Empire in decline

Ein Interview mit Chris Hedges

Am 6. Oktober 2017 erschien auf der World Socialist Web Site ein großes Interview von David North mit dem früheren New York Times-Korrespondenten und Pulitzer-Preisträger Chris Hedges. Heute wurde das Gespräch von der US-amerikanischen Unz Review übernommen (mit einem interessanten Leserforum). Ich will über Hedges‘ Ausführungen nicht viele Worte verlieren, sie bedürfen keiner weiteren Kommentierung – und seien nachdrücklich zur Lektüre empfohlen. Mehr von Chris Hedges bietet die Seite Truthdig, für die er seit längerem als Kolumnist tätig ist.

UPDATE, 12.10.2017: Das Interview mit Chris Hedges liegt jetzt auch in deutscher Übersetzung vor.

Ein Tabubruch und seine Folgen

Vor zehn Jahren erschien ein Buch über die „Israel-Lobby“

Es war ein Tabubruch, der heftige Reaktionen auslöste: Vor zehn Jahren erschien in den USA das Buch The Israel Lobby and US Foreign Policy (deutsche Übersetzung bei Campus), verfasst von den  Politikwissenschaftlern John Mearsheimer (University of Chicago) und Stephen Walt (Harvard University). Bereits ein Jahr zuvor, 2006, hatten die beiden in der London Review of Books einen umfangreichen Aufsatz zum Thema veröffentlicht. Jetzt, zehn Jahre später, ziehen sie eine vorläufige Bilanz. Welche Wirkung hatten Aufsatz und Buch? Was hat sich zwischenzeitlich geändert? Und wie war das eigentlich damals, als sie sich entschlossen, ihren Stich ins Wespennest zu setzen? „Ein Tabubruch und seine Folgen“ weiterlesen

Putins Staatsfeind Nr. 1

Neues von William Browder

Es gibt Neuigkeiten im Fall William Browder. Nachdem es dem einflussreichen Herrn bereits 2016 gelungen war, die auf ARTE angekündigte Ausstrahlung des Dokumentarfilms Der Fall Magnizki (engl.: The Magnitsky Act – Behind the Scenes) zu unterbinden, hat er nun Amazon veranlasst, das für ihn unangenehme Buch The Killing of William Browder aus dem Vertrieb zu nehmen.

Zur Vorgeschichte: Am 30. April 2016 hatte ich an dieser Stelle über den von ARTE angekündigten und dann kurzfristig abgesetzten Dokumentarfilm Der Fall Magnizki des (bis dato durch Putin-kritische Werke hervorgetretenen) russischen Journalisten Andrei Nekrasov berichtet. Auch eine geplante Vorführung des Films in den Räumen des Brüsseler EU-Parlaments musste abgesagt werden. Der britische Investment-Banker William Browder, der in dem Streifen nicht gut wegkommt, hatte mit rechtlichen Schritten gedroht. Browder ist hierzulande vor allem bekannt durch sein Buch Red Notice: Wie ich Putins Staatsfeind Nr. 1 wurde.

Einige Wochen später, am 15. Juni 2016, hatte ich in einem „Update“ auf die erste öffentliche Aufführung des Films im Washingtoner Newseum hingewiesen. Die anschließende Diskussion war von Seymour Hersh moderiert worden. Auch in den USA hatte Browder im Vorfeld der Aufführung seinen Einfluss geltend gemacht, aber diesmal vergeblich.

Seither habe ich die Entwicklungen nur noch sporadisch verfolgt. 2017 teilte mir Andrei Nekrasov mit, dass sein Film inzwischen auf mehreren Festivals gezeigt werden konnte (in Bergen, Stavanger, Helsinki, auf Nordisk Panorama in Malmö, in Moskau, in Oslo u.a.). Zudem wurde die Dokumentation für den Prix Europa 2016 in der Kategorie „TV Documentary“ nominiert; sie eroberte den 2. Platz (Special Commendation).

In Deutschland, so Nekrasov weiter, gestalte es sich besonders schwierig, einen Veranstalter zu finden. Am 24. Juni konnte dann endlich auch hier – in den Räumen der Berliner Volksbühne – eine erste Präsentation stattfinden.

