mail“? Wäre es nicht ratsam, wenigstens einen russischen Botschaftsvertreter – unter angemessenen Sicherheitsvorkehrungen, versteht sich – zu den beiden vorzulassen, damit sie ihm Bescheid geben können? „Danke für Ihren Besuch, Herr Botschafter. Machen Sie sich keine Sorgen, hier ist alles in Ordnung. Wir brauchen Ihre Hilfe nicht.“ Ich fände das beruhigend.

Auf Platz 3 steht Ray McGovern. Er war bei der Senatsanhörung von Gina Haspel zugegen, der designierten CIA-Chefin, und rief ihr aus dem Publikum ein paar Fragen zu ihrer Folter-Vergangenheit zu. Der Vorsitzende des Senatsausschusses alarmierte umgehend die Polizei. Die entfernte McGovern auf äußerst rüde Weise aus dem Saal. Man könnte aufgrund der Filmaufnahmen auch sagen, der fast 80-jährige McGovern sei regelrecht misshandelt worden. Jedenfalls steckte man ihn für eine Nacht ins Gefängnis.

Man muss bedenken, dass McGovern nicht irgendwer ist. Er hat mehrere Jahrzehnte für die CIA gearbeitet, und seit Anfang der 1980er Jahre gehörte er zu deren Top-Analytikern, die dem US-Präsidenten täglich Bericht erstatteten. Anlässlich seiner Pensionierung wurde er mit der Intelligence Commendation Medal ausgezeichnet, die er allerdings 2006 aus Protest gegen die CIA-Folterpraxis im Irak zurückgab.

Auch die Solidarität mit McGovern lässt arg zu wünschen übrig. Ich hätte mir zum Beispiel ein deutliches Wort von Kardinal Marx gewünscht. Immerhin ist McGovern praktizierender Katholik. Aber nichts da. Marx schwadronierte dieser Tage lieber über seinen berühmten Namensvetter.

Wie gesagt: Assange, die Skripals und McGovern bereiten mir im Moment die größten Sorgen. Sobald die genannten Fälle zu meiner Zufriedenheit geklärt sind, werde ich mich Herrn Seppelt widmen.

18 Kommentare zu „Schwierige Solidarität

    1. Ein journalistisches Meisterwerk! Manchmal beschleicht einen das traurige Gefühl, dass man auf die westliche Propaganda, die auf dieser Seite zu Recht kritisiert wird, nur das Label „Made in Russia“ draufklatschen müsste und schon würde ein guter Teil der Leser es garnicht mehr so schlimm finden…

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      1. Die Wortmeldung erfüllt ziemlich gut das Muster des sog. Totschlagarguments. Hier: Entweder man sieht in Hajo Seppelt einen ehrbaren Journalisten oder man ist eben ein hirngewaschener Putintroll.

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  1. Soeben wurde bekannt, dass Hajo Seppelt nun doch sein Visum erhält und zur WM nach Russland fahren darf. Ein „Zwischenerfolg“, so Außenminister Heiko Maas.

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  2. @heuptling: Keineswegs. Man kann jeden Journalisten kritisieren. Natürlich auch Herrn Seppelt. Darum geht es garnicht. Es geht um die Art und Weise. Dieser Bericht ist eben keine gute journalistische Arbeit, sondern der übliche Quark von der anderen Seite. Was soll das mit Totschlagargument zu tun haben? Ich habe weder von Ihnen ein wirkliches Argument gegen die Arbeit von Seppelt gelesen, noch in dem Bericht eines gesehen. Alles was ich gesehen habe ist Schmierentheater. Das ist das Problem. Und wenn das begeistert aufgenommen wird von Personen, die bzgl. der westlichen Presse (ich wiederhole mich: zu Recht!) sehr kritisch sind, finde ich das äußerst schlecht. Das macht aus jemandem nicht direkt einen „hirngewaschenen Putintroll“, es hilft aber auch nicht weiter.

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    1. Ich habe auf keinen konkreten Bericht verlinkt. Das Totschlagargument ist: Die Kritiker haben nur etwas gegen die betriebene Propaganda, da sie gegen Russland gerichtet ist. Was soll diese absurde Unterstellung? Das genannte Schmierentheater betreibt zweifellos Herr Seppelt. Die bekannten Argumente müssen nicht stets wiederholt werden:

      https://publikumskonferenz.de/forum/viewtopic.php?f=44&t=1435
      https://www.0815-info.com/News-Programmbeschwerde-Russisches-Staatsdoping-ARD-aktuell-Fake-news-item-11926.html
      https://publikumskonferenz.de/blog/2017/07/27/die-ard-und-der-kampf-gegen-das-doping-im-sport/

