Moderne Maschinenstürmer

Wie funktioniert Technikkritik?

Ted Kaczynski wurde 1942 in Chicago geboren, als Sohn polnischer Einwanderer. Als er in die Schule kam, erkannten seine Lehrer schnell die außerordentliche mathematische Begabung des Jungen. Unter seinen Mitschülern erwarb sich Ted schon bald den Ruf eines Genies. Im Alter von nur 16 Jahren erlaubte man ihm die Aufnahme eines Mathematikstudiums an der Harvard University. Der Jungstudent erfüllte die in ihn gesetzten Erwartungen. 1967 wurde er Assistenzprofessor in Berkeley. Der Weg ins wissenschaftliche Establishment stand ihm offen.

Nur zwei Jahre später – die große Wende: Kaczynski kündigt seine Universitätsstelle. Der hoffnungsvolle Nachwuchswissenschaftler wird zum Aussteiger. Er zieht sich in die Wälder Montanas zurück und lebt über zwanzig Jahre als Einsiedler in einer selbstgebauten Holzhütte.

Zu einer Berühmtheit wird Ted Kaczynski dennoch. Vor ziemlich genau zehn Jahren, Anfang April 1996, geht sein Bild um die Welt. Beamte des FBI haben ihn in Montana ausfindig gemacht. In einem spektakulären Großeinsatz wird Kaczynski verhaftet. Die Begründung: Er sei der „Unabomber“, jener Mann, der seit Jahren das Land mit einer Serie von Terroranschlägen in Atem hält. Drei Menschen hat der Unabomber getötet, 23 andere zum Teil schwer verletzt. Der Name Unabomber ist ein FBI-Code, gebildet aus den Wörtern „Universities“ und „Airlines“. Die gesuchte Person hatte nämlich ihre Anschläge vor allem gegen Wissenschaftler von Eliteuniversitäten und Manager von Fluggesellschaften gerichtet.

Kaczynski ist auch der Verfasser einer Schrift mit dem Titel „Die industrielle Gesellschaft und ihre Zukunft“ – ein umfangreiches Thesenpapier, eine Art Manifest, in dem er seine Weltsicht darlegt und – zumindest indirekt – auch sein terroristisches Handeln rechtfertigt. Dieses so genannte Unabomber-Manifest macht deutlich, dass Kaczynskis Terroranschläge nicht politisch oder religiös motiviert waren. Nein, Kaczynski war ein militanter Gegner der modernen Technik, ein Maschinenstürmer des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Er sah – und sieht wohl immer noch – in der modernen Technik eine Bedrohung der natürlichen Lebensgrundlagen, einer gedeihlichen sozialen Entwicklung und der menschlichen Freiheit. Die moderne Technik – das ist für Kaczynski eine unkontrollierte und letztlich unkontrollierbare, zerstörerische Kraft. Das Unabomber-Manifest ist zwar kein intellektuell oder stilistisch brillanter Text, doch gewiss auch kein obskures Pamphlet. Kaczynski argumentiert durchaus solide und schlüssig. Auf einer Akademietagung oder in einem Universitätsseminar könnte sein Text für angeregte Diskussionen sorgen.

Man hat sich oft gefragt, warum ein Mann wie Ted Kaczynski zum militanten Technikfeind wurde. Sicher ist, dass der französische Autor Jacques Ellul eine seiner wichtigsten Inspirationsquellen gewesen ist. Der 1994 verstorbene Soziologe und Historiker Ellul ist in Deutschland nicht sonderlich bekannt – ganz anders in den USA. Ellul hat ein sehr umfangreiches und ungewöhnlich breit gefächertes Werk vorgelegt. Im Zentrum seiner Schriften steht die Auseinandersetzung mit dem Phänomen Technik. Ellul gilt als einer der herausragenden Philosophen und Soziologen der modernen Technik und zugleich als einer der schärfsten Technikkritiker des 20. Jahrhunderts. Wie viele andere, so hat auch Kaczynski einige Bücher von Jacques Ellul gelesen. Elluls kritische Analyse der modernen Technik überzeugte ihn. Doch er zog aus dieser Analyse praktische Konsequenzen, die Ellul nie und nimmer gebilligt hätte. Ellul hätte die Vorstellung Kaczynskis, man müsse das industrielle System zerstören, bevor es uns zerstört, für wahnwitzig gehalten. Die Idee, man könne sich dem fortschreitenden Technisierungsprozess erfolgreich in den Weg stellen, wäre ihm nie in den Sinn gekommen. Technik-Feindlichkeit in einer hoch technisierten Welt – dies erschien Ellul bestenfalls infantil.

