Tolstoi-Zitate (VIII)

Aus einem Brief Tolstois an Gandhi (7. September 1910)

In diesem Frühjahr prüfte beim Religionsexamen an einem Töchterinstitut Moskaus zuerst der Religionslehrer und dann der gleichfalls anwesende Erzbischof die Mädchen über die zehn Gebote und im besonderen über das fünfte. Auf das richtige Hersagen des Gebotes hin stellte der Erzbischof jeweils meist die Frage: ist es immer und in allen Fällen durch das Gesetz Gottes verboten, zu töten? Und die unglücklichen, durch ihre Lehrer verdorbenen Mädchen mußten antworten und antworteten auch: nicht immer, denn im Krieg und bei Hinrichtungen darf getötet werden.

Als aber einem dieser unglücklichen Geschöpfe (was ich erzähle, ist keine Anekdote, sondern tatsächlich passiert und mir von einem Augenzeugen berichtet), als ihm die übliche Zusatzfrage gestellt wurde, ob es denn stets Sünde sei, zu töten, da ward das Mädchen rot und entgegnete erregt und entschieden: stets! Und auf all die herkömmlichen Sophismen des Erzbischofs blieb es unerschütterlich dabei: zu töten sei unter allen Umständen untersagt, schon im Alten Testamente, Christus habe nicht nur zu töten verboten, sondern überhaupt dem Nächsten Übles zu tun. Der Erzbischof in all seiner Majestät und Redegewandheit verstummte, und das Mädchen behielt den Sieg.

Ja, wir können in den Zeitungen von unsern Fortschritten in der Beherrschung der Luft schreiben, von verwickelten diplomatischen Beziehungen, von verschiedenen Klubs, von Entdeckungen, von allerhand Bündnissen, von sogenannten Kunstwerken, und wir mögen darüber hinwegsehen, was jenes Mädchen entgegnete: totschweigen können wir es doch nicht, weil es ein jeder Christenmensch fühlt, mag er es auch noch so unklar empfinden. Sozialismus, Kommunismus, Anarchismus, Heilsarmee, Zunahme von Verbrechen, Arbeitslosigkeit, die wachsende widersinnige Üppigkeit der Reichen und die Verelendung der Armen, das furchtbare Anschwellen der Selbstmordzahlen, all das sind Merkmale jenes inneren Widerspruches, der gelöst werden muß und gelöst werden wird. Und selbstverständlich so gelöst, daß das Gesetz der Liebe anerkannt und jede Gewaltanwendung verworfen werden wird. Daher steht Ihre Wirksamkeit in Transvaal, das für uns am Ende der Welt liegt, dennoch im Mittelpunkte unserer Interessen und stellt die wichtigste Bestätigung dar, an der die Welt augenblicklich teilnehmen kann und woran nicht nur die christlichen, sondern alle Völker der Welt teilnehmen werden.

Ich denke, es wird Sie freuen zu hören, daß auch bei uns in Rußland eine solche Agitation schnell um sich greift, daß die Weigerungen, Militärdienst zu tun, sich von Jahr zu Jahr mehren. Wie gering auch bei Ihnen noch die Zahl derjenigen ist, die auf alle Gegenwehr mit Gewalt verzichten, und bei uns die Anzahl der Leute, die jeden Heeresdienst verweigern – die einen wie die andern dürfen sich sagen: Gott ist mit uns. Und Gott ist mächtiger denn die Menschen.

In dem Bekenntnis zum Christentum, wenn auch nur zu einem derart entstellten, wie es bei uns gelehrt wird, und in dem Glauben zugleich an die Notwendigkeit von Heeren und ihrer Ausrüstung zu Schlächtereien allergrößten Maßstabes, darin liegt ein solch offenbarer, himmelschreiender Widerspruch, daß er über kurz oder lang, wahrscheinlich aber sehr bald in voller Nacktheit zutage treten muß; das aber wird entweder die christliche Religion vernichten, die zur Aufrechterhaltung der Staatsgewalt nicht zu entbehren ist, oder es wird das Militär und alle damit verbundene Gewaltanwendung, die der Staat nicht weniger benötigt, hinwegfegen. Diesen Widerspruch empfinden alle Regierungen, Ihre britische ebensowohl wie unsere russische, und daher wird seine Erkenntnis von den Regierungen aus Selbsterhaltungstrieb energischer verfolgt, als jede andere staatsfeindliche Tätigkeit, wie wir es in Rußland erlebt haben, und wie es aus den Aufsätzen Ihrer Zeitschrift hervorgeht: die Regierungen wissen, woher ihnen die größte Gefahr droht und wahren mit wachsamem Auge in dieser Hinsicht nicht mehr bloß ihre Interessen, sondern kämpfen hier geradezu um ihr Sein oder Nichtsein.

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