Tolstoi-Zitate (VI)

Aus Eines ist not. Über die Staatsmacht (1905)

Inzwischen ist die auf Gewalt gegründete Lebensführung den Menschen so zur Gewohnheit geworden, daß sie sich kein gemeinsames Leben ohne Regierungsmacht vorstellen können; und sie haben sich sogar derart daran gewöhnt, daß sie selbst das Ideal eines vernünftigen, freien, brüderlichen Lebens durch die Regierungsmacht, d.h. durch Gewalt, zu verwirklichen suchen.

Dieser Irrtum ist der Grund aller Abscheulichkeiten sowohl des vergangnen, als auch des gegenwärtigen und sogar des zukünftigen Lebens der christlichen Völker. Ein frappierendes Beispiel dieses Irrtums bietet die große französische Revolution.

Die Führer der Revolution haben deutlich die Ideale der Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit verkündet, in deren Namen sie die Gesellschaft reformieren wollten. Aus ihren Prinzipien entsprangen praktische Maßregeln: Aufhebung der Stände, Gleichmachung des Besitzes, Beseitigung der Ämter und Titel, Aufhebung des Landeigentums, Abschaffung des stehenden Heeres, Einkommenssteuer, Arbeiterpension, Trennung von Staat und Kirche, ja sogar Einführung einer allen gemeinsamen auf der Vernunft gegründeten religiösen Lehre.

Alles das waren verständige und wohltätige Maßregeln, die aus den durch die Revolution verkündeten unzweifelhaft wahren Prinzipien der Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit entsprangen. Diese Prinzipien, wie auch die aus ihnen entsprungenen Maßnahmen, sind wahr gewesen und auch geblieben und werden wahr bleiben und werden der Menschheit so lange als Ideal vorschweben, bis sie tatsächlich erreicht sind.

Aber diese Ideale können niemals durch Gewalt erreicht werden. Inzwischen waren die Menschen jener Zeit derart an den Zwang als einziges Mittel zur Einwirkung auf andre gewöhnt, daß sie nicht den Widerspruch sahen, der in dem Gedanken einer Verwirklichung der Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit mittels Gewalt liegt; – daß sie nicht sahen, daß Gleichheit ihrem Wesen nach jede Macht und jede Unterordnung ausschließt, daß Freiheit unvereinbar mit Zwang ist, und daß zwischen Gebietenden und Gehorchenden keine Brüderlichkeit herrschen kann. Daher rühren alle Schrecken des Terrorismus.

An diesen Schrecken sind nicht die Prinzipien schuld, wie viele glauben (die Prinzipien bleiben, wie sie waren: nämlich wahr), sondern die Art ihrer Verwirklichung. Der Widerspruch, der in der großen französischen Revolution so klar und scharf zum Ausdruck gekommen ist und statt zum Heil zum größten Unglück geführt hat, ist auch jetzt vorhanden. Auch jetzt durchdringt dieser Widerspruch alle modernen Versuche, die soziale Ordnung zu verbessern. Alle sozialen Verbesserungen sollen mit Hilfe der Regierung, d.h. mittels Gewalt ins Werk gesetzt werden. Dieser Widerspruch tritt nicht nur in der gegenwärtigen, er tritt auch – in der Vorstellung der Leiter der Sozialdemokratie, der Revolutionäre, der Anarchisten – in der zukünftigen Lebensrichtung zutage.

Die Menschen wollen das Ideal eines vernünftigen, freien und brüderlichen Lebens auf Grund einer Zwangsmacht verwirklichen; und doch ist jede Zwangsmacht, wie man sie auch benennen oder umtaufen mag, stets das von wenigen Leuten usurpierte Recht der Verfügung über andre und – im Falle des Ungehorsams – der Nötigung mittels der äußersten Maßregel: des Mordes.

Durch Mord sollen die Ideale menschlichen Wohlergehens verwirklicht werden!

Die große französische Revolution war das enfant terrible, das in seinem, das ganze Volk ergreifenden Entzücken neben der Erkenntnis der großen Wahrheiten, die von ihr entdeckt wurden, beim Beharrungsvermögen der Gewalt in der naivsten Form die ganze Torheit des Widerspruchs kund tat, mit dem sich die Menschheit damals herumquälte und heute noch quält. Liberté, égalité, fraternité, ou la mort.

[…]

In Frankreich, in Spanien, in den südafrikanischen Republiken, jetzt in Rußland, hat man die Revolution organisiert und organisiert sie noch heute; aber ob nun diese Revolutionen gelingen oder nicht gelingen – nach jeder Revolution kehrt, wie eine verdrängte Welle, stets derselbe Zustand wie bisher zurück, bisweilen sogar ein noch schlimmerer. Ob die Menschen die frühere Regierungsmacht beibehalten oder sie verändern: die Freiheitsbeschränkung und die Feindschaft zwischen den Leuten bleibt dieselbe. Dieselben Hinrichtungen, Gefängnisse, Verbannungen, dieselbe Unmöglichkeit, ohne Abgaben die nach einem bestimmten Plan hervorgebrachten Produkte zu kaufen oder vom Arbeitswerkzeug Gebrauch zu machen; ebenso wie unter Joseph dem Schönen – überall wird den Arbeitern das Recht geraubt, den Boden zu benutzen, auf dem sie geboren sind; dieselbe Feindschaft der Völker gegen andre Völker; dieselben Raubzüge wie schon unter Dschingis-Chan, Raubzüge gegen schutzlose Völker Afrikas, Asiens und gegeneinander; dieselben Grausamkeiten, dieselben Foltern der Einzelhaft und der Strafbataillone wie zu Zeiten der Inquisition; dieselben stehenden Heere und dieselbe militärische Sklaverei; dieselbe Ungleichheit, die zwischen Pharao und seinen Sklaven herrschte, herrscht auch jetzt zwischen den Rockefellers, den Rothschilds und ihren Sklaven.

Die Formen verändern sich, aber das Wesen der Beziehungen zwischen den Leuten verändert sich nicht, und deswegen nähern sich die Ideale der Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit ihrer Verwirklichung auch nicht um einen Schritt. […]

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