Putins Staatsfeind Nr. 1

Neues von William Browder

Es gibt Neuigkeiten im Fall William Browder. Nachdem es dem einflussreichen Herrn bereits 2016 gelungen war, die auf ARTE angekündigte Ausstrahlung des Dokumentarfilms Der Fall Magnizki (engl.: The Magnitsky Act – Behind the Scenes) zu unterbinden, hat er nun Amazon veranlasst, das für ihn unangenehme Buch The Killing of William Browder aus dem Vertrieb zu nehmen.

Zur Vorgeschichte: Am 30. April 2016 hatte ich an dieser Stelle über den von ARTE angekündigten und dann kurzfristig abgesetzten Dokumentarfilm Der Fall Magnizki des (bis dato durch Putin-kritische Werke hervorgetretenen) russischen Journalisten Andrei Nekrasov berichtet. Auch eine geplante Vorführung des Films in den Räumen des Brüsseler EU-Parlaments musste abgesagt werden. Der britische Investment-Banker William Browder, der in dem Streifen nicht gut wegkommt, hatte mit rechtlichen Schritten gedroht. Browder ist hierzulande vor allem bekannt durch sein Buch Red Notice: Wie ich Putins Staatsfeind Nr. 1 wurde.

Einige Wochen später, am 15. Juni 2016, hatte ich in einem „Update“ auf die erste öffentliche Aufführung des Films im Washingtoner Newseum hingewiesen. Die anschließende Diskussion war von Seymour Hersh moderiert worden. Auch in den USA hatte Browder im Vorfeld der Aufführung seinen Einfluss geltend gemacht, aber diesmal vergeblich.

Seither habe ich die Entwicklungen nur noch sporadisch verfolgt. 2017 teilte mir Andrei Nekrasov mit, dass sein Film inzwischen auf mehreren Festivals gezeigt werden konnte (in Bergen, Stavanger, Helsinki, auf Nordisk Panorama in Malmö, in Moskau, in Oslo u.a.). Zudem wurde die Dokumentation für den Prix Europa 2016 in der Kategorie „TV Documentary“ nominiert; sie eroberte den 2. Platz (Special Commendation).

In Deutschland, so Nekrasov weiter, gestalte es sich besonders schwierig, einen Veranstalter zu finden. Am 24. Juni konnte dann endlich auch hier – in den Räumen der Berliner Volksbühne – eine erste Präsentation stattfinden.

Die Hürden, die einer breiten öffentlichen Rezeption des Films im Wege stehen, scheinen derzeit unüberwindlich. Wie der norwegische Produzent Torstein Grude dem US-Journalisten Robert Parry mitteilte:

„We have been unsuccessful in releasing the film to TV so far. ZDF/Arte … pulled it from transmission a few days before it was supposed to be aired and the other broadcasters seem scared as a result. Netflix has declined to take it. …

The film has no other release at the moment. Distributors are scared by Browder’s legal threats. All involved financiers, distributors, producers received thick stacks of legal documents (300+ pages) threatening lawsuits should the film be released.”

Von der ersten öffentlichen Aufführung im Washingtoner Newseum war William Browder selbstverständlich wenig entzückt. Im US-Senat trat er am 27. Juli 2017 als „Experte“ bei einer Anhörung auf, die sich mit der angeblichen russischen Einmischung in die Präsidentschaftswahlen beschäftigte. Browder vertrat dort die Ansicht, dass diejenigen, die für die Aufführung der „fake documentary“ in Washington verantwortlich seien, gegen den „Foreign Agents Registration Act“ von 1938 verstoßen hätten. Für ein solches Vergehen sind Gefängnisstrafen von bis zu fünf Jahren vorgesehen…

Dieser Tage wurde nun bekannt, dass nicht nur Nekrasovs Film der breiten Öffentlichkeit vorenthalten bleiben soll, sondern auch das im August 2017 veröffentlichte Buch The Killing of William Browder des aus Kroatien stammenden Hedgefonds-Managers Alex Krainer. Er hatte das Buch im Selbstverlag (über die Amazon-Plattform „CreateSpace“) in Monaco veröffentlicht.

Das Buch, schreibt Krainer, war etwa einen Monat auf dem Markt, als Browders Anwalt Jonathan Winer einschritt:

„He contacted CreateSpace and demanded that my book be delisted alleging that it contained defamatory content. CreateSpace promptly obliged, suppressing the book and instructing me that I needed to, ‚work with the disputing party until a resolution is reached.‘ Once I obtained the ‚disputing party’s‚ agreement, I would need to provide CreateSpace a confirmation from both parties so that they may ‚take action on the title as appropriate.‘

In other words, CreateSpace ‚burnt‘ my book at the request of Browder’s lawyers and obliged me to seek their consent to re-release it. The implication of this is very troubling. It seems that privileged elites may stand above scrutiny and deny everyone else freedom to express opinions that are unfavorable to them. By simply claiming that an author, journalist, or film maker has defamed them, they can force any content they dislike down the memory hole. For authors whose livelihood depends on the content they publish, this could be extremely intimidating and will lead to self-censorship.”

Wer sich über den Fall Browder vertieft informieren möchte, dem seien aus den vielen Artikeln der vergangenen Wochen und Monate drei besonders ans Herz gelegt: Die Analyse des früheren CIA-Mitarbeiters Philip Giraldi in The American Conservative, der Beitrag Robert Parrys auf Consortiumsnews und Israel Shamirs Betrachtungen in der Unz Review.

Ich selbst kann mir über Browder und die Magnizki-Affäre nach wie vor kein abschließendes Urteil bilden, weil ich Nekrasovs Film noch nicht gesehen habe und Krainers zweifellos hochinteressantes Buch noch nicht zur Gänze gelesen habe (es ist zwar bei Amazon nicht mehr verfügbar – lediglich über extrene Anbieter -, aber man kann es hier downloaden).

Jedoch möchte ich an dieser Stelle jene Frage wiederholen, die ich bereits am Ende meines ersten Artikels – auf Nekrasovs Film bezogen – gestellt habe:

„Wenn Browder den Film derart missbilligt, warum wartet er dann nicht die Ausstrahlung ab und überzieht dann die Verantwortlichen mit Klagen? Warum versucht er stattdessen die Ausstrahlung als solche zu verhindern? Hat er etwas zu verbergen, was in dem Film zur Sprache kommt?“

Diese Fragen stellen sich nun auch in Bezug auf Alex Krainers Buch.