Mangelnder Spielwitz

BILD-Stürmer Julian Röpcke braucht dringend eine Auszeit

Erst vor wenigen Tagen habe ich an dieser Stelle den geschätzten „Welt“-Redakteur Richard Herzinger ermahnt, in seinem heroischen und ohne jeden Zweifel berechtigten Kampf gegen das despotische Putin-Regime kühlen Kopf zu bewahren, also taktische Fehler zu vermeiden und nicht übers Ziel hinauszuschießen.

Es versteht sich von selbst, dass ich in meinen gut gemeinten Rat stillschweigend auch manch übereifrigen Kollegen Herzingers eingeschlossen habe. Ungestümes Vorpreschen, unkontrollierte Distanzschüsse, Stürmerfouls – das alles schadet der westlichen Sache und wird vom abgezockten Kreml-Kollektiv gnadenlos ausgenutzt.

Nehmen wir Julian Röpcke, Herzingers Mitstreiter bei Springers „Bild“. Am 26. Juni, während ich mit meiner Tochter und ihren Freunden einen turbulenten siebten Kindergeburtstag feierte, twitterte der stets übermotivierte Röpcke Folgendes:

Wieder hat die Ukraine einen Informationskrieger des Kreml abgestraft. Wieder wird das Putin-Regime „Aber Meinungsfreiheit!“ brüllen. Wieder ist die ukrainische Entscheidung 100% richtig.

Der Hintergrund: Die Ukraine hatte der RT-Korrespondentin Paula Slier die Einreise verweigert. Die Informationskriegerin des Kreml wollte aus Kiew über eine OSZE-Medienkonferenz zum Thema Pressefreiheit berichten, durfte aber nicht. Röpcke findet das prima.

So weit, so gut. Selbstverständlich hat Röpcke vollkommen Recht, wenn er RT als Waffe im tobenden Informationskrieg wahrnimmt und sich weigert, die nicht enden wollenden Propaganda- und Desinformationskampagnen dieses Senders als „Journalismus“ durchgehen zu lassen. Insofern liegen alle Vorwürfe, Röpcke wolle die Meinungs- oder Medienfreiheit knebeln, weit neben der Sache. Darauf brauchen wir nicht näher einzugehen.

Doch aufgepasst! Röpcke ist nicht gerade für technische Feinheiten oder sonderlichen Spielwitz bekannt. Er schießt bedenkenlos aus jeder Lage, hält einfach mal drauf. Immer nach dem Motto: „Vielleicht geht das Ding ja rein!“

Was im Fußball aller Ehren wert ist und von den Fernsehkommentatoren in der Regel mit einem anerkennenden „Warum nicht!?“ belobigt wird, ist jedoch im Journalismus eine zweischneidige Sache.

So hat Röpcke seine Attacke auf die Informationskriegerin Paula Slier geritten, ohne zu erwägen – und vermutlich auch ohne zu wissen –, dass sie Jüdin ist. Slier zählt Israel sogar zu ihren „Lieblingsländern“. Ja, sie berichtet von dort! Immerhin leitet sie das Mittelost-Büro ihres Senders.

So schwer mir dieses Eingeständnis fällt: Ich kann auch bei schlechtestem Willen in der Israel-Berichterstattung Paula Sliers keine tiefgreifenden Unterschiede etwa zur Arbeit der ARD-Korrespondentin Susanne Glass erkennen. Ich glaube, ehrlich gesagt, auch nicht, dass Israels Premier Netanjahu in Paula Slier eine Informationskriegerin sieht. Jedenfalls nicht, wenn er sie mit Gideon Levy, Uri Avnery oder Moshe Zuckermann vergleicht.

Doch damit nicht genug! Paula Slier ist nicht nur Jüdin, sondern stammt aus einer Familie von Holocaust-Opfern. In ihrer bewegenden, vor drei Jahren entstandenen RT-Dokumentation „119 Lives Unlived“ hat sie dem grausamen Schicksal ihrer Vorfahren nachgespürt.

Selbstverständlich hat Röpckes spontane, von irgendwelcher Sachkenntnis ungetrübte Attacke auf Paula Slier nicht das Geringste mit unterschwelligem Antisemitismus zu tun. Das ist schon durch den entsprechenden Unternehmensgrundsatz des Springer-Konzerns („Wir unterstützen die Lebensrechte Israels“) absolut ausgeschlossen.

Nein, es ist viel einfacher – und zugleich viel schlimmer: Röpckes Schuss aus der Hüfte war einfach nur dumm. Wenn wir unseren existenziellen Kampf gegen das diabolische Putin-Regime siegreich bestehen wollen, können und dürfen wir uns solche Dummheiten, solche Fehler einfach nicht leisten.

Gewiss, Röpcke ist einer von uns. Und er wird einer von uns bleiben. Doch er hat der gemeinsamen Sache durch seinen unbedachten Angriff schweren Schaden zugefügt. Er hat uns – man muss es so deutlich sagen – einen russischen Bärendienst erwiesen.

Es wird höchste Zeit, Julian Röpcke auszuwechseln und zum Duschen zu schicken. Der Mann braucht jetzt eine harte Hand und eine Auszeit. Bei den kommenden Spielen sollte er auf der Bank Platz nehmen, besser noch: auf der Tribüne. Der Kampf gegen Putin erfordert echte Leistungsträger. Die ewigen Talente sorgen nur für Gefahr im eigenen Strafraum.

Dieser Text wurde für das Online-Magazin Rubikon geschrieben – hier veröffentlicht.

2 Kommentare zu „Mangelnder Spielwitz

  1. „Wenn wir unseren existenziellen Kampf gegen das diabolische Putin-Regime siegreich bestehen wollen, können und dürfen wir uns solche Dummheiten, solche Fehler einfach nicht leisten.“
    Ich finde auch, dass Röpckes Aussage falsch ist. Doch sie damit zu begründen, dass es dem gemeinsamen „Auftrag“ zuwiderläuft, finde ich zumindest erhellend. Wer Brzezinskis Buch „The grand chessboard“ gelesen hat, der wird Russland auch eigene Interessen zugestehen müssen. Auf diesem Hintergrund ist die Zustimmung zu Putin im eigenen Land sicher nicht mit Wahlbetrug oder Repression zu erklären. Wer bis an den PNAC zurückgeht, wird feststellen, dass die NATO sicher keine Friedenstruppe ist.

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