Zwei Interviews – zwei Welten

Armin Wolf und Oksana Boyko

Das in den letzten Tagen viel diskutierte ORF-Interview mit Wladimir Putin war ein Lehrstück. Der renommierte Wiener Anchorman Armin Wolf zeigte, wie man es nicht machen sollte. Gestern lief auf RT ein spiegelbildliches Interview: Die russische Journalistin Oksana Boyko befragte Österreichs Ex-Kanzler Wolfgang Schüssel. Auch dieses Interview war ein Lehrstück. Boyko zeigte, wie man es machen sollte.

Es gibt viele Möglichkeiten, ein Interview zu führen – und alle haben ihre Berechtigung. Man kann zum Beispiel aus einem Interview ein regelrechtes Verhör machen. Es geht zu wie vor Gericht: Der Staatsanwalt nimmt einen Zeugen der Verteidigung auseinander – oder der Strafverteidiger einen Zeugen der Anklage. Solche Interviews können durchaus erhellend und entlarvend sein (man denke an David Frost versus Richard Nixon bzw. Henry Kissinger). Sie können aber auch völlig aus dem Ruder laufen und in einem destruktiven Gezänk enden.

Dann gibt es die porträtierenden Interviews, etwa von Günter Gaus. Einer anderen Form bedient sich Larry King: freundlich-joviale „Auf den Punkt“-Fragen. Alles läuft scheinbar relaxed, trotzdem knistert es.

Natürlich sind da noch die Interviews, die diesen Namen nicht verdienen. Caren Miosga im „tagesthemen“-Gespräch mit Wolfgang Schäuble zum Beispiel oder die berüchtigten „Sommerinterviews“ mit den Parteivorsitzenden…

Wer sich gelegentlich das ORF-Nachrichtenmagazin ZIB 2 ansieht, weiß, dass Armin Wolf den meisten seiner deutschen Fernsehkollegen einiges voraus hat. Wolf „geht ran“. Er zeigt keine Angst vor nix und niemand. Insbesondere seine Befragungen österreichischer FPÖ-Politiker haben es in sich und bewegen sich oft auf einem schmalen Grat. Und man könnte sagen: Wow, das ist „kritischer Journalismus“!

Offen gestanden: Ich weiß nicht so genau, was „kritischer Journalismus“ sein soll. Wenn ich mir ein Interview ansehe, interessiert mich vor allem eines: Sagt der Interviewpartner mir etwas Neues? Bringt er mich dazu, meine Ansichten zu korrigieren? Verstehe ich ihn jetzt besser? Hat das Bild, das ich mir von ihm machte, neue Facetten erhalten?

Unter diesen Gesichtspunkten betrachtet, war Wolfs Putin-Interview für die Katz. Es war letztlich unergiebig. Und die wenigen Dinge, die ich interessant fand, hat der ORF obendrein aus der gesendeten Fassung herausgeschnitten.

Also: Von einem gewissen Unterhaltungswert abgesehen, verlief das Interview enttäuschend. Warum war das so? Nach meinem Eindruck agierte Armin Wolf nervös und unsicher. Das ist verständlich. Putin zu interviewen, ist zwar eine tolle Sache, aber gewiss keine einfache. Jörg Schönenborn kann ein Lied davon singen – siehe hier und hier.

Wolf war offenkundig übermotiviert. Auf seinem Blog beschrieb er, warum der russische Präsident ein anspruchsvoller Gesprächspartner sei und worauf man aufpassen müsse. In diesen Verlautbarungen gerierte er sich fast wie ein Schwergewichtsboxer, der sich auf seinen großen Kampf vorbereitet und seinen Gegner schon mal taxiert.

