Tolstoi-Zitate (IV)

Aus Patriotismus und Regierung (1900)

Wenn die Regierungen früher notwendig waren, um ihre Völker vor Überfällen zu schützen, so sind sie jetzt im Gegenteil gerade diejenigen, die künstlich den Völkerfrieden stören und Zwietracht unter den Völkern säen.

[…]

In der Tat, was sind heutzutage die Regierungen, ohne die zu existieren es den Menschen unmöglich scheint? Wenn es eine Zeit gegeben hat, in welcher die Regierungen ein notwendiges und das kleinere Übel waren als jenes, welches durch die Schutzlosigkeit gegen organisierte Nachbarn geschaffen wurde, so sind die Regierungen jetzt ein unnützes und ein größeres Übel als alles das, womit sie die Völker schrecken.

Die Regierungen, nicht nur die militärischen, sondern alle Regierungen überhaupt könnten, ich will nicht sagen nützlich, aber wenigstens unschädlich nur in dem Falle sein, wenn sie sich aus unfehlbaren, heiligen Menschen zusammensetzen würden […]. Aber die Regierungen bestehen, schon der Art ihrer Tätigkeit nach, immer aus den der Heiligkeit entgegengesetztesten Elementen, aus den allerfrechsten, rohesten und unmoralischsten Menschen.

Daher ist jede Regierung, um so mehr aber eine Regierung, der die militärische Gewalt überlassen ist, ein furchtbares, ja das gefährlichste Institut der Welt.

Die Regierung im weitesten Sinne, die Kapitalisten und die Presse mit eingerechnet, ist nichts anderes als eine Organisation, bei welcher der größere Teil der Menschen sich in der Gewalt des über ihm stehenden kleineren Teiles befindet. Dieser kleinere Teil aber fügt sich der Macht eines noch kleineren Teiles, der wieder einem noch kleineren und so weiter, bis man schließlich zu einigen wenigen Menschen, oder nur einem Menschen gelangt, die durch militärische Vergewaltigung die Macht über alle übrigen erhalten. So daß diese ganze Institution einem Kegel ähnelt, dessen sämtliche Teile sich in der Gewalt der Personen oder der Person befinden, die auf seiner Spitze stehen.

[…]

Und solchen Regierungen wird dann die volle Gewalt anheimgestellt, die Gewalt nicht nur über das Eigentum und das Leben, sondern auch über die geistige und sittliche Entwicklung, über die religiöse Führung aller Menschen.

Die Menschen bauen sich eine so schreckliche Maschinerie der Macht auf, überlassen es dem ersten besten, sich dieser Macht zu bemächtigen (alle Chancen aber sind dafür, daß sich ihrer der sittlich verkommenste Mensch bemächtigen wird), und unterwerfen sich sklavisch und wundern sich, daß sie es schlecht haben. Sie haben Furcht vor Minen und Anarchisten, fürchten aber diese schreckliche Einrichtung nicht, die sie stündlich mit den größten Schrecknissen bedroht.

[…]

Sorgfältig fesseln sie sich so, daß ein Mensch mit ihnen machen könne, was er wolle; dann werfen sie das Ende des Strickes, mit dem sie sich gefesselt haben, hin und überlassen es dem ersten besten Narren, es zu ergreifen und mit ihnen nach seinem Belieben zu handeln.

Was anderes denn tun die Völker, indem sie eine mit Militärgewalt verbundene Regierung einsetzen, sich ihr unterwerfen und sie stützen?

[…]

Kommt zur Vernunft ihr Menschen und eurem und eurer Schwestern und Brüder körperlichem und seelischem Wohl zu Liebe, haltet ein, bedenkt euch, denkt daran, was ihr tut!

Kommt zur Vernunft und begreift, daß eure Feinde nicht die Buren, nicht die Engländer, nicht die Franzosen, nicht die Deutschen, nicht die Tschechen, nicht die Finnen, nicht die Russen sind, sondern daß eure Feinde, eure einzigen Feinde – ihr selbst seid, die ihr durch euren Patriotismus die euch bedrückenden und euch unglücklich machenden Regierungen aufrecht erhaltet.

[…]

Begreift doch, daß ihr euch selbst all das Übel zufügt, unter dem ihr zu leiden habt, indem ihr euch der Hypnose überlaßt, durch die euch die Kaiser, die Könige, die Parlamentsmitglieder, die Regenten, die Kapitalisten, die Geistlichen, die Schriftsteller, die Künstler betrügen, all die, die diesen Betrug durch Patriotismus nötig haben, um von eurer Arbeit zu leben.

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