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      1. Naja, auf ein Video haben Sie durchaus verlinkt, wenn mich nicht alles täuscht. Und das war eben meiner Ansicht nach richtig schlecht. Dass Sie es verlinken mit dem obigen Satz dazu, habe ich mal so interpretiert, dass Sie das Video als guten Beitrag zur Diskussion betrachten (denn warum sollte man es sonst verlinken?). Kann mich natürlich irren. Wenn Sie allerdings so etwas wie dieses Video unterstützen, dann handelt es sich nicht um eine absurde Unterstellung. Wenn Sie das Video ebenfalls für schlechte journalistische Arbeit halten, verstehe ich nicht, warum Sie es verlinken. Wie dem auch sei. Nichts für ungut. Ich sage ja nicht, dass es keine Argumente gegen Seppelt gibt. Ich sage (oder versuche es) Folgendes: Dass es Argumente gegen seine Arbeit gibt, legitimiert nicht jedes Vorgehen. Vor allem legitimiert es nicht, derart schlecht zu arbeiten wie man es anderen vorwirft. Und es legitimiert nicht, schlechte Arbeit kritiklos zu unterstützen (wie gesagt: so versteh ich das Verlinken plus Kommentar), sobald sie sich gegen Seppelt richtet. Wie gesagt. Nichts für ungut. Vielleicht bin ich einfach begriffsstutzig oder drücke mich schlecht aus. Vielleicht auch beides.

        Grüße

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      2. PS: Und es ging mir auch nicht darum, wer nun die Verantwortung für das Schmierentheater trägt. Anscheinend stimmen wir ja in dem Punkt überein, dass in dem Video Schmierentheater zu sehen ist (wenn ich wenigstens das richtig verstehe). Ob einem das als „Reality TV“ zusagt, ist wahrscheinlich Geschmacksache. Der Informationsgehalt des Videos ist mMn null. Wer sowas veröffentlicht, schadet sich selbst als Medium. Und wer es unterstützt, schadet seriöser journalistischer Arbeit. Und das scheint ja in diesem Fall nicht Ihre Absicht zu sein. Wie gesagt: Nur meine bescheidene Meinung.

        Und nochmal zum Totschlagargument: Das kann man halt als Totschlagargument bezeichnen, wenn keine Begründung für die Annahme geliefert wird. Hier sehe ich aber (wie gesagt: vielleicht habe ich Sie missverstanden), dass Sie schlechte Arbeit schlecht finden, wenn sie von Seppelt kommt und gut, wenn sie sich gegen Seppelt richtet. Mit Totschlagargument hat das dann mMn nichts zu tun. Es ist ja belegbar und wurde von mir belegt (ob der Beleg gelungen ist, ist wieder eine andere Frage – aber ein Totschlagargument ist für mich nur dann vorhanden, wenn die andere Seite einfach als XYZ – meinetwegen „Putintroll“ oder „Gutmensch“ – bezeichnet wird anstelle einer Argumentation).

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  3. Muss sagen, ich bin auf der Seite der Russen in Sachen Seppelt.

    Der Internationale Sportgerichtshof hat ja fast alle Sperren gegen russische Sportler aufgehoben, weil Rodtschenkwo keinerlei Beweise hatte und er quasi nur Gerüchte verbreitet hat. Leider ist dieser Herr auch Dreh- und Angelpunkt der Doku des Herrn Seppelt. Da stellt sich dann doch direkt die Frage, warum ist Seppelt auf Rodtschenkwo reingefallen.

    Wenn ich gutmütig bin, ist es bestenfalls mangelnde Journalistsche Sorgfalt.
    Wenn ich bösartig bin, könnte ich behaupten, dass es Seppelts Ziel war, Russland zu diskreditieren und dass er dafür dankbar jede unbewiesene Behauptung von Rodtschenkwo verbreitet hat.

    Egal für welche Variante man sich entscheidet, es wirft kein gutes Licht auf Seppelt als Journalist.
    Desweiteren darf man nicht vergessen, dass aktuell schon stark probiert wird, Russland international zu isolieren. Ob zu recht oder nicht bleibt jeden selbst überlassen.

    Jedenfalls kann man unter diesem Hintergrund verstehen, warum Seppelt unerwünscht ist, da die Wahrscheinlickeit sehr hoch ist, dass seine Aufgabe bei der WM ist, nur weiter Dreck Richtung Russland zu werfen. Seppelt ist ja nicht mal Fußballexperte. Es erweckt halt alles den Anschein, als wenn man Russland nochmal bewusst provozieren wollte mit der Entsendung von Seppelt.

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  4. Mit anderen Worten: H. Seppelt verbreitet Desinformation und „Fake-News“ und hat es deshalb verdient, dass man ihm das Mikrofon abdreht. Wirklich?
    Das ist leider genau dasselbe vergiftete Argument, mit dem der pro-westliche Mainstream gegen RT und diverse Alternativmedien schießt. Ich finde, man sollte es nicht dadurch legitimieren, dass man lediglich das Vorzeichen umkehrt. H. Seppelt hat selbstverständlich das Recht auf freie Meinungsäußerung und ungehinderte Berichterstattung – unabhängig von der Qualität seiner journalistischen Arbeit.

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    1. Grundsätzlich haben Sie recht, aber es verwässert auch stark journalistische Standards.
      Nur weil ich Journalist bin und eine Quelle habe, die mir glaubhaft versichert, dass XY passiert ist, entbindet das den Journalisten doch nicht davon, das auch nachzuprüfen, und das ist im Fall von Seppelt offensichtlich nicht passiert.