Die Hürden, die einer breiten öffentlichen Rezeption des Films im Wege stehen, scheinen derzeit unüberwindlich. Wie der norwegische Produzent Torstein Grude dem US-Journalisten Robert Parry mitteilte:

„We have been unsuccessful in releasing the film to TV so far. ZDF/Arte … pulled it from transmission a few days before it was supposed to be aired and the other broadcasters seem scared as a result. Netflix has declined to take it. …

The film has no other release at the moment. Distributors are scared by Browder’s legal threats. All involved financiers, distributors, producers received thick stacks of legal documents (300+ pages) threatening lawsuits should the film be released.”

Von der ersten öffentlichen Aufführung im Washingtoner Newseum war William Browder selbstverständlich wenig entzückt. Im US-Senat trat er am 27. Juli 2017 als „Experte“ bei einer Anhörung auf, die sich mit der angeblichen russischen Einmischung in die Präsidentschaftswahlen beschäftigte. Browder vertrat dort die Ansicht, dass diejenigen, die für die Aufführung der „fake documentary“ in Washington verantwortlich seien, gegen den „Foreign Agents Registration Act“ von 1938 verstoßen hätten. Für ein solches Vergehen sind Gefängnisstrafen von bis zu fünf Jahren vorgesehen…

Dieser Tage wurde nun bekannt, dass nicht nur Nekrasovs Film der breiten Öffentlichkeit vorenthalten bleiben soll, sondern auch das im August 2017 veröffentlichte Buch The Killing of William Browder des aus Kroatien stammenden Hedgefonds-Managers Alex Krainer. Er hatte das Buch im Selbstverlag (über die Amazon-Plattform „CreateSpace“) in Monaco veröffentlicht.

Das Buch, schreibt Krainer, war etwa einen Monat auf dem Markt, als Browders Anwalt Jonathan Winer einschritt:

„He contacted CreateSpace and demanded that my book be delisted alleging that it contained defamatory content. CreateSpace promptly obliged, suppressing the book and instructing me that I needed to, ‚work with the disputing party until a resolution is reached.‘ Once I obtained the ‚disputing party’s‚ agreement, I would need to provide CreateSpace a confirmation from both parties so that they may ‚take action on the title as appropriate.‘

In other words, CreateSpace ‚burnt‘ my book at the request of Browder’s lawyers and obliged me to seek their consent to re-release it. The implication of this is very troubling. It seems that privileged elites may stand above scrutiny and deny everyone else freedom to express opinions that are unfavorable to them. By simply claiming that an author, journalist, or film maker has defamed them, they can force any content they dislike down the memory hole. For authors whose livelihood depends on the content they publish, this could be extremely intimidating and will lead to self-censorship.”

Wer sich über den Fall Browder vertieft informieren möchte, dem seien aus den vielen Artikeln der vergangenen Wochen und Monate drei besonders ans Herz gelegt: Die Analyse des früheren CIA-Mitarbeiters Philip Giraldi in The American Conservative, der Beitrag Robert Parrys auf Consortiumsnews und Israel Shamirs Betrachtungen in der Unz Review.

Ich selbst kann mir über Browder und die Magnizki-Affäre nach wie vor kein abschließendes Urteil bilden, weil ich Nekrasovs Film noch nicht gesehen habe und Krainers zweifellos hochinteressantes Buch noch nicht zur Gänze gelesen habe (es ist zwar bei Amazon nicht mehr verfügbar – lediglich über extrene Anbieter -, aber man kann es hier downloaden).

Jedoch möchte ich an dieser Stelle jene Frage wiederholen, die ich bereits am Ende meines ersten Artikels – auf Nekrasovs Film bezogen – gestellt habe:

„Wenn Browder den Film derart missbilligt, warum wartet er dann nicht die Ausstrahlung ab und überzieht dann die Verantwortlichen mit Klagen? Warum versucht er stattdessen die Ausstrahlung als solche zu verhindern? Hat er etwas zu verbergen, was in dem Film zur Sprache kommt?“

Diese Fragen stellen sich nun auch in Bezug auf Alex Krainers Buch.

