Lebensfäden

Erinnerungen von (und an) Ekkehart Krippendorff

Vor einem Jahr, am 27. Februar 2018, verstarb der Politikwissenschaftler und Autor Ekkehart Krippendorff. Seine Autobiografie „Lebensfäden“ war 2012 erschienen – nach wie vor eine lohnende Lektüre.

Ein typisch-deutscher Professor ist Ekkehart Krippendorff nie gewesen. Die Universitätslaufbahn des 1934 geborenen Politikwissenschaftlers war von zahlreichen Konflikten begleitet.

Als er noch zum wissenschaftlichen Nachwuchs zählte, also in den 1950er und 60er Jahren, warfen ihm selbstherrliche Ordinarien und missgünstige Fakultäten Knüppel zwischen die Beine. Kaum verwunderlich! Denn mit verkrusteten Hierarchien konnte Krippendorff wenig anfangen. Und schon früh hat er sich politisch positioniert und engagiert. Er war ein 68er bevor die eigentliche 68er-Bewegung einsetzte, und vielen seiner damaligen Überzeugungen ist er sein Leben lang treu geblieben.

Auch thematisch sorgte er für Irritationen: Er schrieb links-alternative Reiseführer über Italien, verfasste Bücher über Literaturgrößen wie Shakespeare oder Goethe, machte sich sogar als Musik- und Theaterkritiker einen Namen. Das trug ihm zwar breite Anerkennung ein, aber den meisten seiner Fachkollegen war es eher suspekt.

Ende der 60er Jahre verabschiedete sich Krippendorff aus Deutschland und ging für knapp zehn Jahre nach Italien, kehrte dann aber als Professor an die Berliner Freie Universität zurück.

„Auf dem Wege von Rom nach Berlin machte ich im September 1978 Station im KZ Dachau, wo ich noch nie zuvor gewesen war. Ich legte dort im Stillen – das mag jetzt, hingeschrieben, pathetisch klingen – ein Versprechen mit mir selbst ab, über das ich mit niemandem gesprochen habe, mein ‚Dachau-Gelübde‘: Du lässt Dich in Deutschland nicht vereinnahmen, wirst Dich nicht bequemen, wirst als Professor und Bürger nicht Deine kritische Haltung aufgeben und nicht vergessen, dass das Bewusstsein von der nicht abtragbaren Schuld des Nazismus das historisch-moralische Leitmotiv Deiner Arbeit bleiben muss.“

Angepasst hat er sich tatsächlich nicht. Auch seine Autobiografie bürstet vieles gegen den Strich – und sie fällt in formaler Hinsicht aus dem Rahmen. Denn Krippendorff erzählt nicht konventionell-chronologisch sein Leben. Er berichtet vielmehr von den großen Themen, die dieses Leben bestimmt haben. Es sind zehn an der Zahl, und er nennt sie „Lebensfäden“.

„… zehn Lebensfäden, die das Gewebe des Ganzen ausmachen, zehn Themen, zehn Facetten, zehn Stränge, die die Masse der Alltäglichkeiten zusammenhalten und in ihrer Kombination so etwas wie ein Muster ergeben, das wir auch Identität nennen können.“

Ob es um den Nazismus geht oder um den Krieg, ob um die USA, um Italien oder die DDR, ob um die Juden, ob um Musik, um Theater oder Religion – mit jedem neuen Thema beginnt die Lebenserzählung wieder von vorn. So reihen sich am Ende zehn Teilbiographien aneinander. Das klingt anstrengend und nach Wiederholung. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Von Kapitel zu Kapitel wird die Darstellung vielschichtiger, komplexer, spannender. In jeder Hinsicht herausragend sind Krippendorffs Erinnerungen an die Universität – man möchte sie zur Pflichtlektüre für die hemmungslosen Hochschulreformer unserer Tage erklären.

Das  Buch ist fast auf jeder Seite lehrreich, manchmal auch belehrend, doch alles geschieht elegant, beiläufig, unaufdringlich. Da erinnert sich der Autor zum Beispiel an eine Kindheitsepisode aus dem Jahr 1939. Zu einem Wehrmachtsmanöver, das in seiner Heimat in der Magdeburger Börde stattfand, haben sich auch Hitler und Mussolini angekündigt. Als ihr Zug endlich eintrifft, ist für die ungeduldig wartende Menschenmenge kein Halten mehr, der Zaun in Richtung Bahndamm schnell niedergetrampelt.

„In der Aufregung und bei dem Gerenne fiel mir mein Butterbrot aus der Hand und ich entsinne mich genau, dass mir dieses Unglück einen größeren Eindruck machte als der Anblick des Führers. … Die ganze Szene ist mir unvergesslich – heute möchte mir das Missgeschick mit dem verlorenen Butterbrot, das die Erregung, den Führer gesehen zu haben, deutlich überschattete, fast symbolisch erscheinen für intuitiv gespürte Prioritäten.“

Subtile Köstlichkeiten wie diese sind in Krippendorffs Buch reich gesät. Der Autor – klug, belesen, geschichtsbewusst, welterfahren – war ein Zeitgenosse im besten Sinn. Er hat uns immer noch viel zu sagen.

 

Ekkehart Krippendorff: Lebensfäden. Zehn autobiographische Versuche. Verlag Graswurzelrevolution, 476 S., € 24,90

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