Man sieht an diesem Beispiel, wie aus ein und derselben Analyse des Phänomens Technik ganz unterschiedliche normative oder praktische Konsequenzen abgeleitet werden können. Auch im Hinblick auf die Technik gilt somit die alte Einsicht: Aus einer Antwort auf die Frage „Was ist?“ ergibt sich noch keine verbindliche Antwort auf die Frage: „Was soll sein?“.

Werte sind nichts Absolutes. Insbesondere dann nicht, wenn sie den enormen Prägekräften der modernen Technik ausgesetzt sind.

Man könnte nun sagen: Ausschlaggebend ist am Ende das individuelle Wertesystem des Analytikers, seine normative Grundposition. Löst sich der Streit um die Technik also am Ende in eine Wertedebatte auf, die nicht entscheidbar ist? Nach dem Motto: Du hast Deine Werte, ich habe meine Werte – Ende der Diskussion.

Sicherlich nicht. Der Hinweis auf den unaufhebbaren Werte-Pluralismus hat zwar seine Berechtigung, führt aber nicht viel weiter. Denn Werte sind nichts Absolutes. Insbesondere dann nicht, wenn sie den enormen Prägekräften der modernen Technik ausgesetzt sind. Es ist weithin unstrittig, dass sich im Zuge des Technisierungsprozesses auch die Werte verändern, dass neue Werte entstehen, ja, dass die Technik selbst zum Wert wird. Die Technik führt uns in eine Zukunft hinein, in der wir anders denken und werten werden als heute. Wo also sollen wir die Maßstäbe für eine seriöse, nachhaltige Technik-Bewertung hernehmen?

Dieses Dilemma wird augenfällig, wenn man in technikkritischen Schriften älteren Datums blättert. Da stößt man immer wieder auf zeittypische Urteile – etwa ästhetische Bewertungen neuer Techniken -, die aus heutiger Sicht antiquiert erscheinen. Aber auch ansonsten sind wir über manches, was frühere Generationen mit Sorge erfüllte, längst hinweg. Die ersten Eisenbahnreisenden glaubten kaum noch erträglichen Geschwindigkeiten ausgesetzt zu sein, und die Verbreitung von Telegraf und Telefon, von Automobil und Radio, von Flugzeug und Fernseher war von ähnlichen Befürchtungen begleitet. Doch was seinerzeit der Gipfel des Fortschritts war, das ist für uns heute bloß die gute alte Zeit. Der Mensch ist formbar, nicht zuletzt technisch formbar. Inzwischen freut er sich über Hochgeschwindigkeitszüge und kommuniziert in Echtzeit. Und im Zeitalter der Biologie, in das wir gerade eintreten, wird er sich vermutlich einem noch viel handfesteren technischen Zugriff aussetzen.

Doch das skizzierte Dilemma wirkt auch in umgekehrter Richtung: Technische Entwicklungen, die uns einst unproblematisch erschienen, bereiten uns heute Kopfzerbrechen. Der motorisierte Individualverkehr etwa, das hoch technisierte Gesundheitswesen, die industrialisierte Landwirtschaft, die Kernenergie, die modernen Massenmedien.

