Tolstoi-Zitate (VII)

Aus Eines ist not. Über die Staatsmacht (1905)

Die Menschheit hat alle möglichen Formen der auf Gewalt gegründeten Regierung versucht, aber überall, in der vollkommensten Republik wie in der rohesten Despotie, bleibt qualitativ und quantitativ das Übel der Gewalt ein und dasselbe. Herrscht keine Willkür und ist kein Haupt einer despotischen Regierung vorhanden – so stößt man auf Müßiggang und die Selbstregierung republikanischer Massen; fehlt die persönliche Sklaverei, so ist Geldsklaverei vorhanden; fehlen direkte Steuern und Abgaben, so gibt es indirekte; fehlen selbstherrliche Paschas, so gibt es selbstherrliche Könige, Kaiser, Milliardäre, Minister, Parteien.

Die Insolvenz der Gewalt als Mittel, die Menschen miteinander zu vereinigen, und ihre Unvereinbarkeit mit den Anforderungen des Gewissens unsrer Zeit ist allzu augenscheinlich, als daß die bestehende Ordnung weiter fortdauern könnte. Aber die äußeren Bedingungen können nicht ohne Änderung des innern, seelischen Zustandes des Menschen geändert werden.

Und deswegen müssen alle Bemühungen der Menschen auf Vollendung dieser innern Veränderung gerichtet sein.

Was ist dazu nötig? Eins vor allem: die Beseitigung aller Hindernisse, die den Menschen verwehren, ihre Lage zu begreifen und sich die religiösen Grundlagen anzueignen, die schon dunkel in ihrem Bewußtsein leben. Diese Hindernisse sind in unsrer Zeit doppelter Art: religiöser Betrug und wissenschaftlicher Betrug.

[…]

Der Betrug der Geistlichen besteht darin, daß sie, anstatt eine Erklärung des Sinnes des Lebens zu geben, eine mit dem Wissen der Gegenwart unvereinbare Offenbarungslehre verkünden und daß sie statt eine Richtschnur für das Handeln eine Reihe von Gebräuchen und Zeremonien geben, die nicht mit dem Leben zusammenhängen. Der Betrug der Wissenschaftler besteht darin, daß sie eine metaphysische Religion, d.h. eine Erklärung des Sinnes des Lebens, für ganz überflüssig halten, im Glauben, daß eine Richtschnur für das Handeln ohne religiöse, metaphysische Grundlage möglich sei.

[…]

Die Menschen sind der höheren menschlichen Eigenschaft, des religiösen Bewußtseins, bar und können – ob sie nun die aus Aberglauben bestehende kirchliche Lehre oder komplizierte, unnötige, wissenschaftliche Erwägungen anerkennen, die noch weniger als der kirchliche Aberglaube die Kraft zu einer von menschlichen Befehlen unabhängigen Tätigkeit geben – sie können also nicht nur die bestehende Ordnung nicht stürzen, sondern können auch, so gern sie das möchten, die Lage der Menschen nicht um das geringste verbessern und den Idealen der Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit, die sie verwirklichen möchten, auch nicht um das geringste näher kommen.

Sie haben keine Kraft dazu.

Die ewigen Ideale verwirklichen können nur Menschen, die nicht nur dieses, sondern auch ein ewiges Leben leben. Nur solchen Menschen ist das möglich, was anderen, die nur dieses eine Leben leben, als ein Opfer erscheint. Nur durch Opfer an den Gütern dieses Lebens wird die Menschheit vorwärts gebracht.

Dieses Opfer kann aber nur ein religiöser Mensch vollbringen, d.h. jemand, der sein Leben in der Welt nur für ein Teilchen, für eine vorübergehende Erscheinung im gesamten Weltleben hält, und der sich deswegen den Anforderungen und Gesetzen dieses Weltlebens unterordnen muß. Für jemand aber, der dieses Leben für sein ganzes Leben hält, hat ein solches Opfer keinen Sinn – und da er nicht imstande ist, das Opfer zu bringen, kann er das Übel im Leben auch nicht vernichten oder verringern. Er wird das Übel stets von einer Stelle nach der andern hinbewegen, wird aber niemals imstande sein, es zu vernichten.

Und deswegen gibt es nur eine Befreiung der Menschen vom Bösen, das sie erdulden: unter allen Völkern die eine wahre, für unsre Zeit höchste religiöse Lehre zu verbreiten, von der ein dunkles Bewußtsein den Menschen schon innewohnt.

[…]

Das Wesen aller dieser Lehren besteht darin, daß der Mensch ein geistiges Wesen sei, das seinem Ursprung: Gott gleiche; daß die Bestimmung des Menschen – die Erfüllung des Willens seines Ursprunges: Gottes sei; daß Gottes Wille dem Menschen zum Heile diene; daß das Heil der Menschen durch Liebe erreicht werde, die Liebe aber darin zutage trete, daß man andern tue, was man sich selbst wünsche. Darin besteht die ganze Lehre.

[…] Diese Lehre ist eine vernünftige Erklärung des Sinnes des menschlichen Lebens, derzufolge die Richtschnur für das Handeln nicht als eine bestimmte Regel von außen gegeben wird, sondern von selbst aus dem Sinne entspringt, den der Mensch seinem Leben beimißt. […]

Wir sind so an den falschen Gedanken gewöhnt, daß eine Verbesserung im Leben der Menschen durch äußere (meistens gewaltsame) Mittel bewirkt werden könne, daß es uns scheint, als ob auch die Veränderung des innern Zustandes der Menschen nur durch äußere, auf andre einwirkende Maßregeln erreicht werden könne. Aber das ist nicht so.

[…]

Und deswegen besteht das Mittel zur Befreiung von allem Bösen, das die Menschen erleiden, darunter von dem schrecklichen Bösen, das die Regierungen vollführen […], so sonderbar das auch scheint, nur in dem einen – in der innern Arbeit jedes Menschen an sich selbst.

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