Jacques Elluls „Propaganda“

Entdeckung eines Klassikers

Im September 2021 erschien im Frankfurter Westend Verlag die deutsche Übersetzung von „Propagandes“, einem der Hauptwerke des französischen Soziologen, Historikers und Theologen Jacques Ellul (1912-1994). Ellul hatte dieses Buch 1962 publiziert. Schon drei Jahre später kam in den USA eine englische Übersetzung heraus. Nun, nach über einem halben Jahrhundert, liegt endlich eine deutsche Fassung vor. Sie bietet die Chance, auch hierzulande ein längst zum Klassiker avanciertes Werk zu entdecken – sowie seinen Autor, der zu den interessantesten und wegweisenden Denkern des 20. Jahrhunderts zählt.

Eine persönliche Vorbemerkung: Ich bin auf Jacques Ellul und sein umfangreiches Oeuvre – Dutzende Bücher, Hunderte Aufsätze und Artikel – Anfang der 1990er Jahre aufmerksam geworden. Damals werkelte ich an meiner Dissertation zum Verhältnis von Technik, Gesellschaft und Politik. Ich merkte schnell, dass ich an den einschlägigen Arbeiten Elluls, namentlich seinen techniksoziologischen und -philosophischen Schriften, nicht vorbeikommen würde. Sie standen, wenn man es international betrachtete, im Zentrum der Debatte. In Deutschland freilich hatte eine tiefgreifende Ellul-Rezeption nicht stattgefunden. Diese Lücke galt es zu füllen! Also las ich Ellul, mal in englischer Übersetzung, mal – mehr schlecht als recht – im französischen Original.

Es ist keine Übertreibung, wenn ich sage: Die Folgen dieser Lektüre waren dramatisch. Das Denken dieses ganz und gar außergewöhnlichen Wissenschaftlers und Gesellschaftskritikers nahm mich auf Anhieb gefangen. Die große Untersuchung, an der ich arbeitete, führte unter seiner Ägide in eine völlig andere Richtung als ursprünglich geplant. Was ich für gesicherte Erkenntnis gehalten hatte, wurde mir plötzlich zweifelhaft. Alles geriet ins Rutschen, kaum ein Stein blieb auf dem anderen. Ellul bescherte mir eine recht lange Kette intellektueller Schlüsselerlebnisse.

Nicht nur einige Monate, sondern mehrere Jahre stand ich im Bann intensiver Ellul-Lektüre. Rückblickend betrachtet, hatte das Ganze etwas Rauschhaftes. „Abenteuer Wissenschaft“, wenn man so will. Jedenfalls hat dieser an der Universität seiner Heimatstadt Bordeaux lehrende und forschende Franzose mein Weltbild, meinen Blick auf unsere wissenschaftlich-technische Zivilisation, auf Staat und Kapitalismus, auf Individuum und Gesellschaft, auf Gott und die Menschen wie kein anderer Denker beeinflusst und geprägt.

Selbstverständlich habe ich seinerzeit, vor 30 Jahren, auch Elluls Propagandabuch gelesen. So sehr mich dieses große, düstere Werk beeindruckte – in seiner wahren Bedeutung habe ich es damals nicht erfasst. Es schien mir allzu sehr seiner Entstehungszeit verhaftet zu sein, von der totalitären Erfahrung und den Exzessen des Kalten Kriegs bestimmt – jenes Kalten Kriegs, der zum Zeitpunkt meiner Lektüre gerade zu Ende gegangen war und von einer Zeit der Um- und Aufbrüche abgelöst wurde. Ich war überzeugt, dass nun ein neues, ein besseres Zeitalter bevorstand, weithin befreit vom propagandistischen Zugriff.

Elluls Aktualität

Vor einigen Wochen nun las ich das Buch von Neuem, diesmal in deutscher Übersetzung. Selbstverständlich war mir längst klar geworden, dass meine einstige Hoffnung auf einen Niedergang der Propaganda getrogen hatte. Das Gegenteil war eingetreten. Spätestens seit der Jahrtausendwende konnte man sich über einen Mangel an zum Teil heftigsten Propaganda-Kampagnen wahrlich nicht beklagen: etwa im Zusammenhang mit den diversen US-amerikanischen „Regime Change“-Projekten, dem „War on Terror“ oder dem „neuen Kalten Krieg“.