      Dann könnte morgen auch ein Journalist veröffentlichen, dass im Kellergewölbe des Bundestages ein Kinderpornoring agiert, solange er dafür eine Quelle hat (und Verrückte, die sowas behaupten, lassen sich mit Sicherheit finden).

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      1. Ich kenn mich in dem Fall nicht so gut aus. Hat er denn überhaupt bestimmte Sportler belastet? Oder hat er nur über das russische Dopingsystem berichtet? Denn, dass einzelne Sportler freigesprochen werden, würde ja noch nicht bedeuten, dass kein organisierter Betrug (z.B. das „Verschwinden“ oder Ähnliches von Dopingproben) stattfindet. Dass einzelne Sportler freigesprochen werden, bedeutet ja nichts weiter als dass diesen Sportlern keine Einnahme von Dopingmitteln nachgewiesen werden kann. Es bedeutet nicht, dass organisierter Betrug in Russland nicht nachgewiesen werden kann. Wie gesagt, ich kenne mich in dem Fall nicht gut aus.

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      2. Darin, dass einseitige Quellenauswahl und Voreingenommenheit nicht mit journalistischen Standards zu vereinbaren sind, stimme ich völlig mit Ihnen überein. Giftgas-Angriffe in Syrien (weil es die White Helmets behaupten), „russische Herkunft“ von Novitschok (weil es angeblich so in einer Agenturmeldung stand), die Liste kann man beliebig fortsetzen.
        Trotzdem sind staatliche Maßnahmen wie ein Einreiseverbot oder jegliche Art von Zensur der falsche Weg, dem zu begegnen.

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    2. Hier noch ein kleiner Auszug aus der Wikipedia zu Rodtschenkow

      „Rodtschenkow wurde 2006 Leiter eines Moskauer Laboratoriums, dem Anti-Doping-Zentrum. Gegen ihn und seine Schwester, die Läuferin Marina Rodtschenkow, wurde im Jahr 2011 wegen illegalen Verkaufs von Drogen ermittelt. Grigori Rodtschenkow wurde im März 2011 nach einem Selbstmordversuch ins Krankenhaus eingeliefert; es wurde eine schizotypische Persönlichkeitsstörung diagnostiziert, die durch Stress verschärft wurde. Vorwürfe gegen ihn wurden schließlich fallen gelassen, aber seine Schwester wurde verurteilt und zu einer Freiheitsstrafe von eineinhalb Jahren verurteilt.“

      https://de.wikipedia.org/wiki/Grigori_Michailowitsch_Rodtschenkow

      Sofern das alles stimmt, ist das alles andere als eine Quelle, auf der man eine Story aufbaut, die ein ganzes Land an den Pranger stellt.

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  5. PS: Zudem finde ich den Umgang mit Herrn Seppelt so oder so ziemlich übel. Wie würde man das beispielsweise finden, wenn Deutschland so mit Journalisten umgeht, die Lawrows Aussagen im Fall Lisa kritiklos gefolgt sind. Ich hoffe nicht, dass unser Staat solchen Journalisten die Einreise untersagt. Und was Seppelt sonst so abbekommen hat, ist eigentlich noch viel unangenehmer als ein Einreiseverbot. RT Deutsch bezeichnet ihn beispielsweise als Kriminellen oder auch als „den Doping-Irren“. Schön ist das nicht.

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  6. Wenn ich schonmal dabei bin. Hier was das CAS zum systematischen Doping sagt, wo ja der Duchess Coktail der Dreh- und Angelpunkt war.

    „317. In his oral evidence, Dr. Rodchenkov stated that he had never: (a) distributed the
    Duchess Cocktail; (b) seen an athlete take the Duchess Cocktail; (c) witnessed
    instructions being given to athletes and coaches to use the Duchess Cocktail; (d) seen
    an athlete give a clean urine sample; or (e) seen an athlete tamper with a doping sample.
    Dr. Rodchenkov did not indicate whether a benefit/risk analysis of the Duchess Cocktail
    was ever undertaken.“

    http://www.tas-cas.org/fileadmin/user_upload/Award__5379__internet.pdf

    Es gibt keinerleit Beweis für ein Staatliches Dopingsystem, maximal für das Doping einzelner Sportler.

    Was ich mich bei solchen Sachen frage: Warum muss ich als Leser sowas selbst raussuchen? Warum können unsere Medien das nicht berichten? Zeigt meiner Meinung nach wunderbar auf, dass man probiert, den Staatsdoping Narrativ zu schützen.

    Habe in der aktuellen Causa Seppelt keinen einzigen Hinweis darauf in den MSM Medien gefunden. Aber die Hintergrundinfos zu Rodtschenkow und auch dem Urteil des CAS werfen ein komplett anderes Licht auf Herrn Seppelt.

    Was hindert Journalisten in Deutschland daran, sowas zu berichten, damit ich mir als Leser aus den kompletten Informationen eine Meinung bilden kann? Warum wird mir nur der genehme Teil eingetrichtert, der den Narrativ vom bösen Russland stützt, und alles Entlastende wird unter den Teppich gekehrt? Es ist eigentlich eine Schande, was unsere Alphajournalisten hier mal wieder abliefern.

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