Bernard von Brentano 1933

Als Hitler und die NSDAP 1933 an die Macht kamen, wusste der Schriftsteller Bernard von Brentano (1901-1964), dass er in Deutschland nicht würde bleiben können. Von Berlin aus orientierte er sich nach Süden, ging schlussendlich in der Schweiz vor Anker – in Küssnacht, wo sich zur gleichen Zeit auch Thomas Mann einfand. Die beiden wichtigsten Romane Brentanos, Theodor Chindler und Prozess ohne Richter, erschienen 1936 und 1937 in Zürich bzw. Amsterdam. Nach dem Krieg berichtete er in dem autobiographischen Band Du Land der Liebe über seine Zeit im Exil. Hier einige Auszüge, Erinnerungen an den März 1933.

Ich hing an Deutschland, und wenn ich von Auslandsreisen zurückkehrte, war ich jedesmal froh, wenn ich unsere Grenzen wieder überschritt. Und ich hing auch an Berlin, das für mich die Stadt aller Städte war, die kühnste und lebendigste unter den Hauptstädten Europas. Mein ganzes Wesen sträubte sich gegen den Gedanken, Berlin oder gar unser Land zu verlassen und in die Emigration zu gehen. Aber eine ruhelose Ahnung des Kommenden in meiner Brust war stärker als alle Überlegungen, und ob ich es wahrhaben wollte oder nicht, eine innere Stimme, die nicht verstummen wollte, sagte mir, daß mir eine große Veränderung bevorstand. …

Anfang März fuhr ich mit meiner Frau nach München. Die neue Regierung hatte mich aus dem PEN-Club geworfen und mein neues Buch beschlagnahmt. Ich hielt es für ratsam, mich für einige Zeit aus Berlin zu entfernen. …

Nach alter Gewohnheit stiegen wir in München im Hotel „Union“ in der Barerstraße ab und verlebten eine unruhige Nacht. Unserm Hotel gegenüber lag die SA-Kaserne. Die ganze Nacht hindurch strömten die Soldaten des Bürgerkriegs durch die Tore ihrer Behausung. Der Marschtritt der Kolonnen knallte aufs Pflaster, und die Fackeln, welche die Männer trugen, ließen unser Zimmer nicht dunkel werden. …

Hatte ich Angst? Fürchtete ich mich vor diesen Truppen, die entschlossen waren, einem einzigen Manne blindlings zu gehorchen? Offen gesagt: ja und nein. Es war weniger eine körperliche Furcht, die mich plagte und unruhig machte, als vielmehr jene Nervosität, die eine schwangere Frau empfindet, die in einem Auto mit schlechten Bremsen und einem ungeschickten Fahrer gefahren wird. Denn auch ich ging damals schwanger. In meinem Koffer lagen die ersten Kapitel eines Romans, den ich genau so schreiben wollte, wie er mir eingefallen war und vorschwebte, und was ich fürchtete, war die Vorstellung, ein Zensor könnte kommen und mir in meinen Text hineinreden, ja, mir vielleicht sogar verbieten, mein Buch zu schreiben. Gegen diese Vorstellung empörte sich meine Natur. Ich wollte nicht gehorchen, niemand gehorchen. Heute weiß ich, daß andere Völker ihren Regierungen gehorchen, aber einer schlechten Regierung sollte man nicht gehorchen.

In den folgenden Tagen besuchte ich Münchner Freunde und Bekannte, aber wen ich auch fragte, niemand wußte etwas Genaues. Die neue Regierung handelte rasch und zielbewußt, und ihre geschlagenen Gegner saßen halb zornig, halb verängstigt in ihren Wohnungen und kolportierten Gerüchte. Wie ein gelähmter Greis, der jede Krankheit für seine letzte hält, hatte sich die Republik aufgegeben. Sie hielt für das Ende aller Zeiten, was in Wirklichkeit nur eine Niederlage war, und vielleicht noch nicht einmal die letzte.