Die moderne Technik ist ein außerordentlich dynamisches Feld. Scheinbar gut begründete Einsichten und Konzepte können hier sehr schnell veralten oder überholt werden. Das zeigen auch die großen Technikdebatten, die im Laufe des 20. Jahrhunderts in Deutschland und anderswo ausgetragen wurden. Die letzte währte etwa vom Ende der 70er bis zum Beginn der 90er Jahre. Sie stand unter hoffnungsvollen Vorzeichen. Man wollte den technischen Fortschritt unter bewusste gesellschaftliche Kontrolle bringen, ihn zügeln, zähmen, einbetten. Man wollte ihn sozial-, umwelt- und demokratieverträglich gestalten. All dies unter breiter Bürgerbeteiligung: Möglichst viele Menschen sollten ihre Wünsche artikulieren, sich über die Richtung und die Schwerpunkte der technischen Entwicklung verständigen. Doch – sind diese Ziele erreicht worden? Wohl kaum. Denn trotz aller Bemühungen zieht der technische Fortschritt weithin ungehindert seine Bahn. Das politische Interesse richtet sich inzwischen mehr darauf, ihn von etwa noch verbliebenen Hemmnissen zu befreien als ihn unter soziale Kontrolle zu bringen. In den zurückliegenden zwei, drei Jahrzehnten hat geradezu eine Explosion großer technischer Innovationen stattgefunden. Zudem glaubten die einstigen Verfechter einer umfassenden Technikkontrolle noch, sie könnten ihre Vorstellungen im nationalen Rahmen verwirklichen. Inzwischen jedoch haben sich – nicht zuletzt infolge technischer Entwicklungen – die Handlungsbedingungen globalisiert.

Es ist nicht das erste Mal in der technikhistorischen Entwicklung, dass Hoffnungen auf Gestaltung, Steuerung und Kontrolle enttäuscht wurden. Und es ist auch nicht das erste Mal, dass sie von einem ganz anderen Eindruck abgelöst werden. Dem Eindruck nämlich, dass sich die technischen Prozesse einer bewussten Steuerung entziehen, dass sie ständig an Dynamik gewinnen, sich beschleunigen, außer Kontrolle geraten. Wahrnehmungen dieser Art sind ein altes, ein großes Thema der Technikkritik. Schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts – im Gefolge der Industriellen Revolution – setzte sich in Europa die Auffassung durch, dass eine unumkehrbare und unaufhaltsame Bewegung im Gange sei, dass ein eigendynamischer Fortschrittsprozess eingesetzt habe. Dieser Prozess hielt zwar eine bestimmte Richtung ein, lief aber nicht auf ein klar erkennbares oder gar vom Menschen gesetztes Ziel zu.

Der Technisierungsprozess hält zwar eine bestimmte Richtung ein, läuft aber nicht auf ein klar erkennbares oder gar vom Menschen gesetztes Ziel zu.

Diese große historische Umbruchsituation wird in ihrer Bedeutung gerne mit dem Übergang des Menschen zur Sesshaftigkeit im Neolithikum verglichen. Es ist nur zu verständlich, dass sie weite Teile der Bevölkerung verunsicherte und Ängste auslöste. Es war die Kulturkritik, die das verbreitete Unbehagen zum Ausdruck brachte. Sie tat es oft aus einer ehrenwerten, konservativen Grundhaltung heraus. Zuweilen kam sie aber auch elitär, ressentimentgeladen, technikfeindlich daher.

Restbestände eines solchen Kulturpessimismus findet man auch im 20. Jahrhundert noch, und vermutlich werden sie nie ganz verschwinden. Doch eine nennenswerte Rolle spielt eine technikfeindliche Fundamentalopposition dieser Art heutzutage nicht mehr. Ted Kaczynski war ein Einzeltäter und dürfte kaum Nachahmer finden. Im 19. Jahrhundert mochte man noch an Alternativen zu einer technisierten Welt glauben. Im 20. hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass wir allenfalls auf Alternativen in einer technisierten Welt hoffen können. Hans Freyer, einer der großen konservativen Soziologen des 20. Jahrhunderts und zeitlebens auch ein technikkritischer Geist, stellte schon 1960 unmissverständlich fest – ich zitiere:

„Der industrielle Prozess und die mit ihm verbundene Gesellschaftsordnung sind inzwischen viel zu weit fortgeschritten, als daß es in bezug auf sie eine echte Wahl geben könnte. Der Zustand, den sie erzeugt haben, hat als entschiedene Wirklichkeit zu gelten, als das Spielfeld, auf dem auch das Gegenspiel allein angesetzt werden kann. Auch die radikalste Frage muß alle wesentlichen Voraussetzungen des Systems in sich aufnehmen, sonst trifft sie ins Leere. Auch die radikalste Opposition muss sich seiner Techniken und Taktiken bedienen. Und selbst wer abseits zu gehen und sich in die Büsche zu schlagen gewillt ist, gerät immerzu auf Wege, die die gegenwärtige Lebensordnung just für diesen Sonderfall vorgesehen hat.“ Ende des Zitats.