Auch die letzten gut anderthalb Jahre, die ganz im Zeichen des Corona-Komplexes standen, waren von Beginn an und sind nach wie vor von propagandistischen Feldzügen unterschiedlichster Art (und nicht selten globalen Zuschnitts) bestimmt. Was würde Elluls Buch, immerhin sechs Jahrzehnte alt, zu alledem an Erklärendem, an Erhellendem beitragen, so meine Frage. Kann diese Propaganda-Analyse der Lebensrealität des 21. Jahrhunderts noch in irgendeiner Weise gerecht werden? Oder anders: Kommt die deutsche Übersetzung nicht viel zu spät?

Nach der erneuten Lektüre des Buchs kann ich mit Bestimmtheit sagen: Nein, die Übersetzung kommt nicht zu spät. Wir haben es mit einer Analyse von frappierender Aktualität zu tun. Und dies, obwohl ihr Autor ein – aus heutiger Sicht – geradezu beschauliches Stadium der Entwicklung moderner Propagandatechniken betrachtet. Da ist viel von Zeitungen die Rede, vom Radio, vom Kino, von einem noch nicht flächendeckend präsenten Fernsehen, auch von Plakaten und Wandzeitungen, selbst noch von den öffentlichkeitswirksamen Schauprozessen, die in den totalitären Systemen oder auch in der US-amerikanischen McCarthy-Ära veranstaltet wurden. Von der wunderbaren Programmvermehrung des Fernsehens, von den Segnungen des Internets, von sozialen Medien, Bots und Troll-Armeen ahnte Ellul noch nichts. Und doch: Alles Wesentliche zum Thema Propaganda ist in diesem Buch gesagt. Die weitere Entwicklung hat dem von Ellul Erkannten nur noch Quantitatives beigefügt.

Überraschende Wendungen, manipulative Zahlenspiele

Die eben erwähnte Corona-Propaganda mag als Beispiel dienen. Mein Vorschlag: Man mache die Probe aufs Exempel und stelle sich im Lauf der Lektüre immer einmal wieder die Frage, ob und inwiefern Elluls Ausführungen zum Verständnis dieser Kampagne beitragen. Dann wird man mit ziemlicher Sicherheit feststellen: In Sachen Corona sind sämtliche von ihm herausgearbeiteten Erscheinungsformen und Kategorien von Propaganda in den vergangenen 20 Monaten zum Einsatz gekommen. Alle, ohne Ausnahme.

Da sind zum Beispiel die für die Corona-Krise typischen und immer wieder überraschenden Hakenschläge: Dinge, die gestern noch im Brustton der Überzeugung behauptet wurden, werden heute in Zweifel gezogen – oder umgekehrt. Wer zu Beginn der Krise Alarm schlug, wurde als „Verschwörungstheoretiker“ hingestellt; wer im Verlauf der Krise für mehr Gelassenheit plädierte, ebenfalls. Zunächst galten Masken als unnütz, womöglich sogar schädlich, dann wurden sie zum obligaten Mittel der Gefahrenabwehr verklärt. Man sollte meinen, es handele sich hier um Kapriolen, die der Glaubwürdigkeit eher abträglich sind. Doch das war und ist nicht der Fall. Solche Kehrtwendungen gehören Ellul zufolge zu den Wesensmerkmalen von Propaganda.

„Stets herrscht Verwunderung darüber, wie instabil Propaganda in ihrem Inhalt ist, wie sie heute behaupten kann, was sie gestern noch verdammte. (…) In Wahrheit ist dies nur ein Zeichen für den Einfluss, der von ihr ausgeübt wird, dafür, dass ihre Wirkungen real sind. Man darf nicht denken, der Mensch würde nicht mehr folgen, sobald es zu einer plötzlichen Kehrtwende kommt. Er folgt, denn er ist im System gefangen.“

Hinzu kommt:

