Vom Alpha-Journalisten zum Dissidenten

Erinnerungen von (und an) Günter Gaus

Vor fünfzehn Jahren, im Mai 2004, verstarb Günter Gaus, einer der bekanntesten und einflussreichsten deutschen Publizisten nach dem Zweiten Weltkrieg. Wenige Monate nach seinem Tod erschienen unter dem Titel „Widersprüche“ seine unvollendet gebliebenen Lebenserinnerungen. Ich hatte sie seinerzeit rezensiert – hier der Text zum Nachlesen.

„Jeder Hund hat seinen Tag; dann gehört ihm zwar nicht die Welt, aber doch der Hase; er ist auf der Höhe der Zeit.“ Dieses schöne Bild steht am Beginn der Memoiren des im Mai 2004 verstorbenen Publizisten Günter Gaus. Er und seine Generation, so erläutert Gaus das Bild, haben in Westdeutschland an einer „historischen Pause“ mitgewirkt, die fast ein halbes Jahrhundert gedauert hat, vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zur Wende der Jahre 1989/90.

Diese Nachkriegsepoche – sie war die große Zeit des Günter Gaus. Sie verlief überwiegend glücklich, beruflich wie privat. Wer Fleiß, Ehrgeiz und Talent mitbrachte, dem standen damals viele Türen und Wege offen. Gaus stieg zu einem der profiliertesten Journalisten Westdeutschlands auf. Seine legendären Fernsehinterviews mit Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Kultur machten ihn einem großen Publikum bekannt. Seit Mitte der 60er Jahre stand er in der journalistischen Hierarchie ganz oben, war ein „Alpha-Journalist“ – als Programmdirektor des Südwestfunks, als Chefredakteur des Spiegel. Dann wechselte er in die Politik und wurde 1974 der erste Ständige Vertreter der Bundesrepublik in Ost-Berlin.

Nicht von Ungefähr verwendet Gaus in seinen Erinnerungen oft und gern die Formel „ich und meinesgleichen“. Denn Günter Gaus war bis zu einem gewissen Grad repräsentativ für das intellektuelle Westdeutschland. Sein politischer Standort „links von der Mitte“ machte ihn zwar zum kritischen Wegbegleiter der Bundesrepublik. Dennoch war und blieb er Teil des Mainstreams, Angehöriger einer „skeptischen Generation“, die sich nach den Kriegs- und NS-Erfahrungen für alle Zeiten vom Wahn der Ideologien geheilt wusste und zu einer Politik der kleinen Schritte bekannte – im Innern wie nach außen.

Im Grunde, so Gaus, sei er stets ein „linker Konservativer“ gewesen, also kein dogmatischer Prinzipienreiter, ebenso wenig ein prinzipienloser Opportunist, sondern ein Pragmatiker: in den Methoden flexibel, in den Erwartungen bescheiden, aber doch von festen Grundsätzen geleitet. Einer dieser Grundsätze war der vom „schwachen, hinfälligen Menschen“ als dem verpflichtenden Maß allen politischen Handelns. Den Schwachen in der Gesellschaft, den „kleinen Leuten“, galt seine lebenslange Sympathie und Solidarität.

Der 1929 geborene Gaus stammte selbst aus kleinbürgerlichen Verhältnissen. Was er über seine Kindheits- und Jugenderlebnisse in seiner Heimatstadt Braunschweig, über die Menschen, denen er dort begegnete oder die ihn prägten, schreibt, ist nicht nur überaus einfühlsam und liebevoll, es ist auch dank seines photographischen Gedächtnisses von einem fast romanhaften Reichtum an Details.

In den 60er und 70er Jahren bewegte sich Gaus berufsbedingt in ganz anderen Kreisen; da wurden Menschen zu seinesgleichen, die einen durchaus bohemienhaften, snobistischen Lebensstil pflegten. An Weggefährten dieser Art – den Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein etwa – legt er strenge Maßstäbe an, spart nicht mit bissigen, zuweilen bösen Bemerkungen.

Doch auch in dieser Zeit ist er auf Menschen getroffen, die ihm tiefen Respekt abnötigten. Herbert Wehner beispielsweise, mit dem er und seine Familie mehrfach glückliche Ferienwochen in Schweden verbrachten. Über sich selbst, über sein Tun und Lassen, schreibt Gaus aus gesunder Distanz, selbstkritisch, oft selbstironisch. Von eitler Selbstbespiegelung sind seine Erinnerungen fast gänzlich frei – um so ausgeprägter das Bewusstsein für die eigenen Grenzen, Versäumnisse und Fehler.

Mit dem Vollzug der deutschen Einheit ging die Zeit des Günter Gaus zu Ende. Vom kritischen Wegbegleiter wurde er, wie selbst schreibt, zum „Dissidenten“. Die „Sturzgeburt“ der deutschen Einheit war ihm nicht geheuer, ebenso wenig das, was sich in den Folgejahren in Deutschland und Europa zutrug. Die Vereinigung zweier Staaten sei zwar geglückt, doch vom Traum eines „Deutschland, einig Vaterland“ sind wir nach seinem Urteil weit entfernt.

Über all dies hätte man von Günter Gaus gerne mehr erfahren, insbesondere über seine Erlebnisse als Ständiger Vertreter in der DDR. Doch als er mit der Niederschrift seiner Memoiren begann, wusste Gaus, dass er sie vermutlich nicht würde vollenden können. Er litt an einer tödlichen Krankheit, die ihm nur noch wenig Zeit ließ. Im Jahr 1973 brechen seine Aufzeichnungen ab.

Günter Gaus: Widersprüche. Erinnerungen eines linken Konservativen. Propyläen Verlag, 380 Seiten

4 Kommentare zu „Vom Alpha-Journalisten zum Dissidenten

  1. Danke für diese Erinnerung, bei der mir sogleich das, auch heute noch hörenswerte, Gespräch zwischen Gaus u. Hannah Arendt erinnerlich wird. 🙂

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  2. „Er litt an einer tödlichen Krankheit, die ihm nur noch wenig Zeit ließ. Im Jahr 1973 brechen seine Aufzeichnungen ab.“

    Hallo, Herr Teusch, er ist doch 2004 gestorben.
    Ansonsten, ja, an solche Köpfen herrscht im Mainstream wirklich Mangel.
    Danke für die Erinnerung.

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    1. Da liegt ein Missverständnis vor: Er ist 2004 gestorben, aber beim Aufschreiben seiner Erinnerungen ist er nur bis zum Jahr 1973 gekommen, weshalb das Buch denn auch z.B. nichts über seine Zeit als Ständiger Vertreter in Ost-Berlin enthält.

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