Kurzum: Der Prozess ist irreversibel, der point of no return längst überschritten. Ein wenig überspitzt könnte man sagen: Die Technik-Feindlichkeit ist zum Opfer des technischen Fortschritts geworden. Übrig geblieben ist die Technik-Kritik.

Doch was heißt „Technikkritik“? Kaum jemand von uns würde ohne weiteres zugeben, dass er technikkritisch eingestellt sei. Im Begriff Technikkritik klingt immer noch ein wenig die alte Technikfeindlichkeit nach. Er hat einen Beigeschmack von Subversion – als wolle da jemand an den Grundfesten unserer Ordnung rütteln, sich den Haupttendenzen des Zeitalters entgegenstellen.

Das ist erstaunlich. Gehört doch Kritik nicht allein zum Wesen der Wissenschaft, ist sie doch auch das Lebenselixier einer offenen Gesellschaft. Kritik ist ein konstruktiver, argumentativer, regelgeleiteter, nachvollziehbarer Prozess. Kritik bedeutet nicht pauschale Verurteilung, sondern: Analyse, Unterscheidung, Problematisierung, begründete Bewertung. In diesem Sinne kann alles und jedes zum Gegenstand der Kritik werden. Im Vorfeld der letzten Bundestagswahl war viel von Kapitalismuskritik die Rede; sie hat eine lange Tradition, ebenso wie die Religionskritik, die Vernunftkritik, die Herrschaftskritik. Auf einer anderen Ebene betreiben wir Medienkritik, Theater-, Literatur- oder Architekturkritik. Und selbstverständlich betreiben wir allerorten Technikkritik. Auch wenn wir es nicht immer so nennen.

Man denke an die Einrichtungen der Technikfolgenabschätzung, an die zahlreichen Umweltstiftungen und –institute, an die einschlägigen Enquete- oder Regierungskommissionen, an Ethikbeiräte – sie alle setzen sich kritisch mit technischen Entwicklungen und Innovationen auseinander. Das Gleiche gilt im Grunde auch für die Stiftung Warentest oder für Diskussionsgruppen im Internet, die kritisch über ihre Erfahrungen mit bestimmten Produkten berichten.

Kein Lebensbereich ist mehr frei von Technik – und kein Lebensbereich ist frei von Technikkritik.

Kein Lebensbereich ist mehr frei von Technik – und kein Lebensbereich ist frei von Technikkritik. Das Spektrum der Kritik ist weit. Am einen Ende des Spektrums steht das eher pragmatische Bemühen, Defizite spezifischer Techniken zu benennen und konkrete Verbesserungen zu erreichen: etwa einen wirksameren Datenschutz, eine höhere Betriebssicherheit, einen geringeren Energieverbrauch, humanere Arbeitsbedingungen und vieles mehr. Diese Variante der Technikkritik streut nicht etwa Sand ins Getriebe. Sie trägt, im Gegenteil, sogar zur technischen Optimierung bei, sie befördert den technischen Fortschritt.

Am anderen Ende des Spektrums steht die argumentativ begründete Ablehnung eines Produkts oder Verfahrens. Auf praktischer Ebene kann sie die Suche nach akzeptableren technischen Alternativen stimulieren. Sie kann aber auch im Boykott bestimmter Hersteller münden oder breiten Widerstand gegen ganze technische Entwicklungslinien auslösen – die Auseinandersetzung um die Kernenergie war so ein Fall. Seine Ausläufer sind im Streit um die Castor-Transporte oder die Endlagerung des Atommülls bis heute spürbar.

Das Spektrum der Kritik ist weit, doch unverkennbar ist auch: Die Debatte über die Technik hat sich im Laufe der letzten Jahre und Jahrzehnte versachlicht – und sie ist sachverständiger geworden. Versachlicht hat sie sich auf allen Seiten. So sind die meisten derjenigen, die den technischen Fortschritt bejahen, begrüßen und fördern, sich seiner Probleme, Risiken und Gefahren durchaus bewusst. Die einstige Naivität ist dahin – und die Unschuld auch. Und auf der anderen Seite ist auch die Technikkritik in der technisierten Welt angekommen und nimmt sie als alternativlos wahr. Heutzutage verwundert es niemanden mehr, dass auch die schärfsten Technikkritiker ihre eigene Website ins Netz stellen und selbstverständlich per e-mail erreichbar sind.

