100 Jahre Oktoberrevolution

Zu Stephen Smiths Buch Revolution in Russland

Zum hundertsten Jahrestag der russischen Oktoberrevolution sind zahlreiche Bücher unterschiedlicher Qualität erschienen. In mehrfacher Hinsicht herausragend ist die umfangreiche und akribische Studie des Oxforder Historikers Stephen A. Smith. Das fast zeitgleich in Großbritannien und Deutschland publizierte Buch gehört zum Besten, was je zu diesem Thema geschrieben wurde.

Es gibt Zeitgenossen, die es sich mit der Beurteilung des revolutionären Umbruchs in Russland ziemlich einfach machen. „Alle Wege des Marxismus führen in den Gulag“, so ihre Quintessenz. Lenin gilt ihnen als legitimer Erbe von Marx – und Stalin als zwangsläufige Folge von Lenin. Dass diese angebliche Kausalkette ein nachträgliches Konstrukt ist, erhellt schon aus der Tatsache, dass viele zeitgenössische Marxisten die Politik der russischen Bolschewiki skeptisch bis ablehnend beurteilten.

Karl Kautsky beispielsweise, der bedeutendste marxistische Theoretiker nach dem Tod von Marx und Engels, war ein erbitterter Gegner Lenins und seiner Partei. Seit 1918 hat er in mehreren Publikationen die Bolschewiki und ihre Revolution frontal angegriffen. Er hat prophezeit, dass sie am Ende in ein totalitäres System münden werde, jedenfalls nichts mit dem zu tun haben würde, was Marx, Engels und die sozialdemokratischen Parteien in Deutschland, Frankreich und anderswo unter „Sozialismus“ verstanden.

Die Vehemenz, mit der Kautsky seine Angriffe führte, ist einfach zu erklären: Er fürchtete, dass die gewaltsame Machtergreifung der Bolschewiki und die diktatorischen und terroristischen Maßnahmen, mit denen sie die errungene Macht stabilisierten, der sozialistischen Idee schweren Schaden zufügen und sie auf Dauer diskreditieren würden.

Und, umgekehrt, war für die Protagonisten der Russischen Revolution klar: Wenn eine Autorität wie Kautsky ihnen so offen den Fehdehandschuh hinwarf und ihnen die Legitimität absprach, hatten sie ein ernstes Problem. Das ist der Grund, warum Lenin, Trotzki und Bucharin, obwohl sie alle Hände voll zu tun hatten, noch die Zeit fanden, auf Kautskys Kritiken mit zügellosen Polemiken zu antworten. Bis 1989/90 galt der Marxist Kautsky im sowjetischen Machtbereich als „Renegat“ und „Verräter“.

Stephen Smith widmet sich dieser Debatte, die zu den interessantesten Auseinandersetzungen in der sozialistischen Theoriegeschichte gehört, nur beiläufig. Doch im Hintergrund, so scheint mir, ist sie ständig präsent. Denn selbstverständlich geht es auch ihm letztlich darum, sich einen Reim auf die welterschütternden Ereignisse jener Zeit zu machen.

Am Anfang seines Buches gibt Smith seinen Lesern einen nicht ganz ernst gemeinten Rat: Sollten sie keine Geduld aufbringen und schon jetzt wissen wollen, wie sein Gesamturteil aussieht oder „wo er steht“, mögen sie die Lektüre mit der 20-seitigen „Schlussbetrachtung“ beginnen. Doch der augenzwinkernde Rat taugt allenfalls für „eilige Leser“ oder solche, die einen Autor gerne mit einem Etikett versehen. Alle anderen sollten sich für dieses Buch ein paar Tage Zeit nehmen, es von der ersten bis zur letzten Seite lesen – und am besten Bleistift und Notizblock bereitlegen.

Denn es gelingt Smith nicht nur, einem breiten, historisch interessierten Publikum den aktuellen Forschungsstand zu vermitteln. Er nimmt sich zudem als Autor in einer Weise zurück, die Bewunderung abnötigt. Vorschnelle, gar apodiktische Thesen sucht man vergeblich.

Obwohl Smith jederzeit verständlich und geradlinig schreibt, erfordert die Lektüre höchste Konzentration. Beinahe jeder Satz ist vollgepackt mit Information, oft gespickt mit Zahlen und Statistiken. Der Material- und Detailreichtum ist schier überwältigend. Wobei die wohl größte Leistung des Autors darin besteht, bei allem Interesse für einzelne Bäume nie den Wald aus dem Blick zu verlieren. Er macht hochgradig komplizierte, komplexe Entwicklungen transparent, und soweit er sich überhaupt Urteile erlaubt, sind sie zurückhaltend, abwägend, differenziert.

Schon der Zeitraum, den Smiths Studie abhandelt, ist ungewöhnlich und bemerkenswert. Die Darstellung beginnt 1890, in der Spätphase des Zarismus, und endet 1928, als Stalin seine Macht stabilisiert hatte und seine „Revolution von oben“ in Gang setzte.

