Der Soziologe als Mythenjäger
Norbert Elias (1897-1990) war einer der bedeutendsten Soziologen des 20. Jahrhunderts. Doch es dauerte lange, bis er die ihm gebührende Anerkennung fand. Jahrzehntelang fristete er das Dasein eines Außenseiters. Sein 1939 in der Schweiz erschienenes zweibändiges Hauptwerk Über den Prozess der Zivilisation, heute unbestritten ein Klassiker der Soziologie, war lange Zeit ein Ladenhüter. Sein Verleger schlug ihm nach dem Krieg vor, das Buch zu verramschen. In einem langen, 1984 geführten Interview erzählt Elias aus seinem Leben, auch aus der Zeit des heraufziehenden Nationalsozialismus. In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre (bis 1930) lebte und arbeitete er in der vergleichsweise friedlichen Universitätsstadt Heidelberg.
…ich glaube nicht, daß ich je das Gefühl einer heraufziehenden Katastrophe hatte. Vor kurzem las ich ein Interview von Kurt Wolff [1887-1963, Verleger], und darin berichtet er, wie ihm [Karl] Mannheim [1893-1947, Soziologe] 1933 sagte: „Diese ganze Hitlergeschichte kann nicht länger als sechs Wochen dauern, der Mann ist doch verrückt.“
Das war nicht meine Meinung, weil ich wahrscheinlich zu vorsichtig war, um mich so eindeutig festzulegen. Aber auch ich ahnte nicht, daß sich Hitler mehr als zehn Jahre halten würde. Nein, in Heidelberg hatte niemand das Bewußtsein, daß eine Katastrophe heraufzog.
Wissen Sie noch, wann Sie zum ersten Mal von den Nationalsozialisten hörten?
Sicher, einer der Assistenten von Alfred Weber (1868-1958, Soziologe, Bruder Max Webers) war Nationalsozialist; ich kannte ihn sehr gut. Aber er war ein zivilisierter Mensch, ich war ein zivilisierter Mensch, wir waren es alle. Natürlich gab es die Straßenschlachten, aber mir ist doch auch unvergeßlich, wie Richard Löwenthal [1908-1991, Politikwissenschaftler], der damals einer der prominentesten Kommunisten unter den Studenten war, in der Aula der Heidelberger Universität sprach – ein kleiner, sehr jüdisch aussehender Mann vor einem ganzen Saal von Korpsstudenten. Das war also ebenfalls möglich. Es ist ihm nichts passiert. Und dann war da der sehr zivilisierte Alfred Weber; ich denke nicht, daß er eine Vorstellung vom Kommenden hatte.
Ist es nicht merkwürdig, daß Sie, im Gegensatz zu all ihren Freunden, keiner Partei angehörten? Sie haben sich das erlaubt – warum?
Aber wie hätte ich mit meiner Sichtweise, mit meinem Bedürfnis, durch die Verschleierungen hindurchzusehen, Mitglied einer Partei sein können? Ihre Programme beruhten alle auf Wunschdenken.
…
War der Nationalsozialismus die hauptsächliche Mythologie, die Sie demaskieren wollten?
Nationalismus, Kommunismus – was immer Sie wollen.
Ist jede Ideologie eine Mythologie?
Ja. In meinem Buch Was ist Soziologie? gibt es ein Kapitel „Der Soziologe als Mythenjäger“. Da ist es auf den Punkt gebracht.
Haben Sie nie in Rechnung gestellt, daß Menschen Mythen brauchen?
Doch, durchaus. Aber dann sollen sie Gedichte schreiben, das habe ich ja auch getan. Auch ich brauche Mythen – und Gemälde.
Aber viele Menschen brauchen Mythen in ihrem täglichen Leben: Mythen über ihre Partei, ihr Land, ihren Fußballklub.
Menschen brauchen in der Tat Mythen, aber nicht, um ihr soziales Leben zu regeln. Das geht nicht mit Mythen. Es ist meine feste Überzeugung, daß Menschen ohne Mythen besser zusammenleben würden. Mythen, so denke ich, rächen sich immer.
Sie finden also nichts an der Idee, daß Mythen für das soziale Leben unentbehrlich sind?
Warum sollten sie das sein? Gewiß, unsere Realität hat äußerst unerfreuliche Aspekte – zum Beispiel die Tatsache, daß das Leben vollkommen sinnlos ist. Aber dem muß man ins Auge sehen, weil es die Voraussetzung für das Bemühen ist, dem Leben einen Sinn zu geben. Und das können nur Menschen füreinander tun. So betrachtet, ist die Illusion eines vorgegebenen Sinnes schädlich.
Sie haben eine Abneigung gegen Illusionen.
Was meinen Sie damit: eine „Abneigung“? Ich weiß, daß sie schädlich sind. Warum übersetzen Sie das automatisch in eine Frage von Vorliebe oder Abneigung? Was ist das für eine Redeweise? Ich spreche von Wissen!
Wenn Sie sagen würden, man kann nicht ohne Phantasien leben – das ist etwas anderes.
Besteht denn ein so scharfer Unterschied zwischen Mythen und Phantasien?
Der Unterschied ist, ob man weiß, daß es sich um Phantasien handelt, oder ob man die eigenen Phantasien für Realität hält. Im letzteren Fall betrügt man sich selbst, und das sollte man natürlich nicht tun. Man sollte weder sich noch andere mit Mythen betrügen.
Ich bin sehr ernsthaft der Ansicht, daß wir in einem Dickicht von Mythologien leben und daß es gegenwärtig eine der Hauptaufgaben ist, damit aufzuräumen. Das große Frühjahrs-Reinemachen – das ist es, was zu geschehen hat.
A.J. Heerma van Voss und A. van Stolk: Biographisches Interview mit Norbert Elias, in: Norbert Elias über sich selbst, Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag 1990, S. 51-54

