Tolstoi-Zitate (II)

Aus Du sollst nicht töten! (1910)

Wenn Könige durch Gerichtsurteile hingerichtet werden, wie Karl I., Ludwig XVI. und Maximilian von Mexiko es wurden, oder wenn sie in Palastrevolutionen ermordet werden, wie Peter III., Zar Paul und verschiedene Sultans und Schahs, verliert gewöhnlich kein Mensch ein Wort darüber; aber wenn sie ohne Gerichtsurteile und ohne Palastrevolutionen ermordet werden, wie Heinrich IV., Alexander II., die Kaiserin von Österreich, der Schah von Persien und kürzlich König Humbert von Italien wurden, so erregen solche Mordtaten die größte Verwunderung und Entrüstung unter Königen, Kaisern und denen, die ihnen nahestehen, als wenn sie selber nie an Mordtaten teilgenommen, sie nicht selbst befohlen und sich ihrer für ihre Zwecke nicht selbst bedient hätten.

Und doch waren selbst die besten unter diesen ermordeten Souveränen, wie Alexander II. und König Humbert, schuldig, Zehntausende von Morden verursacht oder unterstützt zu haben, um nur die Morde an denen zu zählen, die auf den Schlachtfeldern fielen, und von den Hinrichtungen, die in ihren Ländern stattfanden, zu schweigen. Was die Kaiser und Könige, die man nicht zu den guten rechnen kann, betrifft, so waren sie schuldig an Hunderttausend und Millionen Mordtaten.

Die Lehre Christi hebt das Gesetz „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ auf. Aber die Menschen haben es immer befolgt und befolgen es in Hinrichtungen und Kriegen in erschreckendem Umfange noch […]. Diese Menschen haben daher kein Recht, empört zu sein, wenn dieses Gesetz auf sie selbst angewandt wird und in einem so unbedeutenden Maße, daß für Hunderttausende, oder vielleicht sogar für Millionen von Menschen, die auf Befehl und mit Zustimmung von Königen und Kaisern getötet wurden, kaum ein König oder Kaiser ermordet wird. Nicht nur sollten Könige und Kaiser über Morde, wie an Alexander II. und Humbert, nicht entrüstet, sondern lieber erstaunt sein über die Seltenheit dieser Mordtaten, wenn sie an das Beispiel denken, das sie selbst durch beständige und allgemeine Mordtaten der Menschheit gegeben haben.

Die große Masse der Menschen ist so durch und durch hypnotisiert, daß sie die Bedeutung dessen nicht versteht, was vor ihren Augen vorgeht. […]

Menschen werden in Schlaf versetzt, um sie zu Werkzeugen des Mordes zu machen. Und die, welche das tun, das befehlen und stolz darauf sind, sind die Könige, die Kaiser, die Präsidenten. Und sie sind es, die, obwohl sie den Mord zu ihrer Spezialität machen und ständig kriegerische Uniformen und Mordinstrumente, Säbel und Schwerter tragen, sich entsetzen und entrüsten, wenn einer aus ihren eigenen Reihen getötet wird.

Wenn die Ermordungen von Königen im allgemeinen, wie die von König Humbert im besonderen, schrecklich sind, so sind sie es nicht weil sie grausam und unverdient sind. Die Handlungen, die auf Befehl von Königen und Kaisern, nicht nur in der Vergangenheit – denkt an die Bartholomäusnacht, die Glaubensverfolgungen, die entsetzliche Niederwerfung der Bauernaufstände, das Blutbad der Versailler Truppen –, sondern auch in der Gegenwart ausgeführt werden – denkt an die staatlichen Hinrichtungen, das langsame Hinschmachten in den Gefängniszellen und Strafbataillonen, die Galgen, die Guillotine, das Erschießen und Erschlagen im Kriege –, diese Handlungen sind unvergleichlich grausamer, als die Mordtaten, die die Anarchisten begehen. Nicht also deshalb, weil die unverdient sind, sind diese Mordtaten schrecklich. Wenn Alexander II. und König Humbert den Tod nicht verdient haben, so haben ihn noch weniger die Tausende von Russen verdient, die vor Plevna fielen und die Tausende von Italienern, die in Abessinien ums Leben kamen. Wenn diese Königsmorde schrecklich sind, so sind sie es nicht, weil sie grausam und unverdient sind, sondern wegen dem Mangel an Vernunft bei denen, die sie begehen.

