Im März und im Mai 2023 setzte ich mich im Magazin Multipolar in zwei größeren Artikeln mit dem russischen Krieg gegen die Ukraine auseinander. Inzwischen sind dreieinhalb Jahre vergangen. Rückblickend scheint mir, dass beide Texte sich nicht nur analytisch weiterhin sehen lassen können, sondern sich vor allem auch in prognostischer Hinsicht als treffsicher erwiesen haben. Ich republiziere sie deshalb an dieser Stelle in gekürzter Form. Hier zunächst einige Auszüge (Einleitung und Bilanz) aus dem ersten Text Die Putin-Interviews und der Krieg.
Zwischen Juli 2015 und Februar 2017 führte der Oscar-gekrönte US-amerikanische Regisseur Oliver Stone ausgedehnte Interviews mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. Veröffentlicht wurden die Gespräche als vierstündige Filmdokumentation sowie als Abschriften in Buchform. Stone bot Putin reichlich Gelegenheit, seine Weltanschauung und sein Politikverständnis zu erläutern, von seinen Erfahrungen, Einsichten und Überzeugungen zu berichten. Ob man den Interviews als Zuschauer oder als Leser folgte: Alles in allem ergab sich aus ihnen ein interessantes, freundliches, relativ umfassendes und wohl auch einigermaßen authentisches Porträt des russischen Präsidenten. Zumindest schien es so. Spätestens seit dem 24. Februar 2022 steht all dies in Zweifel. Seit diesem Tag agiert und agitiert Wladimir Putin für jedermann erkennbar in einer Art und Weise, die vielen seiner zentralen Aussagen und Maximen aus den Stone-Interviews diametral widerspricht. Die Fragen lauten: Wo genau liegen die Unterschiede zwischen damals und heute? Und: Wie ist die Wandlung zu erklären?
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Bilanz
Wladimir Putin präsentiert sich in den Interviews mit Oliver Stone als kompetenter, nüchterner, rationaler, berechenbarer, problembewusster, kompromissbereiter, friedens- und verständigungsorientierter Staatsmann. Er begreift sich als Anwalt einer gedeihlichen inneren Entwicklung Russlands und als Verfechter seiner nationalen Interessen. Er möchte seinem Land insbesondere im Verhältnis zu den USA Respekt und Anerkennung verschaffen, hegt aber keinerlei aggressive oder gar imperiale Ambitionen. Kurzum: Ein reflektierter, vergleichsweise vernünftiger Politiker – so könnte und konnte man meinen.
Das letzte Interview Oliver Stones mit Putin wurde im Februar 2017 geführt, liegt also erst sechs Jahre zurück. Doch der Wladimir Putin von heute beziehungsweise seit Februar 2022 ist ein erkennbar anderer als derjenige der Interviews. Er hat sich von vielen Überzeugungen und Einsichten, die er gegenüber Stone vertrat, offenbar gelöst.
Hatte Oliver Stone seinen Gesprächspartner noch voller Anerkennung als „kühl und besonnen“ beschrieben, so erlebte man insbesondere zu Beginn des Ukraine-Kriegs einen hoch emotionalen und nervlich angespannten Putin.
Sang Putin gegenüber Stone noch das Hohelied der Flexibilität, verfolgt er nun – als Kriegsherr – einen außerordentlich rigiden Kurs. Seine Mahnung, man dürfe andere Staaten oder Politiker nicht in eine Sackgasse treiben, ist obsolet geworden. Denn genau das, die Sackgasse, ist das gegenüber der Ukraine verfolgte russische Kriegsziel.
Das von Putin beschworene Prinzip der Nichteinmischung in anderer Länder Angelegenheiten ist aufgegeben worden. Das ursprüngliche Ziel von Russlands „militärischer Spezialoperation“ war ganz offenkundig ein Regimewechsel in Kiew. Nunmehr überzieht Russland die Ukraine mit Krieg, obwohl Putin in den Interviews militärische Gewalt grundsätzlich skeptisch beurteilt und sie im Fall der Ukraine als Problemlöser kategorisch ausgeschlossen hatte.
Russland stelle für niemanden in Europa eine Bedrohung dar, hatte Putin gesagt. Auch dies sehen viele ost- und mitteleuropäische Länder spätestens seit dem Februar 2022 anders.