Sachverständiger ist die Debatte insofern geworden, als sich nicht länger zwei Kulturen, die wenig voneinander wissen, kommunikationsunfähig gegenüberstehen. Das gilt für den politischen Streit um konkrete technische Projekte, wo jeder Experte der Pro-Seite gewiss sein darf, dass ihm ein ebenso kompetenter Experte der Contra-Seite Paroli bieten wird. Das gilt auch für die Wissenschaft, wo sich die geisteswissenschaftlichen und die naturwissenschaftlich-technologisch geprägten Kulturen aufeinander zu bewegen.

So können viele Natur- und Technikwissenschaftler den ethischen Fragen, die ihre Arbeit aufwirft, längst nicht mehr ausweichen. Sie wollen es auch nicht. Sie suchen die Diskussion mit Geisteswissenschaftlern, kooperieren mit ihnen. Die heutige deutsche Technikphilosophie ist sogar von philosophisch gebildeten Ingenieuren und Naturwissenschaftlern auf den Weg gebracht worden und hat sich in engem Austausch mit ihnen entwickelt. Und umgekehrt orientieren sich viele Geisteswissenschaftler am Vorbild der „exakten“ Naturwissenschaften. So kann man etliche geisteswissenschaftliche Fachzeitschriften heute ohne gediegene Mathematik- und Statistikkenntnisse kaum mehr lesen.

Meine These, die Technikdebatte und mit ihr die Technikkritik hätten sich versachlicht und gemäßigt, mag überraschen und Widerspruch hervorrufen. Ist es tatsächlich so, dass technikfeindliche Positionen, dass eine radikale, fundamentalistische Technikkritik und ein unverhohlener Technikpessimismus von der Bildfläche verschwunden sind? Lässt sich nicht, ganz im Gegenteil, geradezu eine fundamentalistische Kontinuität beobachten? Eine Kontinuität, die von Friedrich Georg Jünger bis Neil Postman, von Hans Freyer, Arnold Gehlen oder Martin Heidegger über Günther Anders oder Herbert Marcuse bis hin zu Lewis Mumford, Jacques Ellul, Ivan Illich oder Hans Jonas reicht? Und ist dieser Fundamentalismus nicht sogar tief in die naturwissenschaftlich-technische Kultur eingedrungen? Man denke an den Informatiker Joseph Weizenbaum, den Biochemiker Erwin Chargaff, den Kernphysiker Hans-Peter Dürr – sie und viele andere waren oder sind technikkritische Wortführer und Ideengeber.

In der Tat repräsentieren die genannten Autoren eine Dimension der Technikkritik, die ich bislang ausgespart habe. Sie widerlegen oder gefährden allerdings nicht meine These von der Versachlichung der Debatte. Denn sie unterscheiden sich von der soeben skizzierten Hauptströmung der Technikkritik nicht etwa dadurch, dass sie unversöhnlicher oder radikaler auftreten, sondern dadurch, dass ihre Kritik umfassender angelegt ist. Ich bezeichne diese umfassendere Variante der Technikkritik im Folgenden als technozentrisch. Die bislang behandelten technikkritischen Positionen bezeichne ich hingegen als soziozentrisch. Was ist mit diesen beiden Begriffen gemeint? Wie unterscheiden sich sozio- und technozentrische Ansätze?

Zwei Paradigmen: soziozentrische und technozentrische Ansätze

Zunächst unterscheiden sie sich in ihrem Technikverständnis. So bevorzugen soziozentrische Ansätze einen engen Technikbegriff. Im Vordergrund steht für sie die materielle Technik, die „hardware“, also Werkzeuge, Apparate, Automaten, Maschinen und Ähnliches. Technozentrische Theorien präferieren hingegen einen weiten Technikbegriff. Er bezieht auch das Feld der „immateriellen“ Technik ein. In diesem Verständnis wäre zum Beispiel nicht nur die Produktionsanlage einer Fabrik, sondern auch die Organisation des Produktionsprozesses eine Technik. Techniken dieser Art gibt es viele; man kann sie auch als Human- und Sozialtechniken bezeichnen. Die Technik der Massenbeeinflussung durch Propaganda gehört zu ihnen oder auch die Schulung von Verkaufspersonal, ebenso Werbung und Marketing; und nicht nur bei der Hardware eines Computers handelt es sich um Technik, sondern auch bei seiner Software.