So gewaltig die Umbrüche in dieser knapp 40-jährigen Epoche auch waren, von Zwangsläufigkeit im strengen Sinne kann Smith zufolge keine Rede sein.

So war das Zarenreich, das in den letzten Jahrzehnten seiner Existenz beachtliche Modernisierungsschübe auslöste, keineswegs zum Untergang verurteilt. Dass es im Zuge der Februarrevolution dann doch abdanken musste, lässt sich vor allem aus der intransigenten Politik Nikolaus II. erklären. Hätte dieser letzte Zar eine größere Flexibilität in seiner Kriegspolitik und im Hinblick auf politische und soziale Reformen im Inneren des Reichs an den Tag gelegt, wäre die Entwicklung vermutlich anders verlaufen.

„Die Geschichte des letzten Vierteljahrhunderts der Romanow-Dynastie handelt davon, wie ein auf Modernisierung bedachtes Regime von innen- und außenpolitischen Kräften überrollt wird, die es zum Teil selbst in Gang gesetzt hatte, und die dann eine Wucht erreichten, der es nicht standhalten konnte. Aber sie handelt auch von einem Zaren, der sich weigerte, die neuen Wirklichkeiten zur Kenntnis zu nehmen, und der so das Regime und seine Herrschaft zum Untergang verdammte.“

Nach der Februarrevolution 1917 wiederum bestand durchaus die Chance, Russland in eine parlamentarische Demokratie nach westlichem Muster umzuformen. Damals machte sich im Volk eine umfassende Begeisterung für „Freiheit“ geltend – jedoch:

„Das Problem war, dass Soldaten, Arbeiter und Bauern darunter die Übernahme tatsächlicher wirtschaftlicher Macht durch die Bevölkerung verstanden, doch war diese stark ‚sozialisierte‘ Idee von Demokratie mit der liberalen Konzeption, in der die bürgerlichen und politischen Rechte an den Weiterbestand des Privateigentums gekoppelt waren, nicht vereinbar. … Was aber die Aussicht auf Demokratie vollends verdunkelte, war die Entscheidung der Provisorischen Regierung, den Krieg fortzusetzen.“

Und schließlich: Die Machtergreifung der Bolschewiki im Oktober 1917 war zwar geprägt von deren Machtinstinkt, ihrer Gewaltbereitschaft, von ihrem ideologischem Dogmatismus und ihrer Borniertheit, aber auch in diesem Fall war die weitere Entwicklung nicht vorgezeichnet. Auch wenn Repression und Terror schon früh einsetzten, herrschte in den zwanziger Jahre noch ein gewisser politischer Pluralismus, gab es in Zeiten der „Neuen Ökonomischen Politik“ sogar eine Entspannung der Lage, so dass alternative Wege noch nicht versperrt waren.

Dass es am Ende anders gekommen ist, lag Smith zufolge an einer Vielzahl von Faktoren, unter ihnen solche, die nicht unmittelbar mit der bolschewistischen Ideologie zu tun hatten: das Erbe des Ersten Weltkriegs, der nach der Oktoberrevolution ausbrechende Bürgerkrieg, die Versorgungprobleme der Städte, der Kampf gegen Hunger und Krankheit, der internationale Paria-Status des Landes, dazu die Notwendigkeit einer raschen Industrialisierung, einer Modernisierung der Landwirtschaft, eines Ausbaus der militärischen Verteidigungsbereitschaft etc.

Wie sollte mit all diesen Problemen umgegangen werden? Die Ideologie, so Smith, legte zwar den Rahmen fest. Aber sie konnte den Bolschewiki zum Beispiel nicht sagen, welche konkreten Methoden die geeignetsten waren, um die Industrialisierung voranzutreiben, oder ob es ratsam war, das Friedensdiktat von Brest-Litowsk zu unterzeichnen…

Zur Frage, ob und inwieweit sich Lenin legitimerweise auf Marx und Engels berufen durfte, macht Smith keine expliziten Ausführungen, wenngleich seine Bezugnahmen auf Kautsky die Antwort nahelegen: Es ist nicht anzunehmen, dass die beiden marxistischen Gründerväter Lenins autoritäre Parteitheorie gebilligt hätten, seine spezifische Vorstellung von einer „Diktatur des Proletariats“, von der Revolution als elitärer Machtergreifung, seinen Anti-Pluralismus, seine Gewaltbereitschaft.