„Die menschliche Fähigkeit zu vergessen ist schlicht grenzenlos. Es ist dies eine der bedeutsamsten und nützlichsten Erkenntnisse für den Propagandisten, der stets damit rechnet, dass ein bestimmtes Thema, eine Behauptung, ein Ereignis innerhalb weniger Wochen vergessen sein wird.“

Ein anderes Beispiel: Im Zuge der Corona-Krise haben Zahlen eine eminente Rolle gespielt (und sie tun es weiterhin). Die Art und Weise, wie mit diesen Zahlen umgegangen wurde und wird, nämlich unseriös und manipulativ, ist eine gängige Propagandatechnik:

„Beispielsweise wird eine Zahl genannt, ohne sie auf etwas zu beziehen, ohne sie mit etwas zu verbinden, ohne einen Prozentsatz oder ein Verhältnis anzugeben. Erklärt wird, dass die Produktion um 30 Prozent gestiegen sei, ohne dabei das Jahr anzugeben, worauf sich diese Zahl bezieht, oder dass das Lebensniveau um 15 Prozent gestiegen sei, ohne Angabe darüber, wie es denn überhaupt berechnet wird, oder dass die höchste Zahl an Mitgliedern irgendeiner Bewegung erreicht worden sei, ohne die Zahlen des Vorjahres anzugeben und so weiter. Die Zusammenhanglosigkeit sowie das Durcheinander von derlei Angaben ist absolut gewollt.“

Echokammer, Filterblase – Propaganda total

Sodann ist da die oft beklagte Tatsache, dass sich viele Menschen in Sachen Corona in ihrer Echokammer, ihrer Filterblase behaglich eingerichtet haben und Argumenten der anderen Seite nicht mehr zugänglich sind. Auch das ist ein typisches Ergebnis propagandistischer Bearbeitung:

„Die Kommunikation in einem von Propaganda beherrschten Milieu verläuft nicht mehr nach dem Muster von Beziehungen zwischen Individuen, sondern gemäß einer durch das Propagandaorgan vorgegebenen Richtung: Es gibt zwar Aktion, doch keine Interaktion. Diskussionen zwischen Propagandiertem und Nichtpropagandiertem sind (…) nicht mehr möglich. Weder findet ein psychologisch akzeptabler Austausch noch Kommunikation statt.“

Weil es nur Aktion gibt, aber keine Interaktion, ist die Wirkung von Propaganda unumkehrbar.

„Wer im Auftrag von Propaganda handelt, kann nicht mehr zurück. Jetzt ist er aufgrund seiner vergangenen Handlung gezwungen, an diese Propaganda zu glauben. Er ist gezwungen, die Aktion zu rechtfertigen, zu autorisieren, andernfalls wird ihm seine Tat absurd oder ungerecht erscheinen, was keinesfalls passieren darf. Er ist gezwungen, in derselben von Propaganda angezeigten Richtung fortzufahren, denn Aktion führt zu Aktion. Er ist, was man engagiert nennt.“

Das alles liest sich, als habe Ellul nicht Gesellschaften der 1950er Jahre vor Augen, sondern die heutigen Verhältnisse, die durch sozialen Zerfall, durch Polarisierung und Spaltung gekennzeichnet sind.

„[Die] doppelte Bewegung von Propaganda, die das Herausragende der eigenen Gruppierung und die Bösartigkeit der anderen bezeugt, führt zu einer immer stärkeren Abschottung unserer Gesellschaft. (…) Denn Propaganda verabschiedet sich vom Dialog, die andere Seite ist kein Gesprächspartner mehr, sondern ein Gegner. Und da er es ablehnt, diese Rolle zu spielen, wird der andere zu einem Unbekannten, dessen Worte nicht mehr gehört werden können. Direkt vor unseren Augen entsteht eine Welt aus geschlossenen Geisteszellen, in der jeder mit sich selbst spricht, in der jeder seine eigene Gewissheit für sich selbst und sowohl das Unrecht, das ihm die anderen antun, als auch das Unrecht, das er den anderen antut, endlos wiederholt, eine Welt, in der keiner dem anderen zuhört. Alle sprechen, doch keiner hört zu. Und je mehr der Einzelne redet, umso mehr grenzt er sich ab, denn je mehr er anklagt, desto mehr rechtfertigt er sich.“

In Lauf der Corona-Krise haben viele Menschen mit Erstaunen eine drastische Verengung des Diskursspektrums registriert. Warum konnte nicht mehr offen über bestimmte Sachverhalte gestritten werden? Warum sahen sich zum Beispiel die Rundfunkanstalten außerstande, eine Fernsehdebatte zwischen – sagen wir – Drosten und Wieler auf der einen, Wodarg und Bhakdi auf der anderen Seite zuzulassen? Also etwas im Grunde völlig Selbstverständliches (und zudem Quotenträchtiges)?