Zudem unterscheiden soziozentrische Ansätze nicht streng zwischen moderner und vormoderner Technik. Ganz anders technozentrische Ansätze. Für sie ist diese Unterscheidung zentral. Das ausschlaggebende Merkmal moderner Technik ist aus ihrer Sicht das der Effizienzsteigerung. In vormodernen Zeiten war das noch anders. Da konnte es ebenso wichtig sein, ob technische Innovationen ästhetisch akzeptabel waren, ob sie sich mit religiösen Überzeugungen oder kulturellen Überlieferungen vertrugen, ob sie sich mit den gegebenen rechtlichen Normen oder politischen Rahmenbedingungen vereinbaren ließen. Heutzutage sind solche Hindernisse meist ohne große Mühe überwindbar, wenn die überlegene technische Effizienz außer Zweifel steht.

Ein dritter wichtiger Unterschied zwischen den beiden Richtungen sei noch erwähnt: Viele soziozentrisch orientierte Forscher sind der Auffassung, dass man nicht von Technik im Allgemeinen, von „der Technik“ sprechen könne; sie sehen darin eine unzulässige Abstraktion, die zu Pauschalurteilen führe. Vielmehr müsse man Technik immer im Plural denken, zwischen einzelnen Techniken differenzieren und diese auch differenziert bewerten. Demgegenüber bevorzugen technozentrisch orientierte Autoren den „Blick von oben“. Sie behaupten, dass die zahllosen in Gebrauch befindlichen Techniken einen unlöslichen Zusammenhang bilden, dass Technik als ein komplexes System begriffen werden kann. So gibt es kaum noch einzelne Techniken, die unabhängig von anderen Techniken oder von größeren Netzwerken oder Infrastrukturen eingesetzt werden können. Und auch die großen Netzwerke oder Infrastrukturen – konkret also: die Systeme der Energieversorgung, der Telekommunikation, der Massenmedien, des Verkehrs und so weiter – sind wiederum ineinander verschachtelt und aufeinander angewiesen – und zwar längst nicht mehr nur im nationalen Rahmen, sondern zunehmend auch grenzüberschreitend oder gar im globalen Maßstab.

Es gibt noch andere Kriterien, mit deren Hilfe man sozio- und technozentrische Technikbegriffe voneinander unterscheiden kann. Ich möchte es bei den genannten belassen und das Ergebnis festhalten: Im Ergebnis deutet die soziozentrische Perspektive Technik immer als ein soziales Phänomen, das sich menschlicher Kontrolle keineswegs entzieht. Technik ist ein soziales Phänomen, weil sie von ihrer Entstehung über ihre Verbreitung bis hin zu ihrer Verwendung vielfältigen gesellschaftlichen Einflüssen ausgesetzt ist: da gibt es wirtschaftliche Interessen, politische Interventionen oder kulturelle Muster, die unterschwellig ihre Wirkung tun. Wie sonst sollte man erklären, dass sich italienische Autos so deutlich von us-amerikanischen unterscheiden, oder dass einzelne Autoproduzenten größeren Wert auf Sicherheit und Umweltverträglichkeit legen als andere, oder dass der kollektive und individuelle Umgang mit dem Auto so stark variiert?

Wenn nun eine Technik als verbesserungswürdig, unzulänglich oder inakzeptabel bewertet wird, kann man diese Defizite bis zu jenen gesellschaftlichen Instanzen zurückverfolgen, die sie – bewusst oder unbewusst – verursacht haben. Soziozentrische Technikkritik ist also letztlich immer auch Gesellschaftskritik. Weil die Technik vielfältigen gesellschaftlichen Einflüssen unterliegt, kann man durch die gezielte „Beeinflussung der Einflüsse“ in technische Entwicklungen eingreifen. Verlaufen die Eingriffe erfolgreich, stehen am Ende veränderte, verbesserte oder alternative technische Konstruktionen. Sie sind das Ergebnis einer produktiven Verarbeitung von Kritik.

