Technik und Krise | Teil 2

Die Apologeten des „Great Reset“ setzen auf modernste Technik, um die existenzielle Krise des globalen Kapitalismus zu überwinden. Doch dieses Vorhaben ist zum Scheitern verurteilt, denn es basiert auf einem naiven, unterkomplexen Technikbegriff. Der vorliegende Beitrag entwickelt ein alternatives Verständnis moderner Technik und erläutert, warum diese nicht als Rettungsanker taugt, sondern eher als Brandbeschleuniger wirkt. Im Zentrum der Argumentation steht das Konzept eines global ausgreifenden technischen Systems.

Auch mit dem, was man landläufig unter „Technikdeterminismus“ versteht, hat die Vorstellung eines technischen Systems nichts zu tun. Der Begriff Technikdeterminismus leistet dem Eindruck Vorschub, die Technik sei ein von vermeintlich technikfreien gesellschaftlichen Sphären eindeutig abgrenzbarer Faktor der sozialen Entwicklung, ein Subsystem der Gesellschaft, das auf andere, nicht-technische Bereiche oder Subsysteme determinierende Wirkungen ausübe.

Weit angemessener ist demgegenüber das von dem Philosophen Gernot Böhme vorgeschlagene Bild einer „Technostruktur“, die „den gesellschaftlichen Körper wie ein Pilz [durchzieht]“. Worin sich das Konzept einer Technostruktur von einem deterministischen Erklärungsansatz unterscheidet, hat Böhme wie folgt erläutert:

„[Die Technik] ist in die Sozialstruktur eingedrungen, in die Formen sozialen Handelns, in die normativen Erwartungen, oder besser, sie ist selbst eine Sozialstruktur, eine Form gesellschaftlichen Handelns und ein Bestandteil des Regelkanons geworden. Es geht (…) nicht mehr um Technik als Ursache oder Technik als Gegenstand, sondern es geht um die technischen Formen von Gesellschaftlichkeit, oder besser gesagt um die Erkenntnis der fortschreitenden Technisierung gesellschaftlicher Wirklichkeit und der damit verbundenen Probleme.“

Und weiter:

„Das Thema einer Theorie der Gesellschaft in der technischen Zivilisation ist (…) nicht so sehr die Technik in der Gesellschaft und der ihr entsprechende gesellschaftliche Wandel, sondern die Technisierung der Gesellschaft. Die Produktion von Technik gehört zur gesellschaftlichen Reproduktion: Mit der Technik produzieren wir gesellschaftliche Strukturen.“

Die Folge: Es entstehen manifeste Sachzwänge und Denkzwänge; die einen sind von den anderen nicht zu trennen. Subjekt und Objekt, Mensch und Technik stehen sich nicht länger in einem Verhältnis von Herr und Knecht oder von Zweck und Mittel gegenüber, sondern sind zu einer neuen Einheit verschmolzen. Weiterlesen bei Multipolar –>

3 Kommentare zu „Technik und Krise | Teil 2

  1. Danke sehr Ulrich Teusch für den aufschlussreichen Artikel, der mich sehr inspiriert hat zu weiteren Gedanken. Zum Beispiel, dass mehr Technik zu mehr Unordnung führt, mehr Irrationalität (Goldstein: »Je mehr die eine Epoche das Dasein technisch rationalisiert, um so grösser wird die Summe der Irrationalitäten in der nächsten«) und dass mithilfe einer weiteren Technik versucht wird, eine neue Ordnung und neue Standardisierungen herzustellen bzw. neue Formen der KONTROLLE unabdinglich werden. Die Kontrolle entgleitet gleichsam mit jeder technischen Errungenschaft und muss neu hergestellt werden. Es ist ein in sich geschlossener Teufelskreis. Des Weiteren ist die Technikaffinität der Menschen mit narzisstischer Grundstruktur (great reset) durchaus verständlich, da sie sich vor den Menschen fürchten, vor Bindungen, Verpflichtungen und sozialer Verantwortung scheuen und die Technik ihnen die Möglichkeit bietet, den Menschen vom Menschen zu trennen. Also ein Territorium zu schaffen, auf dem sie sich wohl und nicht bedroht fühlen. Dies wird nie möglich sein, da der Mensch letztendlich unberechenbar und subversiv (im pos. Sinne) bleibt. Albert Camus schrieb 1942 – um bei den französischen Existenzialisten zu bleiben – in „Der Mythos des Sisyphos“: »Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen«. So können wir auch hier annehmen, dass die Versuche daran zu arbeiten ein Leben zu erfüllen vemögen. Es stellt sich jedoch die heikle Frage: Gibt es neben dem Sisyphos noch Welt?

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  2. Wohin Herrschafts- und Überlegenheitsgelüste führen, zeigt die Erzählung in der hebräischen Bibel vom Turmbau zu Babel. Und dass „Technik für den Menschen da ist und nicht der Mensch für die Technik“, das ist eine alte Weisheit, die schon der Nazarener Jesu zur Sprache brachte (Markus 2, 23 – 3, 6). Mit Allmachtsphantasien, auch mittels Technik, hat sich der Sozialpsychologe Horst Eberhard Richter vor über 30 Jahren in seinem „Gotteskomplex“ auseinander gesetzt.
    Mit Ihren tiefgehenden Analysen, lieber Ulrich Teusch, über „Technik und Krise“, knüpfen Sie für mich an o.a. Aussagen an und führen damit deutlich vor Augen, wohin die dystopische Reise gehen kann, wenn es nicht gelingt, die Herrschaft des Menschen, mit immer ausgefeilterten Techniken, über den Menschen aufzuheben.

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