Franz von Assisi und der Hygienestaat

Bis er Mitte zwanzig war, führte Franz von Assisi, der heilige Franziskus, nach eigenem Bekenntnis ein Leben in Sünde. In jener verlorenen Zeit erschien es ihm zum Beispiel „gar bitter, Aussätzige zu sehen“. Nach seiner Wendung zu Gott änderte sich dies grundlegend: „… der Herr selbst führte mich unter sie [die Aussätzigen], und ich tat Barmherzigkeit an ihnen. Und beim Scheiden von ihnen wurde mir das, was mir bitter schien, in Süßigkeit des Geistes und des Körpers verwandelt.“

Der Theologe und Kirchenhistoriker Walter Nigg hat Franz von Assisis Begegnung mit den Aussätzigen in einem erstmals 1947 publizierten Essay beschrieben:

„Die Leprosen hatten Franziskus von jeher Ekel und Grauen eingeflößt. Der Anblick ihrer verfaulten Glieder weckte in ihm einen solchen Widerwillen, dass es ihm bitter war, sie anzusehen, und noch schwerer ertrug der gepflegte junge Mann ihren stinkenden Geruch. Der Aussatz war für Franziskus in seinen Jünglingsjahren nicht wie für das Mittelalter eine ‚heilige Krankheit‘; er empfand nur den denkbar größten Abscheu vor den von ihm betroffenen Menschen. Er ging den Aussätzigen grundsätzlich aus dem Weg. Auf zwei Meilen Entfernung hielt er sich mit der Hand die Nase zu, wenn er einem begegnete.

Dieses Grauen ist durchaus begreiflich, denn den Anblick der furchtbar entstellten Gestalten kann man sich nicht schrecklich genug vorstellen. Da geschah es einst, dass Franziskus sich auf einem einsamen Spazierritt in der Nähe von Assisi unerwartet einem solch schauerlich zugerichteten Menschen gegenüber sah, sich bei ihm wieder spontan die heftigsten Ekelgefühle regten. Er war gerade im Begriffe umzukehren, als er unschlüssig noch ein wenig zauderte und sich dann überwindend entschloss, von seinem Pferde zu steigen.

In eine neue Situation geraten, von der Franziskus das Gefühl bekam, ‚der Herr selbst habe ihn dahin geführt‘, gab er, von Mitleid übermannt, diesem von Gott geschlagenen Mann seine Geldbörse. Und nicht genug damit. Es geschah noch etwas ganz Unerwartetes. Sein ablehnendes Widerstreben niederkämpfend, umarmte er plötzlich den Aussätzigen und ‚küsste ihn‘ mit glühender Inbrunst.

Bei der Betrachtung dieses Vorganges wagt man kaum zu atmen. Mit einer beinahe übermenschlichen Selbstüberwindung hatte der noch im Weltleben befangene Franziskus den ersten Sieg über sich errungen, und er empfand ihn auch als eines seiner freudigsten Erlebnisse. Die mühsam erkämpfte Selbstverleugnung ausnutzend, begab er sich wenige Tage darauf ins Hospital der Aussätzigen, wusch mit eigener Hand den Eiter von den schwärenden Wunden und ließ sich wiederum ungeachtet der übelriechenden Fäulnis zuletzt nicht davon abhalten, ihnen ‚Hand und Mund zu küssen‘.

Dieses Berühren der Aussätzigen mit den Lippen … hat nichts mit einer krankhaften Neigung des Heiligen zu tun. Wohl aber zertrümmert es die rührselige Franziskus-Schwärmerei mit einem Schlag. … Die … rätselhafte Fremdheit des Franziskus kommt einem bei dieser küssenden Gebärde überwältigend zum Bewusstsein. Der heutige Mensch kann sie mit seinem natürlichen Lebensgefühl kaum zusammenbringen. Und doch schaut man wie gebannt auf diese ‚Barmherzigkeit, die er an ihnen tat‘. Auf alle Fälle kommt man Franziskus innerlich nur nahe, wenn man geistig bereit ist, mit ihm den schweren Gang zu den ekelerregenden Aussätzigen anzutreten. Das ist der erste Engpass, durch den jede ernsthafte Begegnung mit diesem Heiligen hindurchgehen muss, wenn sie erneuernde Kräfte entbinden will.“

***

Franz von Assisi wirkte bis 1226. Er lebte in einer Zeit, die wir oft und herablassend als „finsteres Mittelalter“ bezeichnen und von der wir annehmen, dass sie in denkbar schärfstem Kontrast zu unserem ach so aufgeklärten 21. Jahrhundert stehe.

