Eher nicht…

…sagen Volker Bräutigam und Friedhelm Klinkhammer

Maren Müller / Volker Bräutigam / Friedhelm Klinkhammer: Zwischen Feindbild und Wetterbericht. Tagesschau & Co. – Auftrag und Realität. PapyRossa Verlag 2019, 253 Seiten, € 16,90

Aber ja doch, auch wir, die Journalisten der Leit- und Qualitätsmedien, machen Fehler. Wir sind auch nur Menschen, mit allen Unzulänglichkeiten, die das Menschsein so mit sich bringt. Trotz redlichster Bemühungen sind wir nicht vollkommen. Wie überall, so findet sich auch in unseren Reihen zuweilen ein schwarzes Relotius-Schaf. Und gewiss, trotz aller Akribie und Sorgfalt unterlaufen uns Irrtümer. In der mörderischen Hektik unseres beruflichen Alltags kann schon mal etwas schiefgehen. Dafür solltet ihr, liebe Leser, Hörer und Zuschauer, Verständnis aufbringen.

Wesentlich ist doch: Wenn wir tatsächlich falsch gelegen haben, was selten genug vorkommt, dann geben wir es zu. Wir korrigieren uns. Wir arbeiten dran. Wir werden jeden Tag ein bisschen besser. Unsere Selbst- und Qualitätskontrolle funktioniert. Wir sind nicht für uns oder andere da, sondern für euch, das Publikum. Wir haben stets die besten Absichten. Vertraut uns!

Dieses schmeichelhafte Selbstbild des Mainstream-Journalismus, sei‘s in Deutschland oder anderswo, hat mit der trostlosen Wirklichkeit wenig zu tun. Wobei es letztlich keine große Rolle spielt, ob ein Medium privatwirtschaftlich oder staatlich verfasst ist, oder ob es in jener merkwürdigen, degenerierten Mischform daherkommt, die man hierzulande als „öffentlich-rechtlich“ bezeichnet.

Zugegeben, hier und da haben Medien, etwa im Zusammenhang mit der desaströsen Ukraine- und Russlandberichterstattung, Fehltritte eingeräumt. Man hat sich entschuldigt. Doch man tat es nur, wenn es gar nicht mehr anders ging. Wenn also das Berichtete nachweisbar sachlich falsch war, die Fehlinformation so eklatant, dass kein anderer Ausweg mehr blieb, so man denn das Gesicht wahren wollte.

Dabei sind sachliche Fehler noch das geringste Problem! Aber schon angesichts dieser eher einfach zu ergründenden Fälle (stimmt’s oder stimmt’s nicht?) stellen sich unangenehme Fragen: Warum handelt es sich immer um pro-westliche „Fehler“? Und warum nie um pro-russische? Oder pro-chinesische? Gemäß der Gauß’schen Normalverteilungskurve müsste man doch erwarten, dass von den „Fehlern“ mal die einen und mal die anderen profitieren. Es wäre wie im Fußball, wo sich die Fehlentscheidungen der Schiedsrichter – über die Saison betrachtet – irgendwie ausgleichen und es am Ende halbwegs gerecht zugeht.

Und dann die Entschuldigungen! Sie sind löblich, sicher. Aber ist es damit getan? Und alles in Ordnung? Selbstverständlich nicht. Sachliche Irrtümer können in der Tat jedem und überall unterlaufen. Die eigentliche Misere liegt ganz woanders: in einer insgesamt tendenziösen, manipulativen Berichterstattung und Kommentierung, die unseren Medienschaffenden inzwischen zur zweiten Natur geworden ist, so selbstverständlich, dass sie ihnen kaum noch auffällt. Weshalb auch die viel gestellte Frage, warum Journalisten so und nicht anders handeln, letztlich belanglos ist. Tun sie es aus innerer Überzeugung? Oder wider besseres Wissen (also zynisch)? Oder mit geballter Faust in der Tasche? Aus Karrierismus oder Opportunismus? Fragen dieser Art führen auf die falsche Spur. Denn das Problem lässt sich längst nicht mehr auf der individuellen Ebene lokalisieren. Es hat systemische Qualität angenommen.