Deutschland hatte nie einen Diktator gehabt. Wir hatten schlechte Kaiser und die einzelnen Länder hatten schlechte Fürsten und Könige, aber einen Tyrannen hatten wir nie erlebt. Der Mangel an Cromwells und Napoleons, ich meine der Mangel an Erfahrungen im Umgang mit solchen Figuren, der mußte jetzt bezahlt werden. …

Ich blieb etwa eine Woche in München, dann verließ ich eines Morgens die schöne Isarstadt und fuhr über Innsbruck nach Wien. Ich kannte Wien von früheren Reisen her, aber diesmal machte die Stadt einen wenig vertrauenerweckenden Eindruck. Die Wirtschaftskrise, die an der politischen Entwicklung in Deutschland so viel Schuld hatte, plagte auch Österreich, und in Wien saßen, genau wie bei uns, alle Anlagen voll von Arbeitslosen, die gelangweilt in die Gegend starrten und nicht wußten, was sie mit sich und einer Welt anfangen sollten, in der man nicht nur kein Geld verdienen konnte, sondern noch nicht einmal arbeiten durfte.

Sparen! Sparen! Ich wußte ja nicht, was mir noch alles bevorstand, und so zog ich in ein kleines billiges Hotel in der Josephstädterstraße. Eines Morgens saß ich eben beim Frühstück und war damit beschäftigt, Zeitung zu lesen, was ich damals übermäßig betrieb, als mich Bert Brecht anrief. Auch der Dichter der „Dreigroschenoper“ hatte es vorgezogen, Berlin und die hübsche kleine Wohnung, die er in der Hardenbergstraße besaß, zu verlassen. Er wollte sich in Wien nach neuen Arbeitsmöglichkeiten umsehen. Wir aßen zusammen zu Mittag und beschlossen, am Nachmittag Karl Kraus zu besuchen. Ich kannte Kraus aus Berlin, wo er ab und zu auftauchte, und freute mich auf das Wiedersehen.

Der berühmte Herausgeber der Zeitschrift „Die Fackel“ hatte die sonderbare Gewohnheit, die aber in Wien nicht so ausgefallen war, wie sie‵s vielleicht in anderen Städten gewesen wäre, seine Tage in mehreren Caféhäusern zu verbringen, die er mit größter Regelmäßigkeit eins nach dem andern aufsuchte. Wir erkundigten uns bei Bekannten von Kraus und erfuhren, daß er am frühen Nachmittag in einem Café am Ring anzutreffen sei. … Als wir das Café betraten, das nach Wiener Art eher wie ein Wohnzimmer aussah, saß Kraus hinten in der Ecke, trank Kaffee und arbeitete. Die Hauptstadt Österreichs schien damals noch weit vom Schuß der Ereignisse zu liegen, die sich bei uns abspielten, aber Karl Kraus war seiner Natur nach ein pessimistischer Kopf und schon damals von düsteren Ahnungen erfüllt. Als er uns erblickte, stand er auf, gab uns die Hand und begrüßte uns mit den Worten: „Die Ratten betreten das sinkende Schiff!“

Abends waren wir bei ihm eingeladen. Ich war ein Leser der „Fackel“ und ein Bewunderer von Kraus. Er war ein glänzender Stilist und ein geistvoller und tapferer Mann, und ich wollte, ich könnte mehr von dem Abend bei ihm erzählen. Die Gespräche, die in diesen verhexten Monaten geführt wurden, drehten sich immer nur um Politik und um Hitler und sind mir völlig entfallen. Ich habe ein gutes Gedächtnis, aber die politischen Prophezeiungen, die zu jener Zeit Mode waren, haben sich mir nicht eingeprägt.

Ich ging am nächsten Tag noch einmal allein zu Karl Kraus, und er beschwor mich geradezu, Wien wieder zu verlassen und mir einen besseren Platz als Exil auszusuchen. Ich sagte nicht viel, aber ich fühlte, daß Kraus recht hatte, und als ich wieder auf der Straße stand, glaubte ich‵s sogar zu sehen. Die Riesenhauptstadt des winzig gewordenen Landes machte den Eindruck eines sinkenden Schiffes, und weil ich in jenen Jahren ein Mann von raschen Entschlüssen war, beschloß ich, Wien zu verlassen und weiter zu reisen. Brecht schloß sich an, und wir fuhren in die Schweiz.

Bernard von Brentano: Du Land der Liebe. Bericht von Abschied und Heimkehr eines Deutschen. Rainer Wunderlich Verlag Hermann Leins, Tübingen und Stuttgart 1952, Seite 11-18

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