Norbert Elias (II)

Das Ethos des Wissenschaftlers

1930 verließ Norbert Elias Heidelberg und ging als Assistent des Soziologen Karl Mannheim nach Frankfurt. Ein weiteres Zitat aus dem Interview von 1984 (siehe nebenstehenden Beitrag).

Haben Sie je in Ihrem Leben gewählt?

Möglich, ich kann mich im Moment nicht erinnern. Sicher ist nur, daß ich in England, wo ich erst spät die Staatsbürgerschaft erlangte, nie gewählt habe. Ob es auch in Deutschland immer so war, weiß ich nicht mehr. Das politische Geschehen aber habe ich mit größtem Interesse verfolgt. Als Hitler in Frankfurt eine Rede hielt, bin ich hingegangen.

Das muß Ende 32 oder Anfang 33 gewesen sein. Es wurde eine große Rede von Hitler angekündigt, und ich brannte darauf, ihn leibhaftig zu sehen. Aber das war gefährlich, weil ich als Jude zu erkennen war. Andererseits konnten meine Gesichtszüge bei entsprechender Verkleidung auch als aristokratisch durchgehen; wenn ich meine Brille ablegte, mir ein Monokel ins Auge klemmte, ein Jägerhütchen aufsetzte und mich anders kleidete, war ich ein anderer Mensch. Und so schritt ich in Begleitung von zwei baumlangen, sehr arisch aussehenden Studenten durch das Spalier der SS.

Es war faszinierend… Der Führer ließ die erregte Menge zwei Stunden warten, man sang patriotische Lieder, und manchmal mußte ich ebenfalls den Mund bewegen, weil ich nicht der einzige sein konnte, der schweigend dasaß. Einmal verließ ich kurz die Versammlung und stand plötzlich Auge in Auge einem Mit-Assistenten gegenüber, der Nationalsozialist war. Er zuckte zurück, ich zuckte zurück, dann warf ich noch einen Blick über die Schulter, er ebenso, und ging weg. Ein merkwürdiger Moment – aber dann kam der Führer. Er war wirklich ein ungewöhnlich guter Redner. Vor allem eines ist mir in Erinnerung geblieben: wie er am Ende die Kinder segnete. Das hatte ich nie zuvor erlebt! Er ließ die Kinder zu sich heraufkommen, legte ihnen gleichsam die Hand auf den Kopf und sprach zu ihnen. Und die Menge raste vor Begeisterung.

Zu solchen Dingen ging ich hin, um mich zu orientieren, um ein Verständnis zu gewinnen und um mit eigenen Augen zu sehen.

Warum wollten Sie überhaupt wissen, was vor sich ging?

Weil ich denke, daß das eine der wichtigsten Aufgaben der Menschen ist: wenn sie ihr Leben besser regeln wollen, als es heute der Fall ist, dann müssen sie wissen, wie die Dinge zusammenhängen. Ich meine das ganz praktisch, denn andernfalls handeln wir falsch. Es ist das Elend der gegenwärtigen Menschheit, daß sie sich zu oft durch unrealistische Ideen leiten läßt.

Wie zum Beispiel?

Es gab einmal eine große Begeisterung für den Kommunismus, Menschen haben ihr Leben geopfert – und schauen Sie, was daraus geworden ist. Es gab eine Begeisterung für den Liberalismus, amerikanische Präsidenten und Ökonomen glauben immer noch an ihn – und sind sie in irgendeiner Weise imstande, unserer ökonomischen Misere abzuhelfen? Sie handeln, als ob sie Bescheid wüßten, aufgrund von Idealen, aber in Wirklichkeit wissen sie nicht, wie die Wirtschaft oder wie Staaten funktionieren.

Es müßte mehr Menschen geben wie mich, die keine Angst vor dem haben, was sie entdecken, Offenbar fürchten Menschen, daß sie etwas Unerfreuliches herausfinden werden, wenn sie realistisch über sich nachdenken. Nehmen Sie Freud: Er wollte auf seine Weise herausfinden, wie die Dinge wirklich sind, unabhängig davon, was die Leute vorher gesagt hatten. Und das ist die Aufgabe eines Wissenschaftlers, in den Sozialwissenschaften wie in den Naturwissenschaften. Das ist das Ethos eines Wissenschaftlers.

A.J. Heerma van Voss und A. van Stolk: Biographisches Interview mit Norbert Elias, in: Norbert Elias über sich selbst, Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag 1990, S. 61-63

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