Ob New York Times, Le Monde oder der Guardian, ob FAZ, Süddeutsche oder Die Welt, ob CNN oder BBC, ob ARD oder ZDF – sie alle unterdrücken absichtsvoll wichtige Nachrichten, sie alle gewichten einseitig (pushen also die ihnen genehmen Informationen und halten die weniger genehmen weit unten), sie alle versehen Nachrichten mit einem Spin (liefern die Meinung, die man dazu haben soll, gleich mit), sie alle messen mit zweierlei Maß, bedienen sich verbindlicher Sprachregelungen, konstruieren interessengeleitete Narrative, fahren Kampagnen, betreiben Propaganda. Und sie tun es alle auf die gleiche Weise. Es herrscht ein frappierender medialer Gleichklang. Statt vitaler Pluralität erleben wir eine stetig wachsende Homogenisierung des Mainstreams.

Bei alledem handelt es sich nicht um Fehler oder Unzulänglichkeiten. Es ist so gewollt. Es soll so sein. Die immer noch verbreitete Vorstellung, Medien berichteten „einfach so“, also interesselos, nach bestem Wissen und Gewissen, ist von bestürzender Naivität. Medien sind für die Herrschenden (auch in den selbst ernannten Demokratien) viel zu wichtig, als dass sie sich selbst überlassen werden könnten. Sie sind ins jeweils gegebene Macht- und Herrschaftssystem integriert. Im Zweifelsfall, wenn es ernst wird, wenn es darauf ankommt, dienen sie den etablierten Mächten, in deren Besitz oder unter deren Kontrolle sie sich befinden.

Es handelt sich um Systemmedien. Mit welcher Wucht die Besitz- und Kontrollstrukturen durchschlagen, hängt freilich von den jeweiligen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ab. In ruhigen, stabilen Zeiten zeigen sich auch die Herrschenden großzügig und liberal; da dürfen die Medien an der langen Leine laufen. So war es in den 1960er und 70er Jahren (die Älteren erinnern sich noch). In Krisen- und Kriegsperioden – wie gegenwärtig – sieht es ganz anders aus. Da wird der Zugriff hart und unerbittlich. Von „vierter Gewalt“ kann dann keine Rede mehr sein. Auch nicht davon, dass Medien eine irgendwie umfassende Informationsgrundlage bereitstellten, die uns eine unabhängige Urteilsbildung ermöglichen würde. Oder dass sie einen offenen und ehrlichen gesellschaftlichen Diskurs organisierten. Stattdessen gießen sie fleißig Öl ins Feuer, im Innern und nach außen.

Mainstream-Medien agieren immer seltener als Wachhunde und immer öfter als Kampfhunde. Sie ergreifen einseitig Partei – auch insofern, als sie sich dem Dialog mit ihren Kritikern verweigern. Von den zahllosen, wohlbegründeten Programmbeschwerden Volker Bräutigams und Friedhelm Klinkhammers gegen das Gebaren von ARD-aktuell (verantwortlich für Tagesschau und Tagesthemen) fand bezeichnenderweise keine einzige die Anerkennung der Betroffenen. Sie wurden abgebügelt, ausnahmslos – und dies trotz erdrückender Beweislast. Trotzig beharrte man in der Hamburger Nachrichtenzentrale darauf, richtig gelegen zu haben, obwohl man nachweislich falsch lag.

Die wenigen echten Journalisten, die in diesem lebensfeindlichen Milieu ausharren, die es anders machen oder anders machen wollen, kämpfen auf verlorenem Posten. Sie sind Auslaufmodelle, ihre Tage sind gezählt. Es haben sich weltweit mediale Machtstrukturen herausgebildet, die den Gedanken an „Medienreform“ illusorisch erscheinen lassen. Der Point of no return ist überschritten.

