Über anderthalb Jahrzehnte – von 1933 bis 1949 – verbrachte der Schriftsteller Bernard von Brentano im Schweizer Exil (siehe auch meinen Beitrag vom 15. Juni 2026). Dort schrieb er nicht nur sein Hauptwerk Theodor Chindler, sondern auch den beklemmenden Roman Prozeß ohne Richter, den er 1937 im Amsterdamer Exilverlag Querido veröffentlichen konnte. Er schildert in betont-nüchterner, gleichwohl eindringlicher Form das Schicksal des Mathematikprofessors Klitander und seiner Frau Fine, die – ohne erkennbare Schuld – in die Mühlen einer autoritären Staatsmacht geraten und zugrunde gehen. Das Buch ist derzeit nur antiquarisch zu erwerben. Hier ein kleiner Ausschnitt – Klitanders Verhaftung.
Klitander hatte abends ein wenig gelesen und war spät schlafen gegangen. Er erwachte mit einem Ruck. Das Zimmer war dunkel. Da läutete es zum zweiten Mal leise an der Flurtüre. Klitander schlüpfte aus dem Bett, ging mit bloßen Füßen über den Gang und öffnete. Auf dem Treppenabsatz standen vier bewaffnete Polizisten. Einer leuchtete ihm ins Gesicht und fragte, ob er Klitander heiße. Klitander bejahte. „Dann ziehen Sie sich rasch an und folgen Sie uns, ohne Lärm zu machen.“
Klitander spürte, daß ihm eine plötzliche Angst den Magen zusammendrückte. Er biß die Zähne aufeinander und ging ins Schlafzimmer zurück. Fine schlief fest und ruhig, fast unbeweglich. Klitander legte ein Tuch über die Lampe, um das Licht zu dämpfen. Wenn es mir doch vergönnt wäre, dachte er, sie zu verlassen, während sie schläft. Welchen Schmerz würde es ihr ersparen. Beim Anziehen beobachtete er sie unausgesetzt und gierig, um sich noch einmal jeden Zug ihres Gesichtes einzuprägen. Sie war alt geworden, aber Klitander fand sie schöner als sie jemals gewesen war. Ihr leise atmendes Gesicht hatte einen erhabenen Ausdruck.
Die Beamten waren auf dem Flur geblieben und flüsterten miteinander. Plötzlich lachte einer laut auf. Klitander fuhr zusammen, als ob geschossen worden wäre, und Fine erwachte.
„Was ist los?“ fragte sie und richtete sich im Bett auf. „Was tust du? Warum stehst du in der Nacht auf? Der Morgen kann noch nicht gekommen sein.“
„Schlafe, Finelein,“ sagte Klitander und beugte sich über sie, „ich werde verreisen… ich bitte dich, lege dich wieder zurück und schlafe.“
Einer der Beamten trat ins Schlafzimmer. Klitander stellte sich vor ihn und sagte, dies sei ein eheliches Zimmer, er bitte ihn, es zu verlassen. Der Beamte drehte den Kopf hin und her. Als er Klitanders Blick unbeweglich auf sich gerichtet sah, zuckte er die Achseln und ging wieder hinaus. Nun erhob sich Frau Fine. Klitander war in seinen Rock geschlüpft und stand fertig angekleidet vor ihr.
„Du gehst,“ flüsterte Fine mit trockenen Lippen, „schau mich noch einmal an. Du wirst mich nicht wiedersehen. Mein Herz ist zersprungen, und ich werde bald sterben. Vielleicht kannst Du auch sterben, vielleicht mußt du leiden, und ich werde dir nicht helfen können. Nun ist zu viel geschehen, ich habe keine Worte mehr. Ich kann noch nicht einmal mehr weinen, selbst meine Tränen sind in der Wüste meiner Brust versickert. Ich werde an dich denken und jene Menschen hassen, die uns vernichtet haben. Vielleicht hilft dir das… es könnte sein… So… nun tue alles, was du willst. Wenn es dich weniger schmerzt, brauchst du mich nicht mehr zu berühren, und dich nicht von mir zu verabschieden.“
Aber als sie diese Worte gesagt hatte, erhob sie sich und preßte ihren Mann mit aller Kraft an sich. „Ich nehme den Kampf wieder auf,“ flüsterte Klitander Fine ins Ohr. „Sei tapfer, kämpfen ist eine Beschäftigung wie jede andere auch. Hörst du mich?“
„Ich höre dich,“ sagte Fine.
Auf dem Flur wurde Klitander von zwei Beamten gefesselt. Fine war ihm gefolgt und sah es. Dann nahmen ihn die Beamten in die Mitte, und Klitander verließ vor ihnen die Wohnung.
Fine drehte sich um, torkelte und fiel hin. Als sie auf der Erde lag, biß sie in den Teppich, um nicht schreien zu müssen. Aber sie röchelte und Klitander hörte es.
Anna kam mit zerzausten Haaren und bloßen, knöchernen Füßen schlaftrunken aus ihrem Zimmer. Vor der Garderobe lag Fine wie eine gekrümmte Statue am Boden. Anna beugte sich herab und half Fine aufstehen. Als sie die schwere, schwankende Frau ins Schlafzimmer führte, preßte Fine Annas Handgelenk plötzlich so heftig, daß sich Anna vor Schmerz auf die Lippe biß. Aber sie sagte nichts. Die seelischen Schmerzen, dachte sie, sind halt gar schlimm.“
Bernard von Brentano: Prozeß ohne Richter. Roman, Amsterdam: Querido 1937, S. 159-163

