Verachtete Völker (II)

R.L. Stevenson über Indianer

Im vorangegangenen Beitrag hatte ich Robert Louis Stevensons Buch Emigrant aus Leidenschaft vorgestellt und eine längere Passage aus dem Kapitel „Verachtete Völker“ zitiert, die vermutlich Anfang der 1880er Jahre verfasst wurde und den Hass weißer Europäer und Amerikaner auf chinesische Menschen beschreibt und kritisiert. In der folgenden Passage spricht Stevenson über das Schicksal der Indianer.

„Noch ein anderes Volk teilte sich mit den Chinesen die Abneigung meiner Mitreisenden, und das waren, man muß es fast nicht erwähnen, die edlen Rothäute aus den alten Geschichten, über deren angestammten Kontinent wir die ganze Zeit hinwegdampften. Ich habe keine wilden oder freien Indianer gesehen, ich habe sogar gehört, daß sie die Nähe der Eisenbahn meiden, aber hin und wieder kam an den Haltestationen ein Mann mit Frau und Kindern an den Zug, alle erbärmlich mit dem Abfall der Zivilisation ausstaffiert, und sie starrten die Auswanderer an. Ihr stoisch schweigsames Benehmen und der ergreifende Verfall ihrer Erscheinung hätten jedes fühlende Wesen rühren müssen, aber meine Mitreisenden tanzten und johlten nach gemeinster Cockneyart um sie herum. Ich schämte mich für das, was wir Zivilisation nennen. Wir sollten die Untaten unserer Vorväter zumindest in dem Maße in Erinnerung behalten, in dem wir heute noch immer davon profitieren.

Wenn Unterdrückung selbst einen weisen Mann um den Verstand bringen kann, wie muß es dann in den Herzen der Angehörigen dieser armen Stämme wüten, die immer weiter zurückgedrängt wurden; die ihnen versprochenen Reservate wurden ihnen eines nach dem anderen entrissen, als die Staaten sich westwärts ausdehnten, bis sie schließlich in diesen schrecklichen Felswüsten in der Mitte eingeschlossen waren – und sogar hier wurden sie von gewalttätigen Goldgräbern verfolgt, beleidigt und fortgejagt. Die Vertreibung der Cherokees (um nur ein Beispiel zu nennen), die Erpressung der Indianerbeauftragten, die Greueltaten, die Niederträchtigkeit, ja, sogar der Spott solch erbärmlicher Kreaturen, wie sie mit mir im Zug saßen, all das gehört zu einem Kapitel der Ungerechtigkeit und Demütigung, das zu vergeben und vergessen das Herz einem Mann nur erlaubt, wenn er auf gewisse Weise niederträchtig ist. Dieser alte, wohlbegründete Haß hat in den Augen eines freien Menschen einen noblen Anstrich. Daß die Juden die Christen nicht lieben, die Iren nicht die Engländer, und daß die tapferen Indianer den Gedanken an die Amerikaner nicht ertragen, ist keine Schande für die menschliche Natur; dieses Verhalten ist sogar ehrenhaft, da es auf Unrecht beruht, das so alt ist wie die Völker selbst, und gar nicht auf den persönlich zielt, der den Groll hegt.“

Robert Louis Stevenson, Emigrant aus Leidenschaft. Ein literarischer Reisebericht. Aus dem Englischen übersetzt von Axel Monte. Nachwort von Joachim Kalka, Manesse Verlag, Zürich 2005, S. 273f.

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