Das war so, würde Ellul antworten, weil wir uns nicht in einem wie auch immer gearteten Diskurs befanden, sondern in einer Propaganda-Situation. Und da gelten andere Regeln. Sie waren im Zusammenhang mit Corona fast ebenso unerbittlich, wie sie sonst nur in Kriegszeiten zu sein pflegen. Rally ´round the flag! Weh dem, der aus der Reihe tanzt! Den Abweichlern, den Kritikern entgegenzukommen, ist in solchen Konstellationen nicht vorgesehen.

„Mit halbem Erfolg gibt sich Propaganda nicht zufrieden, denn für Diskussionen ist sie unempfänglich: Widerspruch, Diskussion sind vollkommen ausgeschlossen. Solange noch eine Spannung, und sei sie noch so klein, oder ein Handlungskonflikt besteht, kann Propaganda nicht als verwirklicht, als erfolgreich durchgeführt gelten. Es ist vonnöten, dass sie nahezu Einstimmigkeit herstellt, dass ihr Gegenüber zu einer vernachlässigbaren Größe zusammenschrumpft und sich kein Gehör mehr verschaffen kann.“

Propaganda, schreibt Ellul, müsse „total“ sein. Sie müsse die gesamte Palette technischer Mittel verwenden, die zur Verfügung stehen. Deren bloß sporadischer oder zeitlich eng begrenzter Einsatz (wie etwa in einer Wahlkampagne) gilt ihm nicht als echte Propaganda und wird von ihm nicht näher analysiert. Der wahre Propagandist spielt Ellul zufolge „auf einer regelrechten Klaviatur und komponiert eine Symphonie“. Er berücksichtigt alle möglichen Stimuli. Auf deren Kombination, auf die „Orchestrierung“ kommt es an.

Propaganda als unbewusstes Bedürfnis

Eine Rezension kann und soll die Lektüre eines Buchs nicht ersetzen. Im vorliegenden Fall wäre das ohnehin kaum möglich. Elluls Werk ist derart reich an Erkenntnissen und wichtigen Hinweisen, dass jeder Versuch, diese systematisch und einigermaßen vollständig vorzustellen, den vorgegebenen Rahmen sprengen müsste.

Da ist zum Beispiel die Einsicht, dass gerade jene Individuen, die glauben, dem propagandistischen Zugriff gewachsen zu sein beziehungsweise sich ihm entziehen zu können, besonders anfällig für ihn sind.

„Der Mensch der Masse ist ein ‚Untermensch‘, der sich aber für einen ‚Übermenschen‘ hält. Je beeinflussbarer er ist, umso mächtiger glaubt er zu sein; je labiler er ist, desto überzeugter ist er von sich. Behandelt man sie offen als Masse, fühlen sich die Individuen, aus denen sie sich zusammensetzt, nicht genügend als Person angesprochen und weigern sich mitzumachen. (…) Dementgegen muss sich jeder als Individuum fühlen, jeder muss den Eindruck gewinnen, dass er es ist, der in den Blick rückt, an den man sich richtet.“

So ist eine Doppelbewegung im Gang: Einerseits profitiert Propaganda von der Existenz einer Massengesellschaft, andererseits nutzt sie das Gefühl, besser: die Illusion des Individuums, es führe ein selbstbestimmtes, autonomes Leben. Beide Perspektiven, so Ellul, gehören zusammen, müssen gleichzeitig zur Geltung gebracht werden. Dabei leisten die modernen Massenkommunikationsmittel unschätzbare Dienste, sprechen sie doch nicht nur die große Menge, sondern (scheinbar) auch jeden Einzelnen in der Menge an.

