Zwei Interviews, zwei Welten – und ein Nachtrag

Am 8. Juni 2018 hatte ich an dieser Stelle einen kleinen Beitrag zum ORF-Interview mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin veröffentlicht. Ich verglich Armin Wolfs Gesprächsführung mit einem kurze Zeit später ausgestrahlten RT-Interview, in dem Oksana Boyko den früheren österreichischen Bundeskanzler Wolfgang Schüssel befragte.

Der Kollege Paul Schreyer hatte kurz danach Armin Wolf per Twitter auf meinen Beitrag aufmerksam gemacht. Daraufhin entwickelte sich eine kleine Debatte zwischen den beiden. Wolf fand meinen Text „bisschen absurd“ bzw. „etwas schräg“ und warf mir vor, Äpfel mit Birnen verglichen zu haben.

Kein Problem. Das kann man so sehen.

Im weiteren Verlauf des Gedankenaustauschs monierte Schreyer, dass Wolf in seinem Interview im Wesentlichen die „Talking Points westlicher Propaganda“ abgearbeitet habe. Des Weiteren stellte er fest:

„Mir erscheint es als ‚Sport‘ unter Journalisten, Putin ‚schlecht aussehen‘ lassen zu wollen. Das ist nicht nur langweilig, sondern auch nicht im Sinn von Völkerverständigung. Wir brauchen Brücken, keine Gräben.“

Worauf Armin Wolf Folgendes erwiderte:

„… Völkerverständigung ist nicht mein Job, sondern Aufklärung. Bin Journalist, nicht Diplomat.“

Ich respektiere zwar auch diese bemerkenswerte Aussage Armin Wolfs, bin aber dezidiert anderer Ansicht. Das hier aufscheinende Journalismus-Verständnis ist mir völlig fremd. Ich kann damit nichts anfangen. Und ich glaube auch nicht, dass Aufklärung und Völkerverständigung sich wechselseitig ausschließen, im Gegenteil.

Nun gut. Messen wir Wolf an seinem eigenen Maßstab, dem der „Aufklärung“!

Ich hatte mich in meinem ursprünglichen Beitrag, dem Wolf-Boyko-Vergleich, fast ganz auf formale Gesichtspunkte konzentriert und bin auf die inhaltliche Ebene der Interviews nicht näher eingegangen. Hätte ich das getan, wäre ich zum gleichen Ergebnis wie Paul Schreyer gekommen. Wolf arbeitete in der Tat die „Talking Points westlicher Propaganda“ ab: von den „grünen Männchen“ auf der Krim bis zu MH 17, von der Petersburger Trollfabrik bis zu Navalny, von den russische Beziehungen zu europäischen „Rechtspopulisten“ bis hin zum nackten Oberkörper des Präsidenten etc.

Selbstverständlich hätte man auch ganz andere, möglicherweise relevantere Fragen stellen können: zum NATO-Aufmarsch an der russischen Westgrenze und den damit verbundenen russischen Bedrohungsängsten, zu Putins Vision einer multipolaren Welt, zur eurasischen Orientierung des Landes, zum Stellenwert des Völkerrechts in der russischen Außenpolitik, zu den von Putin Anfang März präsentierten russischen „Wunderwaffen“, zu den Ursachen des „neuen Kalten Krieges“, zu den Hoffnungen auf eine mögliche europäische Neuorientierung gegenüber Russland im Angesicht von Trump, zum Verhältnis von individueller Freiheit und Sicherheit/Stabilität in der russischen Innenpolitik, zu den Defiziten der russischen Zivilgesellschaft…

Aber bleiben wir im „Wolf-Kosmos“ und greifen beispielhaft eines seiner wichtigsten Themen heraus: die „Krim-Annexion“.

Dass die Krim von Russland „annektiert“ wurde, ist gesichertes Wissen des westlichen Mainstreams. Erst gestern titulierte Peter Frey in einem „heute journal“-Kommentar Wladimir Putin kurzerhand als „Völkerrechtsbrecher“.

Selbstverständlich kann man über das russische Vorgehen auf der Krim geteilter Meinung sein. Aber wieviel Chuzpe, Heuchelei, Arroganz und propagandistische Unverfrorenheit gehört dazu, Russland wegen seiner Krim-Politik an den Pranger zu stellen und in diesem Zusammenhang die zahllosen (und andauernden) Völkerrechtsbrüche und Kriegsverbrechen des Westens einfach auszublenden? Die Liste (aus jüngerer Zeit) reicht von Jugoslawien über Afghanistan, den Irak, Libyen, Syrien bis hin zum Jemen.

Putin hat sich bemüht, auf Wolfs Krim-Fragen zu antworten – ohne vom Thema abzulenken. Hätte er anders agiert, also zunächst einmal eine Gegenrechnung aufgemacht und die eben genannten westlichen Verfehlungen aufgezählt, hätte Wolf ihm vermutlich „Whataboutism“ vorgeworfen…

Wie war das noch mit der „Aufklärung“?

Warum hat Wolf – bevor er das Thema Krim aufgriff – nicht beispielsweise diese Frage gestellt:

„Herr Präsident, kurz vor dem militärischen Eingreifen Russlands in den Syrien-Krieg haben Sie eine vielbeachtete Rede vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen gehalten. Dort fragten Sie bezüglich der westlichen Interventions- und Kriegspolitik im Nahen Osten und in Nordafrika: ‚Versteht ihr wenigstens jetzt, was ihr angerichtet habt?‘ Was bzw. wen haben sie da konkret gemeint?“

Zugegeben, damit hätte Wolf dem russischen Präsidenten „einen Ball zugespielt“. Aber er hätte – mit Blick aufs Publikum – „aufklärerisch“ gewirkt. Zudem hätte er das für Putin neuralgische Krim-Thema relativiert und kontextualisiert, ihn vielleicht sogar dazu gebracht, in diesem Zusammenhang die eine oder andere argumentative Konzession zu machen.

Zu spät. Die Sache ist gelaufen. Wolfs Interview setzte keinen „aufklärerischen Rahmen“, sondern blieb im wohlvertrauten „propagandistischen Rahmen“. Es war, leider, more of the same.

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