Es ist zwar erfreulich, dass Wolf kein „Sommerinterview“ gemacht hat. Aber es ist unerfreulich, dass er ins andere Extrem verfiel. Er war offenbar von dem Ehrgeiz getrieben, der Welt zu zeigen, wie man Putin mal so richtig auf den Zahn fühlt. Und da paarten sich seine Nervosität und Unsicherheit auf unangenehme Weise mit seiner Eitelkeit und Selbstüberschätzung. Statt Putin mit kritischen Aussagen anderer zu konfrontieren, bezog Wolf selbst Position, nahm also Partei – und dann wunderte er sich, wenn Putin ihm Gegenfragen stellte, von denen er überfordert wurde.

Dann waren da die zahlreichen Unterbrechungen, die das Gespräch immer wieder auf eine störende „Meta-Ebene“ brachten. Selbstverständlich ist es keine Majestätsbeleidigung, Putin zu unterbrechen. Aber es ist kontraproduktiv, wenn es einen seiner Gedankengänge lediglich abwürgt; sinnvoll sind Unterbrechungen nur, wenn sie das Gespräch dynamischer machen und in eine konstruktive Richtung lenken.

Gestern nun bin ich eher zufällig in ein „spiegelbildliches“ Interview bei RT geraten. Die Russin Oksana Boyko befragte den österreichischen Ex-Kanzler Wolfgang Schüssel. Zwar ist Schüssel nicht mehr in Amt und Würden und kann deshalb vergleichsweise offen reden; dennoch sind die beiden Interviews durchaus vergleichbar. Und die Unterschiede könnten kaum größer sein.

Obwohl das RT-Interview wesentlich kürzer war (nur gut 25 Minuten), hatte es erheblich mehr Substanz. Boyko fragte „kritisch“, war jedoch an keiner Stelle auf sinn- und fruchtlose Konfrontation aus. Sie zeigte sich bestens vorbereitet, fachlich kompetent und souverän. Weshalb sie auch nicht ständig auf ihr Tablet schielen musste. Sie nahm Argumente ihres Gegenübers auf und führte sie weiter. Ja, sie diskutierte.

Zudem beherrscht Boyko die Kunst des konstruktiven Unterbrechens. Oder sie wirft mal eben schnell ein Argument ein, ohne dass es zu einer wirklichen Unterbrechung kommt. Dazu ihre Körpersprache und Mimik: Sie lächelt und nickt, wenn Schüssel etwas erklärt, womit sie keineswegs unbedingte Zustimmung signalisiert; vielmehr gibt sie zu erkennen, dass sie das Argument ihres Gesprächspartner verstehen und nachvollziehen kann. So vermeidet man unnötige Schärfe.

Besonders interessant: Im zweiten Teil des Gesprächs ging es um die Regime Change-Politik des Westens. Statt an dieser Stelle eine Breitseite auf Schüssel abzufeuern und ihn moralisierend in die Enge zu treiben, beließ Boyko es dabei, kurz und sehr zurückhaltend an die Libyen-Intervention zu erinnern; sie konzedierte dem Westen in diesem Zusammenhang sogar „gute Absichten“. Schüssel nahm den Ball auf und formulierte sodann eine Fundamentalkritik westlicher Interventionspolitik („military intervention from outside, forget it!“). Hätte Boyko es anders gemacht, also den Westen frontal attackiert, wäre Schüssel notgedrungen in die Defensive gegangen und hätte sich seine überaus selbstkritische Bewertung westlicher Politik vermutlich verkniffen.

Kurzum: Ein vorbildliches Interview.

Bleibt die Frage, wer denn nun hier der „Staatssender“ ist: RT oder der ORF?

2 Kommentare zu „Zwei Interviews – zwei Welten

  1. Ihrer Betrachtung kann ich nur zustimmen. Ich bin mir fast sicher, auch die Rezensenten in den Medien haben es ähnlich gesehen. Doch, und das ist die Krux bei der mit Narrativen vollgekleisterten Berichterstattung, da man Wolf nicht wirklich loben konnte, erging man sich in einer insgesamt ambivalenten, aber größtenteils unkritischen Besprechung. (Beispiel „Meedia“: Harter Fragensteller, schwieriger Gesprächspartner: Armin Wolfs Putin-Interview ist ein journalistisches Lehrstück)

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