Obwohl Putin in den Interviews versichert hatte, sein Land hege keinerlei imperiale Ambitionen, erhebe keine Gebietsansprüche, hat Russland Territorien im Osten der Ukraine in einem völkerrechtswidrigen Verfahren annektiert. Zudem ist die militärische Gewalt Russlands als solche völkerrechtswidrig – auch dies ein wichtiger Aspekt angesichts der Tatsache, dass Putin in seinen Gesprächen mit Stone noch großen Wert auf die UNO-Charta und das internationale Recht gelegt hatte.
Aus der anfänglich vielleicht tatsächlich als begrenzte „militärische Spezialoperation“ gedachten Intervention ist binnen kurzer Zeit ein mit voller Härte (und unter Einschluss schwerer Kriegsverbrechen auf beiden Seiten) geführter Krieg geworden, unter dem vor allem Menschen eines Landes leiden, das Putin als „fast identisch“ mit Russland beschrieben hatte. Den USA hatte Putin vorgehalten, sie würden alles Erdenkliche unternehmen, um Russen und Ukrainer zu entzweien. Es ist durchaus möglich, dass der russische Krieg diese Entzweiung vollendet und – zumindest auf absehbare Zeit – unumkehrbar macht.
Die Minsker Vereinbarungen, die Putin immer als Königsweg zu einer Problemlösung betrachtet hatte, sind aktuell nur noch von historischem Interesse. Hatte sich Putin in den Stone-Interviews noch als unbeirrbarer Freund der Diplomatie gegeben, ist jetzt – zumindest in Richtung Westen – das Gegenteil der Fall.
Was Russland nach Putins Worten unter allen Umständen hätte vermeiden sollen, genau das tut es jetzt: Es lässt sich auf eine direkte Konfrontation mit dem Westen, insbesondere den USA, ein; es schlägt scharfe Töne an; und es droht – sogar mit Nuklearwaffen.
Man dürfe sich nicht provozieren lassen, hatte Putin erklärt. Nun hat er es doch getan und nimmt alle Folgen in Kauf, die er für diesen Fall treffsicher vorhergesagt hatte: dass der Westen Russland (und natürlich ihn selbst) in bislang ungekannter Weise dämonisieren werde; und dass die Amerikaner wieder einen eindeutigen Gegner haben würden, ein klares Feindbild, das ihnen hilft, ihr eigenes Bündnis zusammenzuhalten, zu stabilisieren und sogar weiter auszudehnen. Die Bündnisbildung, vor der Putin gewarnt und die er als Relikt des Kalten Kriegs bezeichnet hatte, wird derweil auch von Russland selbst vorangetrieben.
Putins guter Vorsatz, sich auf die inneren Probleme seines Landes konzentrieren zu wollen, ist passé. Russland wehrt sich zwar bislang nicht ohne Erfolg gegen ein weitreichendes westliches Sanktionsregime. Aber man wird kaum behaupten können, dass der Ukraine-Krieg den sozialen, ökonomischen, technologischen und ökologischen Fortschritt in Russland vorangetrieben oder dem Land gar einen Liberalisierungsschub beschert hätte. Im Gegenteil, die Repression ist stärker geworden, viele Menschen – oft junge und gut ausgebildete – resignieren und verlassen ihre Heimat.
Ausblick
Wie kann man die soeben herausgearbeitete Diskrepanz erklären? Eine mögliche Antwort: Putin hat sich gar nicht verändert. Er hat vielmehr den Westen seit langem systematisch getäuscht und belogen (inklusive seinen ihm gewogenen Gesprächspartner Oliver Stone). In Wahrheit ist er „schon immer so gewesen“ und lässt jetzt bloß die Maske fallen, zeigt also sein wahres Gesicht.
Mit dieser Deutung machte man es sich meines Erachtens allerdings entschieden zu einfach. Es ist aus meiner Sicht viel wahrscheinlicher, dass sich in den vergangenen fünf bis sechs Jahren eine durch äußere Umstände hervorgerufene Wandlung vollzogen hat. Am Ende dieses Wandlungsprozesses standen – wie ich in dem angekündigten zweiten Artikel zum Thema näher erläutern werde – einige langsam gereifte und rationale, einige eher spontane und emotionale Entscheidungen, mit denen Putin deutlich von den Maximen abwich, die er im Interview mit Oliver Stone vorgetragen hatte. Diese Entscheidungen wiederum zeitigten sowohl beabsichtigte als auch unbeabsichtigte und nicht vorhersehbare Folgen, die zusammenflossen und schließlich in jene gefährliche und scheinbar ausweglose Kriegs- und Krisen-Konstellation mündeten, der wir uns heute ausgesetzt sehen.

