Von der Spaltung zur Einheit?

500 Jahre Heilig-Rock-Wallfahrt in Trier

Es muss vor etwa zehn Jahren gewesen sein. Damals unterbreitete ich einer Hörfunk-Redaktion Vorschläge für ein satirisch gefärbtes Feature über katholische Reliquienverehrung. Im Zentrum sollte die berühmte Trierer Heilig-Rock-Wallfahrt stehen. Die Redaktion zeigte ein gewisses Interesse, meinte aber, andere Themen seien zurzeit wichtiger. Etwa zwei Jahre später erinnerte man sich meiner Idee – aus aktuellem Anlass. Denn in Trier stand für das Jahr 2012 eine Jubiläums-Wallfahrt auf dem Programm: Vor 500 Jahren war der Rock Christi der Öffentlichkeit zum ersten Mal gezeigt worden.

Mir war klar, dass sich damit mein ursprüngliches Vorhaben, ein feuilletonistisch-satirisches Stück zu produzieren, erledigt hatte. Jetzt war seriöser Journalismus gefragt. Ob ich persönlich dieser Wallfahrt oder dem Heiligen Rock etwas abgewinnen konnte, war nicht mehr von Belang.

Ich würde versuchen, mich dem Thema aus verschiedenen Perspektiven zu nähern, die Anliegen und Motive der Organisatoren und Besucher ebenso zur Geltung zu bringen wie die Bedenken und Einwände der Kritiker. Zudem wollte ich in meinem Beitrag, der den Charakter eines Vorberichts tragen und zum Beginn der Wallfahrt gesendet werden sollte, sowohl historische als auch aktuelle Bezüge herstellen.

Der Heilige Rock ist zweifellos die kostbarste Reliquie des Trierer Doms. Die Evangelisten berichten, dass Jesus das nahtlose Kleidungsstück bei seiner Kreuzigung getragen habe. Die heilige Helena, Mutter von Kaiser Konstantin dem Großen, soll den Rock bei ihrer Pilgerreise nach Jerusalem aufgefunden und der Trierer Kirche vermacht haben.

Ob dem tatsächlich so gewesen ist und ob der Rock „Echtheit“ beanspruchen kann, ist für die katholische Kirche unserer Tage eine nebensächliche Frage. Ihr kommt es auf die Symbolkraft der Tunika an: Sie stehe für die Einheit der Kirche, des Christentums.

In ihrer jahrhundertelangen Geschichte hat die Heilig-Rock-Wallfahrt allerdings nicht immer versöhnt, sondern auch polarisiert und gespalten. So 1844, als die Großveranstaltung zur Projektionsfläche der Weltanschauungskämpfe des deutschen Vormärz wurde. Und oft haben die Trierer Wallfahrten an historisch neuralgischen Punkten stattgefunden: 1810 etwa, als die Stadt napoleonisch beherrscht war und das Bistum unter der  Ägide eines französischen Bischofs stand. Oder 1933, als die gerade an die Macht gelangten Nationalsozialisten sich der Wallfahrt zu bemächtigen versuchten…

Autor: Ulrich Teusch, Regie: Günter Maurer, Redaktion: Franziska Kottmann, Produktion: SWR 2012

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