Wohl aber äußert sich Smith zum Verhältnis von Lenin und Stalin:

„Ohne Frage warfen viele Elemente leninistischer Theorie und Praxis den Schatten des Stalinismus voraus. Lenin war der Architekt des Machtmonopols der bolschewistischen Partei; er unterstellte die Sowjets und die Gewerkschaften der Partei; er war intolerant gegen Andersdenkende; er schaffte viele staatsbürgerliche und politische Freiheiten ab; er beseitigte die sozialistische Opposition. Auf dem Höhepunkt des Bürgerkriegs verstieg er sich sogar zu der Behauptung, dass der Wille des Proletariats ‚bisweilen von einem Diktator in die Tat umgesetzt werden könnte‘. Lenin trägt, anders gesagt, beträchtliche Mitverantwortung für die Institutionen und die Kultur, die Stalin die Machtergreifung gestatteten.“

Das ist deutlich. Doch zugleich macht Smith – logisch zwingend – darauf aufmerksam,

„dass es mit Bucharin oder Trotzki als Generalsekretär die Schrecken des Stalinismus nicht gegeben hätte, auch wenn wirtschaftliche Rückständigkeit und internationale Isolation ihren Handlungsspielraum gleichermaßen eingeschränkt hätten. … wir können davon ausgehen, dass die Linke zwar Stalins Entschlossenheit, die Ketten sozioökonomischer und kultureller Rückständigkeit zu brechen, teilte, aber nicht zu den Mitteln der Zwangskollektivierung oder der Schreckensherrschaft der 1930er Jahre gegriffen hätte.“

Und an anderer Stelle:

„Wir sollten die Behauptung, dass die Russische Revolution eine Gewaltspirale in Gang setzte, die im Gulag-System endete, mit einiger Distanz betrachten.“

Die oben angeführten Zitate sind allesamt der schon angesprochenen „Schlussbetrachtung“ Smiths entnommen. Es handelt sich also um abschließende Thesen, um Schlussfolgerungen, die auf den vorangehenden 400 Seiten mit bewundernswerter Detailgenauigkeit und Materialfülle ausgeführt und begründet werden, stets mit der gebotenen Vorsicht und hochgradig differenziert.

Es ist – auch nach hundert Jahren – alles andere als einfach, die Russische Revolution und ihre Folgen gerecht zu beurteilen. Sicher aber ist: Wer diese grundstürzenden Ereignisse, die das 20. Jahrhundert in Atem hielten und ihm ihren Stempel aufdrückten, begreifen will, darf nicht nur auf das Ende sehen, sondern muss auch den Anfang, den Aufbruch, im Blick behalten. Auch das tut Stephen Smith. Auf den letzten beiden Seiten seines bedeutenden Werks gibt er die Zurückhaltung des professionellen Historikers auf und schreibt uns Folgendes ins Stammbuch:

„Die Russische Revolution von 1917 endete in der Tyrannei. Doch warf sie fundamentale Fragen auf, die bis heute nicht zureichend beantwortet sind: Wie können Gerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit miteinander harmonieren? Ihre Antworten waren mangelhaft, aber sie eröffnete Möglichkeiten eines Fortschritts, für die uns die Schrecken von Stalinismus und Maoismus nicht blind machen sollten. In einer Welt, in der man den Massenmedien kaum entgehen kann, wird es immer schwieriger, rigoros und kritisch über die organisierenden Prinzipien unserer Gesellschaft und über den Weg, den die Menschheit einschlägt, nachzudenken. Alles scheint verschworen, uns die Welt, wie sie ist, annehmen zu lassen und uns der Überzeugung, sie könne auf gerechtere und vernünftigere Weise eingerichtet werde, zu berauben. Aber genau das ist es, was die Bolschewiki versucht haben: die Welt besser einzurichten. Ihre Revolution führte zu Verheerungen, die dem Ausmaß der Transformation der condition humaine entsprachen, welche sie bewirken wollten. Und einhundert Jahre danach fällt es leichter, die Illusionen zu erkennen, unter deren Banner sie kämpften, als die Ideale, von denen sie sich inspirieren ließen. Doch können wir die Russische Revolution nur verstehen, wenn wir begreifen, dass die Bolschewiki – ungeachtet ihrer vielen Fehler – vom Zorn über die Ausbeutung, die dem Wesen des Kapitalismus zugrunde lag, und über den wütenden Nationalismus, der Europa in die Blutbäder des Ersten Weltkriegs geführt hatte, entflammt waren. Und wir verstehen das Jahr 1917 nicht, wenn wir nicht die Phantasie aufbringen, uns noch einmal vor Augen zu führen, wovon die Bolschewiki damals beseelt wurden: Von Hoffnung, Idealismus, Heldentum, Zorn, Furcht und Verzweiflung, woraus das brennende Verlangen nach Frieden, die tiefe Verachtung einer von der Kluft zwischen Arm und Reich zerrissenen Gesellschaftsordnung und der Zorn über die Herrschaft der Ungerechtigkeit in der russischen Gesellschaft entsprangen. Aus diesen Gründen haben Millionen Menschen weltweit, die von den kommenden Schrecknissen nichts wissen konnten, die Revolution von 1917 als eine Chance begrüßt, eine neue Welt zu schaffen, in der es Gerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit gibt.“

Stephen A. Smith: Revolution in Russland. Das Zarenreich in der Krise 1890-1928. Aus dem Englischen von Michael Haupt,  Verlag Philipp von Zabern 2017, 496 Seiten (engl.: Russia in Revolution. An Empire in Crisis, 1890 to 1928, Oxford University Press)

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