Tolstoi-Zitate (I)

Aus Eines ist not. Über die Staatsmacht (1905)

Diese Maschine [gemeint ist die Staats- und Kriegsmaschine, UT] ist der Welt längst bekannt, und ebenso sind es ihre Werke.

Es ist dieselbe Maschine, durch die in Rußland jene Herrscher regiert haben, die ihre Untertanen schlugen und quälten: bald der geisteskranke Ivan IV., bald der tierisch grausame Trunkenbold Peter, der mit seiner betrunkenen Kompagnie alles beschimpfte, was den Leuten heilig war; bald die ungebildete, auf den Händen gehende, liederliche Soldatenfrau Katharina I., bald der deutsche Biron, nur deswegen, weil er der Liebhaber Anna Ioannovnas, der Nichte Peters, eines Rußland ganz fremden und ganz unbedeutenden Frauenzimmers war; dann eine andere Anna, die Geliebte eines andern Deutschen, nur deswegen, weil es für ein paar Leute vorteilhaft war, ihren Sohn, das Kind Ivan, zum Kaiser zu bestimmen, denselben, der dann ins Gefängnis geworfen und auf Befehl Katharina II. getötet wurde.

Dann bemächtigte sich die unverheiratete Tochter Peters, Elisabeth, der Maschine und schickte das Heer aus, um gegen Preußen Krieg zu führen; sie stirbt, und der von ihr verschriebene Deutsche, ihr Neffe, der an ihre Stelle gesetzt wird, befiehlt den Truppen, für die Preußen zu kämpfen. Diesen Deutschen, ihren Gatten, tötet die ganz fremde, deutsche Katharina II. und beginnt dann mit ihren Liebhabern Rußland zu regieren, schenkt ihnen Zehntausende von russischen Bauern und führt ihretwegen bald griechische, bald indische Projekte durch, um derentwillen Millionen Menschen zugrunde gehen.

Sie stirbt, und der halbverrückte Paul lenkt, so gut ein Verrückter das kann, das Schicksal Rußlands und der Russen. Er wird mit Zustimmung seines eigenen Sohnes getötet. Und dieser Vatermörder herrscht 25 Jahre, bald als Freund Napoleons, bald gegen ihn Krieg führend, bald eine Verfassung für Rußland entwerfend, bald das russische Volk, das er verachtet, in die Macht des schrecklichen Arakčeev gebend.

Dann regiert und bestimmt das Schicksal Rußlands der rohe, ungebildete, grausame Soldat Nikolaus; dann der unkluge, schlimme, bald liberale, bald despotische Alexander II.; jetzt ist ein beschränkter Husarenoffizier an die Reihe gekommen, der mit seinen Kumpanen sein mandschurisch-koreanisches Projekt durchführt, das hunderttausend Menschenleben und Milliarden von Rubeln kostet.

Das ist schrecklich. Es ist namentlich deswegen schrecklich, weil, wenn dieser sinnlose Krieg auch endet, doch morgen mit Hilfe der ihn umgebenden Taugenichtse eine neue Phantasie in dem schwachen Kopfe des regierenden Mannes entstehen, und dieser Mann morgen ein neues afrikanisches, amerikanisches oder indisches Projekt aushecken kann, wo man dann wieder das letzte Mark aus den Russen herausholen und sie ans andere Ende der Welt jagen wird, um dort zu töten.

Und das ging und geht nicht allein in Rußland so, sondern fast überall, wo eine Regierung existierte oder existiert, das heißt: eine Organisation, bei der eine kleine Minderheit die große Mehrheit zwingen kann, ihren Willen zu tun. Beinahe die ganze Geschichte der europäischen Reiche ist eine Geschichte von verrückten, einer nach dem andern den Thron besteigenden, dummen, liederlichen Menschen, die ihr Volk töten, vernichten und namentlich sittlich verderben.

In England besteigt den Thron der gewissenlose, grausame Taugenichts und Wüstling Heinrich VIII. und erfindet, um sein Weib fortzujagen und seine Geliebte zu heiraten, eine scheinbar christliche Konfession, zwingt das ganze Volk, diesen von ihm erfundenen Glauben anzunehmen, und Millionen von Menschen werden im Kampfe für oder gegen diese erfundene Konfession vertilgt.

Dann nimmt der größte Scheinheilige, der Bösewicht Cromwell, von der Maschine Besitz, richtet einen ebensolchen Scheinheiligen wie er selbst, Karl I., hin, verdirbt erbarmungslos Millionen von Leben und vernichtet eben die Freiheit, für die er scheinbar kämpfte.

In Frankreich nehmen verschiedene Ludwige und Karle die Maschine in Besitz, und die Regierung von allen bildet eine ebensolche Reihe von Verbrechen: Mord, Hinrichtungen, Totschläge, Vernichtung des Volkes, unsinnige Kriege. Endlich wird einer von ihnen hingerichtet, und alsbald nehmen die Marat und Robespierre die Maschine in Besitz und begehen noch größere Verbrechen, vernichten nicht allein Menschen, sondern auch die großen Wahrheiten, die von den Menschen jener Zeit verkündet wurden.

Dann ergreift Napoleon die Macht und verdirbt Millionen Menschen in ganz Europa. Dasselbe geschieht in Österreich, Italien… Ebensolch dumme, unsittliche Herrscher und ebenso grausame, für das Volk verderbliche Taten. Und alles das sind nicht Werke, die nur der Vergangenheit angehören, die früher einmal passiert sind und jetzt nicht mehr passieren, alles das geschieht jetzt in diesem Augenblick häufig genug in den scheinbar freiesten, konstitutionellen Reichen und Republiken ebenso wie in den despotisch regierten: in England, in der Türkei, in Abessinien und in Rußland und in den Vereinigten Staaten von Amerika und in Marokko…

[…]

Überall, wo eine derartige Organisation existiert, mittels derer eine Minderheit die Mehrheit zwingen kann, alles das zu befolgen, was diese Minderheit Gesetze oder Regierungsverfügungen nennt, ist überall jeder Mensch der Mehrheit in steter Gefahr, daß über ihn und seine Familie das allerschrecklichste Unglück hereinbrechen kann – kein elementares Unglück, das nicht vom Willen der Menschen abhängt, sondern ein Unglück, das von den Menschen herrührt, von den wenigen Menschen, in deren Knechtschaft er sich freiwillig begeben hat.

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