An Franz von Assisi kann man erkennen, wie weit es mit uns gekommen ist. Man stelle sich vor, der Namensgeber des amtierenden Papstes lebte noch unter uns. Mit einem Gefährder wie ihm würde der Hygienestaat nicht lange fackeln. Er hätte diesen großen Heiligen beizeiten verhaftet oder zumindest in Quarantäne gesteckt. Und die gesichtslose Maskengesellschaft hätte ihn längst zum Aussätzigen erklärt – und abgeschoben.

3 Kommentare zu „Franz von Assisi und der Hygienestaat

  1. Eine Debatte ist überfällig und notwendig. Katholisch erzogen und aufgewachsen, verbindet mich eine Hassliebe mit dieser Kirche. Ein überaus reiches kulturelles Erbe, seit jeher auch Austragungsebene für soziale Konflikte und gegensätzliche soziale Strömungen, in den Ordensgründungen und theologischen Kontroversen gespiegelt. Wirkmächtige Rituale und Gleichnisse, eine faszinierende Ideengeschichte. Ich singe gern ein Loblied auf den Roncalli Papst Giovanni XXIII. Er hat im Laufe seiner kirchlichen Laufbahn diplomatische Erfahrungen gesammelt und später als Papst z.B. in der mit einem Ultimatum gefährlich zugespitzten Cuba-Krise im Herbst 1962 vermittelnd eine Rolle gespielt. Davon haben wir sehr profitiert, auch wenn den Falken in den USA das nicht gefiel. Im April 1963 folgte Pacem in Terris und der Mord an JFK im November diesen Jahres. Pontifikat, Pontifex Maximus zu sein soll heißen: Brücken bauen. Die Kirche verfügt über ein erstklassiges Netz ihr verbundener und für sie ansprechbarer Informationskanäle weltweit. Sie kann sich ein zutreffendes Bild der Lage verschaffen. Es ist undenkbar, dass die Kirchenspitze in Rom keine Kenntnis vom monströsen Betrug durch die ausgerufene „Pandemie“ haben sollte. Sie schuriegeln gleichwohl wieder einmal diejenigen, die sich in kirchlichen Ämtern mutig zu Wort melden und schließen, ganz auf Linie der Machteliten, selbst zu Ostern die Kirchentüren zu. Kann man noch deutlicher zum Ausdruck bringen, wie wenig man von den zentralen Botschaften seiner Religion hält? Politics of Fear und Jesaja 41,8 – 10 sind ein auf der Hand liegendes Thema.

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  2. Zur Abwechslung mal wieder was zum Lachen (oder auch zum Weinen?) – echte politische Realsatire, aus der Vergangenheit.

    Es begab sich einst zu der Zeit in einem Frühjahr des Jahres 2000, der Trau tropfte noch von den Blättern und es fand ein berühmtes bayerisches Singspiel statt, mit Anklängen an Wüstenromantik.
    Dort wurde folgendes Lied vorgetragen, das ich aus Copyright-Gründen nur teilweise zitiere:

    Ich bin die Zuckerpuppe
    aus der Schwarzgeldtruppe
    von der Christlichen- Union.
    *
    Ich bin die Ossi-Biene,
    mit der Poker – Miene
    aus der Bimbesbastion.

    Ein bekannter ehemaliger bayerischer Ministerpräsident (gestürzt von einer bayerischen Landrätin), der einige Jahre im fernen Brüssel weilte, ohne jegliche Namensgleichheit zum Heutigen, kriegte sich nach dem 2. Absatz fast nicht mehr ein – im folgenden Video zu sehen:

    https://www.youtube.com/watch?v=9zPTLu669jE (2min07)

    Und vor ein paar Tagen stieß ich durch Zufall auf ein in Metall gegoßenes Zitat eines berühmten katholischen Rheinländers, der unsere Republik einige Jahre in den Anfängen regierte, mit ersten Anklängen an den Neoliberalismus und in Richtung Wiederbewaffnung trotz all der katastrophalen Kriegserlebnissen im ganzen Land. Das Zitat müsste eigentlich, angesichts des immer noch herrschenden Corona-Wahnsinns, den heutigen CDU-Oberen bis Weihnachten die Ohren schlackern lassen auf dass sie anschließend erst mal für ein halbes Jahr allesamt in Kur gehen und am Besten den Drosten und den Wieler gleich mitnehmen:

    „Frieden ohne Freiheit ist kein Frieden“.

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