Nicht weniger interessant ist, was Ellul zu den Erfolgsbedingungen von Propaganda ausführt: Propaganda kann sich nicht gegen konstitutive Strömungen einer Gesellschaft oder feste Grundüberzeugungen eines Individuums durchsetzen. Vielmehr muss sie beide, Gesellschaft wie Individuum, dort abholen, wo sie sind. Was bedeutet: „Wer nicht braucht, was sie mitbringt, lässt sich durch Propaganda nicht fassen.“

Damit sind zwar unverrückbare Grenzen der Propaganda benannt, dennoch muss sich der Propagandist nicht grämen. Denn Widerstände gegen seine Machenschaften sind eher die Ausnahme. Die Regel besteht, ganz im Gegenteil, darin, dass viele Menschen – unbewusst! – ein Bedürfnis, ein Verlangen nach Propaganda verspüren. Sie fordern sie, provozieren sie geradezu. Solange dieses Bedürfnis den Betroffenen tatsächlich nicht bewusst ist, kann und wird der propagandistische Angriff gelingen. Dann besteht zwischen dem Propagandisten und dem Propagandierten eine tiefe Verbindung. Der Propagandierte ist nicht unschuldig, kein schlichtes Opfer, sondern Erfüllungsgehilfe, Komplize. „Er verlangt von sich aus nach der psychologischen Maßnahme; nicht nur setzt er sich ihr aus, er findet darin auch Befriedigung.“

Propaganda im Plural

Im französischen Original trägt Elluls Buch den Titel „Propagandes“. Die Verwendung des Plurals ist durchaus nachvollziehbar, denn der Autor präsentiert zahlreiche Varianten von Propaganda, trifft eine ganze Reihe interessanter kategorialer Unterscheidungen: zum Beispiel zwischen agitierender und integrierender Propaganda, zwischen horizontaler und vertikaler Propaganda, zwischen direkter und indirekter Propaganda, des Weiteren zwischen strategischer und taktischer, zwischen spannungsaufbauender und spannungsabbauender, zwischen politischer und soziologischer Propaganda. Auch wenn diese und manche anderen Begriffe nicht immer trennscharf sind, schlagen sie Schneisen in den Propaganda-Komplex und erhellen das Phänomen. Zwei Beispiele mögen das veranschaulichen: zunächst das Konzept „Vorpropaganda“.

Ellul beginnt mit der Beobachtung, dass Propaganda – insbesondere diejenige im engeren, politischen Sinn – einen langen Vorlauf braucht. Das Feld muss bestellt werden, man muss pflügen und säen, ehe man eines Tages die Ernte einfahren kann. So kommt beispielsweise keine „Feinderklärung“ aus heiterem Himmel, kaum eine kann auf gediegene Vorarbeit, auf oft jahrelange Vorbereitung verzichten. Solche langwierigen Prozesse bezeichnet Ellul als Vorpropaganda oder auch als Subpropaganda. Dieser Propagandatypus dient, wie man heute sagen würde, der Etablierung eines Narrativs.

Denken wir an die Russland-Berichterstattung westlicher Medien: Die Dämonisierung des Landes und seines Präsidenten setzte nicht erst mit der Umwälzung in der Ukraine 2013/14 ein, sondern wesentlich früher. Über Jahre hinweg hatten insbesondere die Medien fast alles, was in Russland geschah oder nicht geschah, mit einem negativen Vorzeichen versehen. Als der Ukraine-Konflikt schließlich eskalierte, hatte die westliche Propaganda leichtes Spiel, denn sie musste niemandem mehr groß erklären, wer die „good guys“ und wer die „bad guys“ waren.

Ein anderes, nicht minder wichtiges Konzept Elluls ist das der soziologischen Propaganda. Sie unterscheidet sich fundamental von herkömmlichen – insbesondere politischen – Spielarten. Während politische Propaganda versucht, eine Ideologie zu verbreiten, zur Akzeptanz bestimmter politischer oder ökonomischer Strukturen anzuhalten, zur Mitwirkung an einer Bewegung anzustacheln, ist soziologische Propaganda Ellul zufolge „durch ein allgemeines Klima konstituiert, eine Atmosphäre, eine Stimmung, die unbewusst wirkt“. Unter ihrem Einfluss nimmt der Mensch neue Urteils- und Entscheidungskriterien an, macht sie sich zu eigen. Alles geschieht scheinbar natürlich. Die Autonomie des Einzelnen scheint ungefährdet.