Was tun? Volker Bräutigam und Friedhelm Klinkhammer haben es längst aufgegeben, Programmbeschwerden zu verfassen. Aus gutem Grund – und schon aus Selbstachtung. Doch sie sind weiterhin medienkritisch unterwegs. Auch dies aus gutem Grund. Medienkritik ist unverzichtbar. Aber sie braucht eine Zielgruppe, für die sich der ganze Aufwand lohnt. Nicht an die medialen Schleusenwärter und ihre Fußtruppen sollte sie sich wenden (das wäre vergebliche Liebesmüh), sondern an die letztlich Betroffenen, an uns, an die Rezipienten. Wir brauchen Unterstützung, wir benötigen medienkritische Kompetenz, uns gilt es aufzuklären.

Dass Medien Partei sind, haben inzwischen große Teile des Publikums gemerkt – und sie sind verstimmt. Sie artikulieren ihren Frust, zum Leidwesen der Macher. Gut so! Und weiter so! Aber es gibt nach wie vor viele Menschen (zu viele), die sich jeden Abend um 20 Uhr andächtig vor dem Fernseher versammeln in der irrigen Erwartung, umfassend und wahrheitsgemäß über das Tagesgeschehen informiert zu werden.

Auch diese Menschen gilt es zu erreichen. Skepsis, Misstrauen, Zweifel sind nur erste Schritte. Der zweite Schritt wäre, sich bei allem, was man in Nachrichtenmedien liest, sieht oder hört, einige Standardfragen zu stellen. Zum Beispiel: Wer will wem was damit sagen? Warum gibt man mir ausgerechnet diese Information? Was soll mir die Information mitteilen? Wer könnte ein Interesse daran haben, dass ich das weiß? Ist die Information überhaupt für mich, den Durchschnittsleser, -zuschauer, -hörer, bestimmt? Oder hat sie einen ganz anderen Adressaten? Und wer könnte das sein? Entspricht die Information den Tatsachen? Gibt es andre, zusätzliche Informationen, die man mir vorenthält? Und so weiter.

Volker Bräutigam und Friedhelm Klinkhammer gehen in ihren neuen Buch „Zwischen Feindbild und Wetterbericht: Tagesschau & Co. – Auftrag und Realität“ noch weit über solche Fragen hinaus. Medienkritik, wie sie von ihnen betrieben wird, ist Schwerstarbeit. Sie ist eine willkommene, dringend notwendige Dienstleistung für ein Publikum, das sich nicht mit der täglichen Manipulations- und Propagandadosis abspeisen lassen will. Die beiden Autoren statuieren medienkritische Exempel, sie veranstalten einen medienkritischen Crashkurs, sie zeigen und lehren uns, wie man’s macht – wohl auch in der Hoffnung, „Nachahmungstäter“ zu animieren. Denn: In einer von Medien geprägten Welt kann es gar nicht genug Medienkritik geben – und gar nicht genug Medienkritiker.

Die wichtigste Lehre aus diesem Buch: Vertraut niemals (niemals!) nur einem einzigen Medium! Informiert euch kritisch-vergleichend, aus den verschiedensten Quellen, wenn irgend möglich auch aus dem prosperierenden (und von den etablierten Mächten bekämpften) medialen Alternativsektor! Entwickelt eine skeptische Grundhaltung – immer und überall! Wenn euch das gelingt, könnt ihr am Ende sogar die Tagesschau mit Gewinn konsumieren. Denn: Selbst Desinformation ist informativ, wenn man sie als solche erkennt.

 

2 Kommentare zu „Eher nicht…

  1. Dass es sich bei der Einseitigkeit nicht um Fehler, sondern um gewollte Propaganda handelt, sieht man leider auch aktuell wieder an dem völligen Blackout bezüglich der OPCW-Leaks. Obwohl mich das eigentlich nicht mehr überraschen sollte, bin ich trotzdem fassungslos, das über einen Skandal dieses Ausmaßes einfach nicht berichtet wird.

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s