Hans Kohn: Bürger vieler Welten

Der Sozialwissenschaftler und Historiker Hans Kohn (1891-1971) gehört zu den wichtigsten Nationalismus-Forschern des 20. Jahrhunderts. Geboren und aufgewachsen in der deutsch-jüdischen Gemeinschaft in Prag, geriet er während des Ersten Weltkriegs mehrere Jahre in russische Gefangenschaft, gelangte über Sibirien und Japan zurück nach Europa, übersiedelte 1925 nach Palästina, revidierte diese Entscheidung vier Jahre später und wanderte schließlich über Zwischenstationen in Europa nach Amerika aus, wo er an renommierten Universitäten lehrte. Kohn war ein „Bürger vieler Welten“ – so auch der Titel seiner 1964/65 publizierten Autobiografie. Daraus nun ein Auszug, in dem der Autor die Situation in Prag zwischen der 48er-Revolution und dem Ersten Weltkrieg skizziert.

„Jahrzehntelang vor 1848, der Geburtsstunde des modernen Nationalismus in Mitteleuropa, haben Tschechen und Deutsche in ziemlich gutem Frieden zusammengelebt und Böhmen als ihr gemeinsames Vaterland betrachtet. Am Ende des 18. Jahrhunderts war Prag kulturell und gesellschaftlich eine vorwiegend deutsche Stadt. Latein war damals die Sprache der Universität und der Gelehrten, Deutsch die Sprache der wohlhabenden Klasse und der Verwaltung, während die aristokratische Oberschicht Französisch sprach. Tschechisch wurde vom gemeinen Volk gesprochen, das damals als politischer und kultureller Faktor kaum zählte. Eine zeitgenössische tschechische Literatur gab es nicht. Dann setzte eine Flut rascher Veränderungen ein, ähnlich wie wir sie in der Mitte des 20. Jahrhunderts in Asien und Afrika miterlebten.

Im März 1848, als die Stürme der Februarrevolution von Paris nach Mitteleuropa herüberdrangen und plötzlich die Völker aufschreckten, arbeiteten in Prag deutsche und tschechische Studenten im Interesse der konstitutionellen Freiheit und der gemeinsamen Heimat zusammen. Drei Monate später hatten die inzwischen erwachten nationalen Leidenschaften sie in erbitterte Feinde verwandelt. Der erste panslawische Kongreß trat in Prag zusammen mit dem erklärten Ziel, Stellung und Rechte der Slawen unter der österreichischen Monarchie zu schützen. Umgekehrt begannen die Deutschen von der panslawischen Gefahr zu sprechen, einem Gespenst, das die weit mehr verfolgte als das des Kommunismus, das Marx und Engels zu jener Zeit beschworen. Die Tschechen sahen in den Deutschen (und in den Ungarn) die Todfeinde ihrer nationalen Bestrebungen. Von nun an standen sich die beiden Gemeinschaften als Gegner in einem harten und unerbittlichen Kampf gegenüber. …

Um 1900 war Prag eine überwiegend tschechische Stadt geworden. Nur etwa fünf Prozent der Einwohner sprachen noch Deutsch. Diese kleine Gruppe aber bildete einen kulturellen und wirtschaftlichen Faktor weit über ihre zahlenmäßige Bedeutung hinaus. Vielleicht war die Intensität ihres intellektuellen und künstlerischen Lebens deshalb so stark, weil sie sich als Oberschicht von der Berührung mit den breiteren ′Massen‵ fernhielten. Im meilenweiten Umkreis von Prag war die Landbevölkerung rein tschechisch, auch die Bauern, Arbeiter und Handwerker, die man in Prag antraf, waren Tschechen. Dennoch hatte die deutschsprachige Minderheit, in der ich aufwuchs, ihr voll entwickeltes kulturelles und gesellschaftliches Eigenleben. Wir fühlten uns nicht isoliert, sondern waren völlig zu Hause in Prag und in der tschechischen Landschaft rings um die Stadt. All dies war auch unser Land; wie atmeten seine Luft und liebten seine Konturen.

So fühlte sich die deutsche Minderheit nicht ′wurzellos‵ in Prag. Unsere Wurzeln waren ja hier. Wir nahmen sogar, ohne viel darüber nachzudenken, die seltsame Tatsache hin, daß in Prag die beiden nationalen Gruppen streng getrennt voneinander lebten. Wenn überhaupt, gab es nur ganz wenige Kontakte zwischen ihnen. Jede hatte ihre eigenen Schulen und Universitäten, ihre Theater und Konzertsäle, Sportclubs und Kabaretts, Gaststätten und Kaffeehäuser – in allen Lebensbereichen herrschte eine freiwillige Segregation, eine Art stillschweigend anerkannter ′Eiserner Vorhang‵, der zwei Welten trennte, die Seite an Seite lebten, jede verschlossen und fast ohne Verbindung untereinander. In wenigen Städten war der Nationalismus eine so lebendige und alles durchdringende Kraft wie in Prag zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Diese Erfahrung meiner Jugend hat mich gewissermaßen dazu vorbestimmt, ein besonderes Verständnis für die Bedeutung des Nationalismus zu entwickeln. Vernünftig betrachtet, hätte der Konflikt zwischen Deutschen und Tschechen in Böhmen durch einen Kompromiß gelöst werden können. Wirtschaftliche Überlegungen und die geographischen Gegebenheiten sprachen für eine solche Lösung. In zwei österreichischen Provinzen – in Mähren, wo Tschechen und Deutsche weit enger als in Böhmen zusammenlebten, und in der kleinen Provinz Bukowina, die sogar von drei Volksstämmen, von Ukrainern, Rumänen und Deutschen, besiedelt war – wurden solche Kompromißlösungen gefunden, ähnlich wie dann nach dem Zweiten Weltkrieg für Triest. Aber im Falle von Böhmen wurde eine solche Versöhnung entgegengesetzter Ansprüche, die letzten Endes im Interesse beider Gruppen gelegen wäre und eine gemeinsame Zukunft auf vernünftiger Basis gesichert hätte, vereitelt durch ehrgeizige Bestrebungen, die aus der Vergangenheit – einer oft nur zu engen Interpretation der Vergangenheit! – abgeleitet waren, und durch die Gefühle, die von solchen Bestrebungen erweckt wurden. Die Macht der Geschichte war zu groß, als daß der gesunde Menschenverstand hätte siegen können.“

Hans Kohn: Bürger vieler Welten. Ein Leben im Zeitalter der Weltrevolution, Frauenfeld: Verlag Huber & Co. 1965, S. 23-27

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