Romain Rolland (1866-1944)

Es ist unmöglich Erörterungen anzustellen mit jemand, der sich anmaßt, die Wahrheit nicht zu suchen, sondern sie zu besitzen.

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Diderot hat gesagt, wolle man den Menschen die Wahrheit zeigen, so hieße das einen Lichtstrahl in ein Eulennest bringen.

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Ich weiß wohl, daß ich mich oft täusche; keiner von uns besitzt die Wahrheit: die Wahrheit ist die Summe all unserer Irrtümer.

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Erwarten Sie nicht, daß ich Ihnen sage: „Ihre Zweifel sind schlecht und falsch, töten Sie sie ab, dies hier ist die Wahrheit!“ Mein Heilmittel ist anders. Ich sage: Mein Freund, wir müssen an allem zweifeln; wenn wir dies nicht täten, wären wir keine freien und lebendigen Menschen, wären wir so wie jene Protestanten, jene eunuchenhaften Idealisten, die sich, um zu leben und zu glauben, die Hälfte ihres Lebens wegkastrieren müssen. Ich will nichts ausmerzen von den Lebensquellen. Ich will allen Zweifel und allen Glauben zusammenlegen.

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Ich bin ein Franzose aus Frankreich (…). Ich berufe mich weder auf die Propheten Judäas noch auf die Zarathustras Germaniens. Ich berufe mich auf Montaigne, der eingestand, daß er nicht wisse, ob er etwas wisse, und für den die erste Weisheit der Zweifel war und die erste Tugend die Nachsicht.

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…ich weiß, es hieße zuviel von einem Gegner erwarten, daß er das Denken desjenigen zu ergründen sucht, den er bekämpft. Keiner ist blinder als einer, der nicht sehen will.

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Das Wort der Zukunft muß sein: Toleranz, menschliche Brüderlichkeit, über die verschiedenen Doktrinen und Glaubensvorstellungen hinweg. Jedem Menschen stehe es frei, zu denken, was er will! Aber sie sollen einander die Hand reichen und sich dabei gegenseitig das gleiche Recht zuerkennen! Wer der Freiheit zu dienen glaubt, indem er sie anderen aufzwingt, ist ein „umgekehrter“ Pfaffe und ein Feind der Freiheit…

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Angesichts von Verbrechen unter dem Vorwand schweigen, man könne nichts verhindern (was ein Beweis persönlicher Schwäche ist, weiter nichts), abwarten und zusehen und dabei Notizen machen, das ist in meinen Augen strafbar. Selbst wenn ich eine verbrecherische Handlung nicht verhindern kann, selbst wenn ich mich bei dem Bemühen darum opfere, ich muß mich opfern. Die Pflicht des Gewissens steht höher als die der Vernunft. Denn diese angebliche Vernunft ist keine richtige Vernunft mehr, weil sie von vornherein mutlos ist. Trotz aller Vernunftschlüsse sind immer die großen Einzelgewissen der Hebel der Welt gewesen…

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Aus dem Sichabfinden mit dem Übel machen sie die höchste Tugend, und das ist vielleicht die Ursache aller Verbrechen. Denn wenn die Guten sich fügen, setzen die Schlechten sich durch.

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Wenn Christus heute wiederkehrte, dann würde er nicht gekreuzigt werden, weil er gesagt hat: „Ich bin Gottes Sohn“, sondern weil er sagte: „Ich bin ein Mensch wie ihr. Wir sind Brüder.“ Sagen wir es also an seiner Stelle!

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Alles, was leidet, ist mein Vaterland. Alles, was leiden macht, ist mein Feind.

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Ich kenne nur zwei Völker auf der Welt: jene, die leiden, und jene, die andere leiden lassen.

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Er (gemeint ist Alfred H. Fried, UT) denkt (wie ich), daß es in jedem Volk mehrere Völker gibt, daß man ganz Europa in geologische Schichten verschiedener Völker aufteilen könnte: das wäre die wahre, normale Unterteilung, und sie entspräche der Natur der Dinge mehr als die politische Einteilung.

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Ebensowenig wie ich jemals das furchtbare Dogma von der Erbsünde, das die Schuld eines einzigen auf allen lasten läßt, habe hinnehmen können, kann ich ohne Empörung die gegenseitige Verantwortung aller in einem geographischen Gebiet eingeschlossenen Menschen ertragen, der Sanften und der Gewalttätigen, der Demütigen und der Habgierigen, der Lämmer und der Wölfe.

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Die Geißel ist überall in der Welt die gleiche, und die Seelen, die sie bekämpfen, dieselben. Mut und Freude! Es ist schön, auf eigene Gefahr die Sache der Menschheit zu verteidigen. Ob wir ihren Sieg erleben werden oder nicht, seien Sie sicher, sie wird siegen. Das Leben ist stärker als der Tod…

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Keine politische oder soziale Veränderung hat Wert, wenn ihr nicht eine moralische Umwandlung vorausgeht. Das allgemeine Wahlrecht ist ein täuschendes und sogar gefährliches Allheilmittel, wenn es wie heute Herden gegeben wird. Jeder Einzelmensch muß zunächst ein unabhängiges und (im weitesten und freiesten Sinne des Wortes) religiöses Gewissen haben.

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Seit einem halben Jahrhundert hat der Sozialismus die Persönlichkeit zu geringgeachtet. Er glaubt mit Vorliebe, daß heute nur die großen kollektiven Strömungen zählen, die breiten anonymen Menschenströme und ihre Gesetze. Aber die Geschichte dieser beiden Jahre (1914-1916, UT) zeigt uns, daß diese kollektiven Kräfte blind sind, ungewiß bleiben, von ihrem Kurs abgebracht werden und zurückfließen oder Gefahr laufen, einander zu zerstören, wenn nicht ein standhaftes Gewissen sie führt, das ihre Augen, ihre Stimme, ihr Verstand und ihr Glaube ist. Anstatt die Rolle des Einzelmenschen für nichtig zu erklären, muß der Sozialismus ihre Kraft verhundertfachen: denn er braucht Menschen, die in sich alle verstreuten Energien der Völker zusammenfassen und die sie als ein mächtiges Bündel gezielten Lichtes wie ein Scheinwerfer vor sich auf die Straße werfen. So einer ist Jaurès gewesen (gemeint ist Jean Jaurès, der 1914 ermordete französische Sozialistenführer, UT) Und das Unglück der Zeit war, daß er der einzige war.

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Große Heuchelei jeder Politik. Es gibt Staaten, die sind Füchse, es gibt andere, die sind Wölfe, andere Tiger oder Schakale. Sie alle sind Fleischfresser, die immer auf der Lauer liegen, ausgenommen, sie sind satt.

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Es ist sehr tröstlich, nicht an die Unsterblichkeit zu glauben. Welche schlimme Verdammnis, für die Ewigkeit mit einer so mißratenen Welt zusammengeschweißt sein zu müssen!

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(Aus einem Brief an Albert Einstein:) Wissen Sie, ich bin fest davon überzeugt, daß wir immer nur eine kleine Schar in der Welt sein werden. Wie die Dinge liegen, werden wir stets die Besiegten sein. Doch was tut’s? Der Geist ist nur dann besiegt, wenn er der Niederlage zustimmt. Er ist den Jahrhunderten voraus.

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