Doch mit echten individuellen Entscheidungen haben die in Rede stehenden Prozesse wenig zu tun. Sie zeigen vielmehr „einen grundlegend kollektiven Charakter“. Es handelt sich um Anpassungsprozesse – um Anpassung „an eine bestimmte Ordnung der Dinge (…), an eine spezifische Auffassung von menschlichen Beziehungen“. Solcherart Propaganda wird nicht bewusst und willentlich betrieben, sie stellt sich natürlicherweise, spontan her. „Es gibt unzählige, die Propaganda betreiben, ohne es zu wollen, die in dieselbe Richtung tendieren, doch ohne sich dessen überhaupt bewusst zu sein.“

Ob in der Werbung, in Bildungseinrichtungen, in den Medien, an vielen anderen Orten – stets wird, gleichsam nebenbei, auch eine bestimmte Lebensauffassung vermittelt, ein way of life, der sich verbreitet und mit der Zeit zum Maß aller Dinge wird. Im Extremfall kann sich dieser Prozess der schleichenden Vereinheitlichung zu einem gesellschaftlichen Totalitarismus auswachsen (im Sinne der absoluten Einbeziehung des Individuums). Wer sich diesem totalitären Anspruch verweigert, muss mit Sanktionen der Mehrheitsgesellschaft rechnen. Für den von soziologischer Propaganda in Beschlag genommenen Einzelnen gilt:

„Wer genauso lebt [wie die Mehrheit, UT], lebt richtig, wer nicht, lebt falsch; wer dieselbe Auffassung von Gesellschaft pflegt, hat recht, wer nicht, hat unrecht. Folglich geht es sehr wohl, wie bei gewöhnlicher Propaganda, um die Verbreitung eines Verhaltens und eines Mythos, einer Erzählung von Gut und Böse.“

Propaganda versus Demokratie

Ein zentrales Thema des Buchs ist das Verhältnis von Demokratie und Propaganda. Ellul konzediert zwar, dass die Propaganda totalitärer und demokratischer Systeme sich inhaltlich unterscheidet, legt den Akzent aber auf die strukturellen Übereinstimmungen, vor allem auf die Folgen des propagandistischen Zugriffs für Individuen und Gesellschaft. „…Propaganda, egal wie sie heißt und von wem sie stammt, zerstört den Menschen und seine Freiheit“, postuliert er. Oder: „Sie [Propaganda] ist das genaue Gegenteil politischer Freiheit.“ Und weiter: „Der Propaganda unterworfene Mensch geht daraus nicht unversehrt hervor: Nicht nur werden seine Meinungen und Haltungen, sondern auch seine Triebkräfte und psychischen Strukturen modifiziert. Propaganda wirkt nicht nur äußerlich, sie bewirkt tief greifende Veränderungen.“

Daraus ergibt sich ein fundamentales Dilemma: Einerseits hat Propaganda sich mit einer gewissen Zwangsläufigkeit und Folgerichtigkeit im Zuge des neuzeitlichen Technisierungsprozesses und des Wachstums von ausdifferenzierten Massengesellschaften herausgebildet. Ja, sie hat sogar in demokratischen Staaten ihren Anfang genommen – eine, so Ellul süffisant, „bemerkenswerte und recht erstaunliche Tatsache“. Andererseits öffnet sich ein unlösbarer Widerspruch zwischen den Prinzipien der Demokratie, insbesondere ihrem Menschenbild, und der propagandistischen Massenbearbeitung:

„Die Vorstellung vom rationalen Menschen, der fähig ist, der Vernunft gemäß zu denken und zu leben, der in der Lage ist, seine Leidenschaften zu beherrschen und sein Leben an wissenschaftlichen Erkenntnissen und Schemata auszurichten, frei zwischen Gut und Böse zu wählen, all das scheint im Gegensatz zu den geheimen Einflüssen, dem Ingangsetzen von Mythen und dem Appell an das Irrationale zu stehen, wodurch Propaganda gekennzeichnet ist.“

