Politische Angst – damals und heute

Kritiker wie Befürworter der Anti-Corona-Maßnahmen beziehen sich in ihren Kontroversen immer wieder auf die NS-Zeit und werfen sich wechselseitig eine Nähe zu nazistischem oder faschistischem Gedankengut vor. Das ist oft polemisch und unergiebig. In einer Hinsicht könnte sich allerdings der Vergleich zwischen damals und heute als fruchtbar erweisen. Die Erfahrung von „politischer Angst“ verbindet die Zeit des Nationalsozialismus mit dem Jahr 2020. Einige Reflexionen.

I.

Sie heiße Jana, sagte sie, komme aus Kassel – und fühle sich wie Sophie Scholl. Diese Aussage, gesprochen auf einer Demo gegen die Anti-Corona-Maßnahmen im November 2020, war für die Vertreter der alternativlosen Politik und ihre medialen Transmissionsriemen ein gefundenes Fressen. Sie echauffierten sich nach Kräften. Und so musste Jana jede Menge Empörung, Spott, Häme, dazu allerlei historische Belehrungen über sich ergehen lassen.

Nachdem sie die Sache gebührend ausgekostet hatten, begaben sich die Kampfhunde wieder zur Ruhe. Rückblickend kann man sagen: Ja, natürlich hat sich Jana erschreckend naiv benommen. Sie hätte wissen, zumindest ahnen können, dass ihr Sophie-Scholl-Vergleich – ausgesprochen in diesem Land, bei dieser Gelegenheit – sie in Teufels Küche bringen würde.

Was allerdings bei der ganzen Aufregung möglicherweise übersehen wurde, ist dies: Könnte Janas Satz vielleicht gar nicht so gemeint gewesen sein, wie die meisten von uns ihn verstanden haben? Darf man ihr wirklich vorwerfen, dass sie sich auf eine Stufe mit Sophie Scholl stellen, also ihren Protest gegen die „Maßnahmen“ zu einem anti-nazistischen Widerstand überhöhen wollte? Darf man ihr ankreiden, dass sie zwei grundverschiedene Dinge verwechselte, nämlich den legitimen Widerspruch in einer Demokratie mit dem tödlichen Widerstand in einer Diktatur?

Ich glaube, das darf man nicht. Ich vermute vielmehr, dass Jana etwas ganz anderes im Sinn hatte. Weiterlesen bei Multipolar –>

2 Kommentare zu „Politische Angst – damals und heute

  1. “Und die politische Angst ist meine ständige Begleiterin.”

    Angesichts der ‘gut funktionierenden Bürokratie’, die dazu verhilft, Verordnungen von ‘oben nach unten weiter zu reichen’, kann ich diese ‘politische Angst’ gut nachvollziehen. Diese Bürokratie ‘sorgt im Guten wie im Schlechten’ für reibungslose Abläufe, wendet sich allerdings in dem Moment gegen die Menschlichkeit, wenn Menschen in diesem Getriebe vor allem zu Verwaltungsobjekten degradiert werden.

    Einer solchen Bürokratie ist mit zu ‘verdanken’, dass Regierungen und Regierte, und das nicht erst seit der “Corona-Krise”, autoritären Versuchungen erliegen.

    Nein, es ist nicht der Hitler-Faschismus, der mit dieser Feststellung herauf beschworen werden soll. Es ist jedoch unabdingbar, sich strukturelle Analogien vor Augen zu halten, und dabei drängt sich Hannah Arendts “Banalität des Bösen” auf, das uns gemahnt, nicht zum ‘Hanswurst’ zu verkommen.

    Passend dazu folgender Text des israelischen Historikers Moshe Zuckermann: “Die Freiheit des Beamten”
    https://www.buchkomplizen.de/blog/autoren/zwischen-zwei-laendern/die-freiheit-des-beamten/

    Liken

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