Der Fall Selpin

75 Jahre Kriegsende (V)

Im Sommer 1942 steckt der Regisseur Herbert Selpin mitten in den Dreharbeiten zu seinem bis dahin größten Projekt: einem aufwändigen Film über den Untergang des britischen Luxusliners „Titanic“. Doch den Abschluss dieser Arbeit erlebt er nicht mehr. Am 30. Juli wird der prominente Filmschaffende verhaftet und ins Polizeigefängnis am Berliner Alexanderplatz gebracht. Dort findet man ihn zwei Tage später tot in seiner Zelle. Selpin hat sich erhängt. Er ist das Opfer einer Denunziation geworden.

In seiner spannenden und akribischen, in Form einer Chronik gestalteten Rekonstruktion des Falles zeigt der Filmhistoriker Friedemann Beyer, dass das Leben und die Karriere des Herbert Selpin bis zu diesem Zeitpunkt keineswegs untypisch verlaufen waren. 1902 in Berlin geboren, hat Selpin nach dem Abitur einige Zeit gebraucht, um sich in der krisengeschüttelten Weimarer Republik zurechtzufinden.

Sein Medizinstudium hatte er aus finanziellen Gründen abbrechen müssen. Er war Antiquar, Buchhändler und Börsenbroker, hat sich als Boxer und Turniertänzer versucht. 1924 wird er Hilfsassistent in Friedrich Wilhelm Murnaus „Faust“-Verfilmung. Jetzt trifft er eine Lebensentscheidung: auch er will Regisseur werden. Sieben Jahre muss er warten, bis er erstmals selbst Regie führen darf. Erst die Machtübernahme der Nationalsozialisten bringt für Selpin den entscheidenden Karriereschub.

„Das Berufsverbot für rund 3000 jüdische Filmschaffende aus allen Fachbereichen reißt in der Branche große Lücken, die vor allem mit Nachwuchskräften gefüllt werden. Wie viele Kollegen seiner Generation profitiert auch Herbert Selpin stillschweigend von dieser Lage und den damit verbundenen Vorteilen.“

Als er im September 1933 seinen Aufnahmeantrag für die neu geschaffene Reichsfachschaft Film ausfüllt, verschweigt Selpin wohlweislich, dass er in der Weimarer Zeit ausschließlich mit jüdischen Regisseuren und Produzenten zusammengearbeitet hat. Im März 1933 war er bereits NSDAP-Mitglied geworden. In den Folgejahren dreht er zahlreiche Filme, darunter bis heute bekannte: „Wasser für Canitoga“ zum Beispiel oder „Sergeant Berry“, beide mit Hans Albers in der Hauptrolle.

Auch für geschichtsklitternde Propagandafilme ist sich Selpin nicht zu schade; mit seinem Opus über den von den Nazis hochgeschätzten Kolonialpolitiker Carl Peters zeigt er sich in besonderer Weise linientreu. Und doch ist Selpin immer auch ein der Kunst verpflichteter, besessener Filmemacher. Beyer beschreibt ihn als eine ebenso zwiespältige wie faszinierende Persönlichkeit, als einen Typus, der Carl Zuckmayers „Teufelsgeneral“ Harras frappierend ähnelt:

„Er gilt als leidenschaftlicher Regisseur: dynamisch, temperamentvoll und durchsetzungsstark. Seine Mitarbeiter schätzen seine physische wie mentale Präsenz, seine Direktheit, seine zielgerichtete Arbeitsweise, aber auch seinen Berliner Mutterwitz, seine Kodderschnauze, die nichts und niemanden schont.“

Zuweilen geht allerdings auch mal sein Temperament mit ihm durch, dann wird er laut, vergreift sich im Ton. Unter solchen Ausfällen leidet zunehmend auch Selpins langjähriger Mitarbeiter und bester Freund Walter Zerlett-Olfenius. Die beiden völlig gegensätzlichen Persönlichkeiten hatten sich lange Zeit vortrefflich ergänzt; doch dann geraten sie immer öfter in Konflikt.

Ihr letzter offener Streit eskaliert derart, dass sich Selpin zu politisch verhängnisvollen, antimilitaristischen Aussagen hinreißen lässt. Es kommt zu einer Denunziation, die wahrscheinlich von Zerlett ihren Ausgang nahm, an der er aber zumindest beteiligt war. Es folgen diverse Vernehmungen. Am Ende steht eine Art Ehrengericht im Amtszimmer des Propagandaministers. Goebbels fragt Selpin, ob er die ihm zur Last gelegten Aussagen getan habe und aufrechterhalte. Der antwortet mit „ja“ – und wird abgeführt.

Warum hat Herbert Selpin in dieser Situation nicht versucht, durch eine glaubwürdige Entschuldigung und einen Kotau vor dem braunen Machthaber seine Haut zu retten? Opportunistisches, karrieristisches Verhalten war ihm ja auch in früheren Zeiten nicht ganz fremd gewesen. Friedemann Beyer versucht im Epilog seines beklemmenden Buches, diese Frage zu klären – diese und einige andere. Doch manches bleibt notgedrungen offen, spekulativ. Die Fragen gehen zurück an den Leser. Er wird zum Nach- und Weiterdenken gezwungen über diesen zunächst so typischen – und am Ende dann so eklatant untypischen Fall.

Friedemann Beyer: Der Fall Selpin. Chronik einer Denunziation. Collection Rolf Heyne 2011, 224 Seiten

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