Aus technozentrischer Sicht ist die Wirkung solcher Interventionen begrenzt. Denn Techniken führen keine monadenhafte Existenz. Das eben erwähnte Auto zum Beispiel ist nur funktionsfähig als Teil einer komplexen Verkehrs-Infrastruktur. Zu ihr gehört nicht allein das Straßensystem, sondern alles von der Autoproduktion über die Händlerketten bis zur Entsorgung, von der Erdölförderung über die Raffinerie bis zur Tankstelle, vom Verkehrsrecht über die Autoversicherung bis zur Unfallmedizin – und so weiter. Die technozentrische Perspektive interessiert sich weniger für einzelne Techniken als für technische Systeme, weniger für die Teile als für das Ganze. Und aus diesem umfassenden, globalen Blickwinkel stellt sich die Lage völlig anders dar: Nicht die Gesellschaft prägt die Technik, sondern umgekehrt, die Technik prägt die Gesellschaft. Sie durchdringt und strukturiert sie – materiell und ideell. Die fortschreitende Technisierung bewirkt, dass unser Leben nicht nur immer mehr von realer Technik beherrscht wird, sondern auch von technischen Kategorien und einem technisch verkürzten Denken. Zugleich passen wir uns immer stärker den technischen Erfordernissen an, und wir erhöhen ständig unsere Abhängigkeit von Technik.

Die technozentrische These, unsere Lebenswirklichkeit werde von einem komplexen, global ausgreifenden technischen System bestimmt, ist keineswegs so spektakulär, wie sie auf den ersten Blick erscheinen mag. Im Grunde macht sie nur analytisch ernst mit einer Redeweise, die uns schon seit vielen Jahren begleitet. Wie oft können wir doch hören oder lesen, dass wir in ein „technisches Zeitalter“, in eine „technische Zivilisation“ eingetreten seien, dass der Mensch dieses Zeitalters in einer „Technosphäre“, in einem „Technotop“ lebe, oder dass die moderne Technik zu unserer „zweiten“, „künstlichen Natur“ geworden sei. Leider bleiben solche Begriffe meist auf einer metaphorischen Ebene – also unverbindlich und diffus.

Im technischen Milieu ist die Beziehung zwischen Mensch und Technik weitgehend ungefiltert und ungebrochen. Sie ist ohne Distanz. Sie ist keine Beziehung zwischen Subjekt und Objekt oder gar zwischen Herr und Knecht.

Das ist bei vielen technozentrisch orientierten Autoren anders. Der eingangs erwähnte Jacques Ellul beispielsweise operiert mit dem Begriff des „technischen Milieus“, oder besser – er unterteilt die Menschheitsentwicklung in drei Perioden und ordnet ihnen drei Milieus zu: das natürliche Milieu der prähistorischen Periode, das gesellschaftliche Milieu der historischen Periode und das technische Milieu der posthistorischen Periode. Das technische Milieu hat Ellul zufolge in der Epoche nach dem Zweiten Weltkrieg in den fortgeschrittensten Weltteilen eine sichtbare und erfahrbare Gestalt angenommen. Elluls Milieutheorie, auf die ich hier natürlich nicht im Detail eingehen kann, macht deutlich, worin das eigentliche Ziel technozentrischer Technikkritik besteht. Im technischen Milieu, so Elluls These, ist die Beziehung zwischen Mensch und Technik weitgehend ungefiltert und ungebrochen. Sie ist ohne Distanz. Sie ist keine Beziehung zwischen Subjekt und Objekt oder gar zwischen Herr und Knecht. Denn der Mensch ist inzwischen viel zu stark ins technische Milieu integriert. Und vor allem: er ist sich dieser Integration nicht oder nur unzureichend bewusst.

Worin besteht nun die Aufgabe, die Herausforderung? Ellul sagt, der Mensch des technischen Milieus müsse das anstreben und erreichen, was dem Menschen des natürlichen und des gesellschaftlichen Milieus auch gelungen ist. Der Mensch des natürlichen Milieus hat sich aus der Natur herausgelöst, von ihr distanziert, sich als etwas Anderes erfahren und definiert – all dies, ohne die Natur zu zerstören. Der Mensch des gesellschaftlichen Milieus hat sich aus der Gesellschaft herausgelöst, zum Beispiel, indem er sich als autonomes Individuum definiert hat oder sich von religiösen Dogmen oder ideologischen Verblendungen befreit hat – all dies, ohne die Gesellschaft zu zerstören.