Demokratie verbindet sich für Ellul mit Toleranz, Respekt, mit einer selbstkritischen, undogmatischen Einstellung, mit maßvollem Handeln, mit Vielfalt, mit Wahlmöglichkeiten. Letztlich ist sie auf ihr konstitutives Element, den „demokratischen Menschen“, angewiesen. Diesen besonderen Menschen und die ihm gemäße demokratische Lebensform kann man nicht durch Propaganda erzeugen, man kann sie auch nicht durch Propaganda verteidigen. Propaganda und Demokratie sind prinzipiell unvereinbar. Demokratie wird durch Propaganda nach und nach zersetzt und auf Dauer zerstört.

„Die Mittel, die zur Verbreitung demokratischer Ideen eingesetzt werden, machen den Bürger in psychischer Hinsicht totalitär. Der einzige Unterschied zu einem Nazi besteht darin, dass er ein ‚totalitärer Mensch mit demokratischen Überzeugungen‘ ist, doch derlei Überzeugungen ändern rein gar nichts an seinem Verhalten. Der Widerspruch wird vom Individuum, für das die Demokratie zu einem Mythos geworden ist und die Grundsätze demokratischen Lebens nur Stimuli sind, die konditionierte Reflexe auslösen, keinesfalls wahrgenommen. Dieser Ausdruck hat, da zu einer schlichten Aufforderung geronnen, nichts mit solch einem Verhalten zu tun. Ein Bürger kann pausenlos ‚die heiligen Formeln der Demokratie‘ herunterbeten und sich doch wie jemand von der SS verhalten.“

Ausblick

Es ist zweifelsohne ein großes Verdienst des Westend Verlags, Elluls „Propaganda“ endlich in deutscher Übersetzung herausgebracht zu haben. Das Buch steht nun in einer Reihe mit den im selben Verlag erschienenen deutschen Ausgaben anderer sozialwissenschaftlicher und sozialkritischer Klassiker: Walter Lippmanns „Die öffentliche Meinung“, C. Wright Mills‘ „Die Machtelite“ und (für Februar 2022 angekündigt) Sheldon Wolins „Umgekehrter Totalitarismus“. Doch anders als bei den gerade genannten Büchern hat man im Fall Elluls darauf verzichtet, dem Werk eine sachkundige Einleitung voranzustellen. Das ist ein sehr bedauerliches Manko.

Eine solche Einleitung hätte zwei Fragen beantworten müssen: Welche Wirkung hat das Buch in den vergangenen sechs Jahrzehnten entfaltet? Vor allem jedoch: Welchen Stellenwert nimmt es im Gesamtwerk Elluls ein? Die zweite Frage wäre von besonderem Interesse gewesen, weil sie den Blick von einem klassischen Werk auf seinen inzwischen ebenfalls klassischen Autor gelenkt hätte. Das wiederum hätte die Chance auf eine breite deutsche Ellul-Rezeption und auf die Übersetzung weiterer Bücher eröffnet.

Zudem herrscht unter Ellul-Kennern Konsens darüber, dass es schwierig ist, Texte dieses Autors isoliert zu betrachten. Sein publizistisches Schaffen weist einen starken inneren Zusammenhang auf. Um Elluls Anliegen zu begreifen, genügt es daher nicht, lediglich eines seiner Bücher zu lesen; man muss sich auf möglichst breiter Grundlage mit diesem Autor auseinandersetzen. Weil das so ist, wird Multipolar zu einem späteren Zeitpunkt auf das Thema zurückkommen und einen einführenden Text zu Leben und Werk Jacques Elluls publizieren.

Jacques Ellul: Propaganda – Wie die öffentliche Meinung entsteht und geformt wird. Aus dem Französischen von Christian Driesen. Frankfurt a.M.: Westend Verlag 2021, 477 Seiten, 28 Euro

Dieser Beitrag wurde für das Online-Magazin Multipolar geschrieben und ist dort am 6. November 2021 erschienen.

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