Lebenslang Lebensborn

75 Jahre Kriegsende (III)

Die SS-Organisation Lebensborn ist bis heute von Legenden umrankt. Eine davon besagt, es habe sich um eine „Zuchtanstalt“ gehandelt, in der ausgesuchte weibliche und männliche Prachtexemplare der arischen Rasse zum Zweck der Kinderzeugung zusammengeführt wurden. Doch die Lebensborn-Organisatoren führten anderes im Schilde.

„Sie wollten ledige, schwangere Frauen ‚guten Blutes‘ dazu bringen, nicht abzutreiben, sondern ihr Kind auszutragen und im Lebensborn zu entbinden. Und damit die ‚Schande‘ der unehelichen Geburt ihnen keine Nachteile brachte, bot die SS-Organisation ihnen die Möglichkeit, Schwangerschaft, Entbindung und letztlich auch das Kind geheim zu halten.“

Die Situation in den seit 1936 eröffneten Heimen des Lebensborns war komfortabel. Nach der Geburt konnten die Mütter ihr Kind mitnehmen und ihre Angelegenheiten regeln, sie konnten es aber auch zeitweise oder ganz der Vormundschaft des Lebensborns überlassen, es Pflegeeltern überantworten oder zur Adoption freigeben. Der Lebensborn wollte die arische Rasse vergrößern und kultivieren – ergebnisorientiert und pragmatisch; bürgerliche Moralvorstellungen spielten keine Rolle.

Ehemalige Lebensborn-Kinder – alles in allem waren es etwa 18.000 – sind nach Ende des Zweiten Weltkriegs nur vereinzelt und zögerlich an die Öffentlichkeit getreten. Mit vielen derjenigen, die den Schritt gewagt haben und sich offensiv mit diesem Aspekt ihrer Lebensgeschichte auseinandersetzen, hat Dorothee Schmitz-Köster in den vergangenen Jahren Kontakt aufgenommen.

„Als ich Ingrid vor zehn Jahren zum ersten Mal begegnet bin, war sie verzweifelt. Sie saß in einer Runde von Lebensborn-Kindern, die sich gegenseitig ihre Geschichte erzählten. Mehr oder weniger ausführlich, mehr oder weniger emotional, mehr oder weniger tränenreich. Ingrid wurde immer aufgeregter, das sah ich ihr an. Als sie endlich an der Reihe war, sagte sie nur einen einzigen Satz. ‚Ich weiß gar nichts.‘ Mehr brachte sie nicht heraus. Ihre Stimme versagte, sie fing an zu weinen und verließ einen Moment später den Raum.“

Ein anderes Lebensborn-Kind, die mittlerweile 70-jährige Hannelise H., sagte zur Autorin, sie hätte keinen besonderen Ärger mit dem Lebensborn gehabt – um dann wie beiläufig hinzuzufügen: „außer dass ich nicht wusste, wer ich bin.“ Fast hätte Dorothee Schmitz-Köster diese Worte überhört, doch dann klingen sie in ihr nach und gehen ihr nicht mehr aus dem Kopf.

„Kann man größeren ‚Ärger‘ haben als nicht zu wissen, wer man ist?, fragte ich mich. Ist das nicht genau der Punkt, an dem viele Lebensborn-Kinder verzweifeln? Dass ihre Identität, ihre Selbstgewissheit durch die SS-Organisation behindert, erschüttert und immer wieder infrage gestellt wurde? Weil man sie im Ungewissen ließ. Weil man Informationen unterschlug. Weil man Mütter und Väter darin unterstützte zu schweigen. Oder ihr Kind alleinzulassen.“

Die Autorin erzählt 20 bewegende Lebensgeschichten, die in gewisser Weise immer auch Familiengeschichten sind. Eines zeigen sie alle: Der Lebensborn hat stets Spuren hinterlassen, doch wie tief sie sich eingegraben haben, das hing nicht zuletzt vom Verhalten und der Verantwortungsbereitschaft der jeweiligen Eltern ab.

„Der eine konnte das Thema (fast) abschütteln – der andere beschäftigt sich seit Jahren  mit nichts anderem mehr. Für die eine hat die mütterliche Liebe alles ausgeglichen – bei der anderen hat der Mangel an Liebe den eigentlichen Schaden angerichtet.“

Im Laufe des Zweiten Weltkriegs wurde der Lebensborn auch in einigen besetzten Ländern aktiv. Selbst im angeblich rassisch minderwertigen Osteuropa fand man vielversprechende Kinder und griff zum Mittel der Verschleppung und Zwangsgermanisierung. Und wenn etwas nicht nach Plan lief, wenn ein Kind trotz gesunder Eltern etwa krank oder behindert zur Welt kam, dann zeigte der SS-Staat sein wahres, sein mörderisches Gesicht.

Die kleine Sigune zum Beispiel wurde Anfang 1943 im Lebensborn-Heim „Wienerwald“ geboren – mit Down-Syndrom. Noch im selben Jahr wird sie im Rahmen des hundertausendfachen Kranken- und Behindertenmordes der Nazis umgebracht. Alle Menschen, von denen dieses Buch erzählt, hat der Fotograf Tristan Vankann in eindrücklichen Aufnahmen porträtiert. Nur von Sigune gibt es kein Foto.

Dorothee Schmitz-Köster / Tristan Vankann: Lebenslang Lebensborn. Die Wunschkinder der SS und was aus ihnen wurde. Piper Verlag, 384 Seiten, € 24,99

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