Die Aufgabe des Menschen im technischen Milieu besteht demzufolge nicht in dem aussichtslosen Versuch, sich der Technik zu entledigen. Sie besteht vielmehr darin, sich aus der Verstrickung in ein technisches Milieu zu befreien. Das heißt: nicht länger als Objekt im Milieu zu existieren, sondern als Subjekt gegenüber dem Milieu zu agieren. Die technozentrische Technikkritik dient dem Zweck, geistige Souveränität über die Technik zu gewinnen. Und geistige Souveränität drückt sich aus in der Fähigkeit zur Distanzierung, zur Reflexion, zur Selbstbeschränkung, auch zur Gelassenheit. Sie drückt sich aus im Mut zum Widerspruch: zum Beispiel gegen die verbreitete Vorstellung, für jedes Problem gebe es eine technische Lösung – oder gar, die technische Lösung sei der nicht-technischen prinzipiell überlegen. Sie drückt sich aus im Widerspruch gegen die Verabsolutierung technisch geprägter Werte, wie Effizienz, Fortschritt, Leistung, Mobilität, Flexibilität, Wettbewerb, Erfolg, Teamgeist. Der technikkritische Geist ist immer dann gefordert, wenn sich Technik-Faszination ungebremst auslebt, wenn Technik absichtsvoll inszeniert, gefeiert, ritualisiert oder vergöttlicht wird, wenn Technik zum Prestigeobjekt oder Statussymbol wird, wenn – wie einst – Lobgesänge auf den Sputnik angestimmt oder – wie heute – im Genfer Automobilsalon Tänze ums goldene Kalb aufgeführt werden.

Technik nutzen, ohne von ihr benutzt zu werden, zugleich mit der Technik und gegen die Technik leben.

Der Mensch, so Elluls Forderung, müsse die Fähigkeit entwickeln, Technik zu nutzen, ohne von ihr benutzt zu werden, er müsse lernen, zugleich mit der Technik und gegen die Technik zu leben.

Zwei Varianten der Technikkritik habe ich vorgestellt, soziozentrisch die eine, technozentrisch die andere. Sie arbeiten mit unterschiedlichen Technikbegriffen, stellen unterschiedliche Fragen, geben unterschiedliche Antworten. Beide Perspektiven haben ihre spezifischen Stärken. Soziozentrische Ansätze bevorzugen den Blick aus der Nähe, sie sind konkret und ergebnisorientiert, betreiben pragmatische Technikkritik für das Hier und Heute. Technozentrische Ansätze präferieren den Blick aus der Ferne, sie suchen einen Standpunkt außerhalb der technischen Welt und eröffnen einen weiten Horizont, betreiben prinzipielle Technikkritik über den Tag hinaus. Beide Perspektiven haben jedoch auch ihre Schwächen. Wo die eine Gefahr läuft, sich – allzu pragmatisch – im Detail zu verlieren, da kann sich die andere – allzu prinzipiell – von der konkreten Lebenswirklichkeit entfernen. Zwischen sozio- und technozentrischen Ansätzen ist kein Kompromiss möglich, sie sind letztlich unvereinbar. Umso wichtiger ist der Dialog, der produktive Streit zwischen ihnen. Auch wenn sie sich nicht auf einen Nenner bringen lassen, so können sie sich doch wechselseitig ergänzen, korrigieren, befruchten. Können wir es uns leisten, auf eine von beiden Deutungen zu verzichten? Ich glaube nicht. Wir brauchen beide. In einer derart von Technik geprägten Welt wie der unseren kann es gar nicht genug Technikkritik geben.

Beitrag für SWR 2, „Aula“, 26.03.2006 (Wiederholungssendung SWR 2, 04.01.2009). Nachdruck in: Glanzlichter der Wissenschaft – Ein Almanach. Herausgegeben vom Deutschen Hochschulverband. Stuttgart: Lucius & Lucius 2006, S. 145-152

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