Der Elefant in der Runde

Man fasst sich an den Kopf. Der Auftritt des Martin Schulz in der sogenannten Elefantenrunde rief Erinnerungen wach an die denkwürdige Randale Gerhard Schröders nach seiner Wahlniederlage 2005. Immerhin besaß Schröder seinerzeit die Größe, seine Performance rückblickend als „suboptimal“ zu bewerten. „Der Elefant in der Runde“ weiterlesen

Trump versus Kennedy

Was Donald Trump vor wenigen Tagen vor der UN-Generalversammlung vom Stapel ließ, macht rat- und fassungslos. Der amtierende US-Präsident droht – vor der UNO! – unverhohlen mit Genozid. Doch niemand dreht ihm das Mikrofon ab. Niemand wirft ihn aus dem Saal. Der Journalist David Swanson hat – fast zeitgleich mit Trumps ungeheuerlichem Auftritt – an die Rede eines anderen US-Präsidenten erinnert: John F. Kennedy sprach 1963, wenige Monate vor seiner Ermordung, an der American University. Swanson sagt, das sei die beste Rede, die man je von einem amerikanischen Präsidenten gehört hat. Damit könnte er Recht haben. Die wichtigsten Passagen kann man hier nachhören.

Vietnam auf ARTE

Einige Hinweise zum Dokumentarfilm von Ken Burns und Lynn Novick

Vergangene Woche zeigte ARTE die mehrteilige (allerdings etwa um die Hälfte gekürzte) Vietnamkriegs-Dokumentation von Ken Burns und  Lynn Novick. Zeitgleich lief die PBS-Produktion in den USA, dort allerdings in voller Länge: 18 Stunden. Angesichts einer solch umfassenden Aufarbeitung des jahrzehntelangen Krieges in Südostasien ist man versucht, mit superlativischen Begriffen wie „monumental“ und „überwältigend“ zu hantieren. Vor der großen Leistung der beiden renommierten Dokumentarfilmer, könnte man meinen, verstummt jede Kritik. Und sieht man sich die bisherigen Reaktionen deutscher Medien an, findet sich dieser Eindruck bestätigt. „Vietnam auf ARTE“ weiterlesen

Leistungsgerecht?

Was Top-Journalisten so alles verdienen

Das „Kanzlerduell“! Sie erinnern sich? Eine Stunde plätscherte das stupide Frage- und Antwortspiel dahin, bis dann doch noch das Stichwort „soziale Gerechtigkeit“ fiel. Es blieb Sandra Illner – oder war es Maybrit Maischberger? – vorbehalten, den sogenannten Kanzlerkandidaten der SPD wie folgt anzugehen: „Deutschland boomt, es gibt ein Wirtschaftswachstum, das sich gewaschen hat …, und doch sagen Sie, es geht ein tiefer Riss durch unsere Gesellschaft. Leben Sie vielleicht in einem anderen Land, mit anderen Nachbarn?“ „Leistungsgerecht?“ weiterlesen

Pflichtlektüre

William Perry über die Gefahr eines Nuklearkriegs

Es dürfte gegenwärtig kaum einen Menschen geben, der mehr Sachkenntnis über Nuklearwaffen und die Gefahren eines Nuklearkrieges besitzt als der frühere US-Verteidigungsminister William J. Perry. Er ist ein „defense intellectual“, ein Mann, der über Jahrzehnte auf beiden Seiten des US-amerikanischen militärisch-industriellen Komplexes gearbeitet hat: als Wissenschaftler, als Unternehmer, als Politiker. Während der Kuba-Krise gehörte er zu den Beratern von Präsident Kennedy, unter Jimmy Carter trat er ins Verteidigungsministerium ein, in der ersten Amtszeit von Bill Clinton war er Pentagon-Chef. „Pflichtlektüre“ weiterlesen

Ach Europa!

Die WDR 3-Literatursendung Gutenbergs Welt stand am 17. September 2017 unter dem Titel „Die unvereinbaren Staaten von Europa“. Mit Moderator Walter van Rossum sprach ich über das Buch „Für ein anderes Europa“ von Thomas Piketty u.a. (erschienen bei C.H. Beck). Hier der Beitrag zum Nachhören.

Noch rechtzeitig vor der Wahl…

…eine Entscheidungshilfe der Brüder Grimm

Ein König hatte drei Söhne, die waren ihm alle gleich lieb, und er wusste nicht, welchen er zum König nach seinem Tode bestimmen sollte. Als die Zeit kam, dass er sterben wollte, rief er sie vor sein Bett und sprach: „Liebe Kinder, ich habe etwas bei mir bedacht, das will ich euch eröffnen: Welcher von euch der Faulste ist, der soll nach mir König werden.“ „Noch rechtzeitig vor der Wahl…“ weiterlesen

Gerettet!