[…]

Nur einem oberflächlichen Beobachter kann die Ermordung dieser Leute als ein Mittel der Errettung vor der Unterdrückung und den Kriegen erscheinen, welche die Menschenleben dezimieren.

Es genügt, daran zu erinnern, daß diese Unterdrückung und diese Kriege immer unabhängig von denen stattgefunden haben, die zufällig an der Spitze der Regierung standen: Nikolaus oder Alexander, Friedrich oder Wilhelm, Napoleon oder Louis, Joseph oder Franz, Palmerston oder Gladstone, McKinley oder irgendein anderer, um zu erkennen, daß es nicht irgendwelche einzelnen Personen sind, die die Ursachen dieser Unterdrückung und dieser Kriege, unter denen die Völker leiden, bilden. Solche Übel werden nicht von einzelnen verursacht, sondern durch die gesamte Ordnung der Gesellschaft, in der die Menschen so aneinander gekettet sind, daß das Schicksal aller in den Händen weniger oder gar eines einzelnen liegt; und diese wenigen oder dieser einzelne sind durch die so unnatürliche Stellung, die ihnen Macht über das Leben und das Schicksal von Millionen verleiht, so demoralisiert, daß sie stets die Opfer eines krankhaften Zustandes, immer mehr oder weniger von einer Manie nach Größe ergriffen werden, eines Zustandes, der nur wegen ihrer Ausnahmestellung unbemerkt bleibt.

[…]

Die Verantwortung für die Unterdrückung der Völker und die Metzeleien in den Kriegen fällt folgerichtig nicht auf Alexander oder auf Humbert, nicht auf Wilhelm oder Nikolaus oder Chamberlain, die Leiter dieser Unterdrückungen und dieser Metzleien, sondern auf die, welche sie in eine Stellung gesetzt haben, in der sie Herren über das Leben anderer sind, auf die, welche sie in dieser Stellung erhalten. Nicht die Ermordung der Alexander, der Nikolaus, der Wilhelm und der Humbert ist daher also nötig, sondern ein Aufhören in der Unterstützung der gesellschaftlichen Ordnung, aus der sie hervorgehen. Die bestehende soziale Ordnung aber wird durch den Egoismus und die Blindheit der Menschen gestützt, welche ihre Freiheit und ihre Ehre um armselige materielle Vorteile verkaufen.

[…]

[Es] würde ein kleines Etwas genügen – daß nämlich die Menschen die Dinge verstehen, wie sie in Wirklichkeit sind und mit ihrem rechten Namen nennen; daß sie erkennen, daß die Armee ein Mordwerkzeug ist und daß also ihre Ansammlung und Leitung – mit so viel Selbstvertrauen von Königen, Kaisern und Präsidenten ausgeübt – nichts anderes ist, als Vorbereitung zum Mord.

Es würde genügen, wenn jeder Präsident oder jeder Kaiser begriffe, daß ihre Tätigkeit als Befehlshaber von Truppen kein wichtiger und ehrenhafter Posten ist, wie ihre Schmeichler sie glauben machen wollen, sondern eine niedrige und schamlose Handlung der Vorbereitung zum Massenmord; es würde genügen, wenn jeder ehrenhafte Mensch einsähe, daß die Zahlung von Steuern, mit denen Soldaten bewaffnet und unterhalten werden, und, was mehr ist, der Eintritt in den Kriegsdienst, keine gleichgültigen, sondern schlechte und schändliche Handlungen sind, denn der, der sie begeht gestattet nicht nur den Mord, sondern nimmt Teil an ihm. Dann würde die Macht der Könige, Kaiser und Präsidenten […] von selbst zusammenbrechen.

[…]

Wenn die Menschen bisher nicht so gehandelt haben, so ist allein die Art des hypnotischen Zustandes Schuld daran, in welchem die Regierungen sie aus Gründen der Selbsterhaltung sorgfältig zu erhalten suchen. Und um mitzuwirken, einen Zustand der Dinge herbeizuführen, in dem die Menschen aufhören, die Könige sowohl wie einander zu töten, ist es nötig, nicht zu töten – denn das kann im Gegenteil ihre Hypnose nur verstärken – sondern zu erwecken.

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