Eine knappe Angelegenheit

75 Jahre Kriegsende (IV)

War der Ausgang des Zweiten Weltkriegs vorprogrammiert? War absehbar, dass er mit der Niederlage der „Achsenmächte“ und dem Sieg der „Alliierten“ enden würde? Die Geschichtswissenschaft leistet einem solchen Eindruck zuweilen ungewollt Vorschub, denn das Handwerk der Historiker ist nun einmal primär die Beschreibung und Erklärung dessen, was tatsächlich geschehen ist – weniger dagegen die Erörterung der Frage „was wäre gewesen, wenn…“.

Auch der britische Historiker Ian Kershaw ist kein Freund des spekulativen, „kontrafaktischen“ Denkens. Dennoch: In seinem 2008 veröffentlichten Buch „Wendepunkte“ betont er – stärker als viele seiner Kollegen – die lange Zeit prinzipiell offene Kriegssituation. Der Zweite Weltkrieg, schreibt er, „war eine knappe Angelegenheit – knapper, als häufig angenommen wird“.

Erst ab 1943 hätten sich die Niederlage der Aggressoren und der Sieg der Alliierten allmählich abgezeichnet. In der Zeit davor, insbesondere in der Phase vom Frühjahr 1940 bis zum Winter 1941/42, sei hingegen eine eindeutige Entwicklungsrichtung noch nicht erkennbar gewesen.

Eben diese Phase, in der sich die endgültige Kriegskonstellation erst herausbildete und das Ringen der beteiligten Mächte zu einem globalen Konflikt eskalierte, steht im Zentrum von Kershaws Buch. Um „Wendepunkte“ dreht es sich dabei allerdings nur selten; richtiger müsste von Weggabelungen oder strategischen Entscheidungen die Rede sein, bei denen die Akteure über teilweise erhebliche Handlungsspielräume verfügten.

Insgesamt zehn solcher Weggabelungen nimmt Kershaw in Form von Fallstudien unter die Lupe. Den Auftakt des Buches bildet der Entschluss des britischen Kabinetts vom Mai 1940, sich nicht auf ein Arrangement mit Hitler einzulassen, sondern den Kampf fortzusetzen; ohne den Einfluss des neuen Premiers Winston Churchill wäre diese Entscheidung vielleicht anders ausgefallen – mit unabsehbaren Konsequenzen für den weiteren Verlauf des Krieges.

Churchills späterer Partner, US-Präsident Roosevelt, sah sich bis Ende 1941 der alles beherrschenden und sich ständig verschärfenden Frage konfrontiert, ob, wie und wann er sein Land in den Krieg führen sollte; es war ein Drahtseilakt zwischen dem politischen Willen zur Intervention und einer isolationistisch orientierten Öffentlichkeit.

Nicht minder schwerwiegend waren die Dilemmata des Hauptaggressors: Obwohl Hitler den Krieg im Westen noch nicht siegreich beendet hatte, entschloss er sich zum Angriff auf die Sowjetunion. Dass dieser Feldzug aus der Sicht Nazideutschlands zunächst so erfolgreich verlief, war nicht zuletzt dem Umstand geschuldet, dass Stalin trotz aller Warnungen und gegenteiligen Anzeichen die Möglichkeit einer deutschen Attacke nicht hatte wahrhaben wollen. Auch dieser folgenreichen (Fehl-) Entscheidung widmet Kershaw ein eigenes Kapitel; ebenso dem japanschen Entschluss, sich in Richtung Pazifik und gegen die USA zu wenden, obwohl doch mit dem Beginn des deutsch-sowjetischen Krieges auch eine Bewegung nach Norden, also ebenfalls gegen die Sowjetunion, in Frage gekommen wäre.

Manche der von Kershaw analysierten Entscheidungen muten aus heutiger Sicht geradewegs irrational an; hier interessiert den Historiker vor allem die Frage, wie es zu solchen Fehlleistungen überhaupt hat kommen können. In anderen Fällen plädiert Kershaw allerdings für ein vorsichtigeres Urteil. So erscheint Hitlers Überfall auf die Sowjetunion vielen rückblickend als Wahnsinnstat; aus zeitgenössischer Sicht, insbesondere aus der Perspektive des „Führers“, stellt sich der Vorgang anders dar: als zwar hoch riskant, aber doch auf einem rationalen Kalkül basierend.

Hitler wusste, dass die Zeit gegen ihn lief. Daher musste der Krieg im Osten beginnen, bevor Stalin seine Verteidigung aufbauen konnte und die USA in den Krieg eintraten. Ein schneller Triumph über die Sowjetunion war aus Sicht des Diktators der direkte Weg zum „Endsieg“, da er England zur Kapitulation nötigen, die USA aus dem Krieg heraushalten und einem künftigen Anspruch der Sowjets auf Vorherrschaft in Mitteleuropa und auf dem Balkan die Grundlage entziehen würde.

Die enorme Materialfülle und Komplexität seiner Themen bewältigt Kershaw souverän. Auch die ständigen „Szenenwechsel“ gelingen formal und inhaltlich überzeugend; sie ergeben sich daraus, dass der Autor Entscheidungsprozesse in den sechs wichtigsten kriegführenden Ländern gleichsam simultan im Blick behalten und zueinander in Beziehung setzen muss.

Eine besondere Stärke der Untersuchung liegt darin, dass Kershaw ungeachtet aller Fixierung auf die „großen Männer“ nie die strukturellen Dimensionen aus den Augen verliert; sowohl die internationalen Konstellationen als auch die internen Machtverhältnisse der verschiedenen Staaten werden systematisch berücksichtigt. Da es sich dabei um höchst unterschiedliche Strukturen handelt, also um demokratische, autoritäre und totalitäre Systeme unterschiedlicher Provenienz, mündet die Untersuchung am Ende folgerichtig in einen höchst aufschlussreichen „Systemvergleich“.

Dass Kershaws Buch trotz dieser und weiterer Meriten nicht der ganz große Wurf geworden ist, liegt daran, dass der Autor allzu viele, durchaus verzichtbare Details ausbreitet und zudem dazu neigt, bereits Gesagtes teils mehrfach zu paraphrasieren. Es wäre die Aufgabe eines zupackenden Lektorats gewesen, aus diesem unnötig ausladend geratenen Text eine jederzeit spannende, scharfkantige Analyse schicksalhafter Kriegsentscheidungen zu formen.

Ian Kershaw: Wendepunkte. Schlüsselentscheidungen im Zweiten Weltkrieg 1940/41. Aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt. Deutsche Verlags-Anstalt, 730 Seiten.

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