Von MerkelSchulz zu Georg Solti

Ganze 15 Minuten habe ich durchgehalten. Dann rettete mich die Fernbedienung. Vielleicht hätte ich mir das Ganze noch länger angetan, wäre da nicht meine sechsjährige Tochter gewesen. Als Martin Schulz erstmals ins Bild kam, fing sie unvermittelt an zu weinen. Herzzerreißend. Sie war ganz außer sich. Zwei-, dreimal konnte ich sie beruhigen, aber es ging immer wieder von vorne los, sobald sich die Kamera auf den Kandidaten richtete. Die Kleine regte sich derart auf, dass in ihrem Gesicht die alarmierenden roten Flecken auftraten. „Gerettet!“ weiterlesen

Verkürzen, unterschlagen, verfälschen

Das neue Medienkritik-Kompendium

Infolge der aktuellen medialen wie politischen Einseitigkeit erodiere „das Vertrauen der Menschen in die gesellschaftliche Ordnung an sich“, konstatiert der Journalist Jens Wernicke in seinem aktuellen Buch „Lügen die Medien?“. Dies sei durch umfangreiche Studien belegt, etwa durch das „2017 Edelman Trust Barometer“. Die von einer der größten PR-Agenturen der Welt erstellte Untersuchung spreche von einer „weltweiten Kernschmelze des Vertrauens“ der Menschen in die Medien, in die Politik, in die parlamentarische Demokratie und das gesamte „System“.
In der Tendenz begrüßt Wernicke die Entwicklung: „Das, was uns als ‚Krise des Vertrauens in die Medien‘ dargeboten und als Resultat des wachsenden Einflusses von Populisten auf die Menschen erklärt wird, ist in Wahrheit das genaue Gegenteil. Nicht ‚dümmer‘, sondern ‚wacher‘ werden die Menschen in einer Zeit, in der die inneren Widersprüche ‚allgemeiner Wahrheiten‘ immer offensichtlicher zutage treten.“ – So Rüdiger Göbel in der Zeitung „Junge Welt“. Hier weiterlesen –>

Der Mensch – ein Abgrund

Ansichten des Opernsängers Franz Grundheber

Am 27. September 2017 feiert der große Opernsänger Franz Grundheber seinen 80. Geburtstag. Ob Wozzeck oder Rigoletto, ob Macbeth, Jago oder Scarpia – das Interesse des Baritons galt stets den zerrissenen und abgründigen Figuren, den Schuldigen, den Scheiternden, den Verlorenen… Der aus Trier stammende Grundheber ist eine der herausragenden Persönlichkeiten der zeitgenössischen Opernbühne. Vier Jahrzehnte währt seine internationale Karriere nun schon. Ein Sänger-Darsteller, der dank seiner außergewöhnlichen Ausstrahlung und Präsenz, dank seiner großen, unverwechselbar timbrierten und technisch mustergültig geführten Stimme aus einem Opernabend ein Ereignis, ein unvergessliches Erlebnis machen kann.

„Der Mensch – ein Abgrund“ weiterlesen

Die „Flüchtlingskrise“ in den Medien

Im Juli 2017 veröffentlichte die gewerkschaftsnahe Otto-Brenner-Stiftung eine große Studie des Medienforschers Michael Haller. Titel: Die „Flüchtlingskrise“ in den Medien. Tagesaktueller Journalismus zwischen Meinung und Information. Was und wie haben die Betroffenen, also die Medien, über diese Untersuchung berichtet? Hier – zum Nachhören – meine „Nachrichtenkritik“ für das SWR 2-Magazin Mehrspur (13. August 2017).

 

Das letzte Ufer

Drei kleine Anmerkungen zum Atomkrieg

„On the Beach 2017“ – so ist ein am 4. August veröffentlichter Artikel von John Pilger überschrieben (deutsche Fassung hier). Der aus Australien stammende Journalist thematisiert darin die Möglichkeit eines Atomkriegs. „On The Beach“ – so heißt auch der 1957 erschienene Roman von Pilgers Landsmann Nevil Shute, ebenso die zwei Jahre später in die Kinos gekommene US-Verfilmung des Stoffes durch Stanley Kramer. Beide, Roman und Film, wurden in Deutschland unter dem Titel „Das letzte Ufer“ bekannt. „Das letzte Ufer“ weiterlesen