Moselfahrt aus Liebeskummer

Rudolf Binding, einst Kultautor des konservativen deutschen Bürgertums, war ein Dichter des Untergangs

2017 jährt sich der 150. Geburtstag des Schriftstellers Rudolf Binding, 2018 sein 80. Todestag.

Als ich vor zehn Jahren für den SWR an einem Binding-Feature arbeitete, schien es mir, als befasse ich mich mit einem abgeschlossenen Thema, das nur noch historisches Interesse beanspruchen könne. Vor einigen Tagen, beim Wiederhören des Features nach langer Zeit, sind mir zu meiner Überraschung zahlreiche aktuelle Bezüge aufgefallen. „Moselfahrt aus Liebeskummer“ weiterlesen

Lügenpresse 1863

Ferdinand Lassalle als Medienkritiker

Im Folgenden dokumentiere und erläutere ich Auszüge einer Rede, die Ferdinand Lassalle im September 1863 vor Tausenden von Zuhörern in Barmen, Solingen und Düsseldorf gehalten hat. Die Rede erschien auch als Broschüre, wurde aber sogleich konfisziert. Zudem machte man Lassalle wegen Verstoßes gegen die §§ 100 und 101 des preußischen Strafgesetzbuches (die beiden Hass- und Verachtungsparagraphen) den Prozess. Im Frühjahr 1864 verurteilte ihn das Düsseldorfer Landgericht zu einem Jahr Gefängnis. In der Berufungsverhandlung wurde die Strafe auf ein halbes Jahr herabgesetzt. Wenige Tage nach dem Prozess ging Lassalle in die Schweiz, wo er zwei Monate später an den Folgen eines Duells verstarb. „Lügenpresse 1863“ weiterlesen

Stifters Weltanschauung – ein Zitat

Das Geschick fährt in einem goldenen Wagen. Was durch die Räder niedergedrückt wird, daran liegt nichts. Wenn auf einen Mann ein Felsen fällt oder der Blitz ihn tötet und wenn er nun das alles nicht mehr wirken kann, was er sonst gewirkt hätte, so wird es ein anderer tun. Wenn ein Volk dahingeht und zerstreut wird und das nicht erreichen kann, was es sonst erreicht hätte, so wird ein anderes Volk ein mehreres erreichen. Und wenn ganze Ströme von Völkern dahingegangen sind, die Unsägliches und Unzähliges getragen haben, so werden wieder neue Ströme kommen und Unsägliches und Unzähliges tragen, und wieder neue und wieder neue, und kein sterblicher Mensch kann sagen, wann das enden wird. Und wenn du deinem Herzen wehe getan hast, daß es zucket und vergehen will oder daß es sich ermannt und größer wird, so kümmert sich die Allheit nicht darum und dränget ihrem Ziele zu, das die Herrlichkeit ist. Du aber hättest es vermeiden können oder kannst es ändern, und die Änderung wird dir vergolten; denn es entsteht nun das Außerordentliche daraus.

Aus: Adalbert Stifter, Die Mappe meines Urgroßvaters (letzte Fassung), Original ohne Hervorhebung.

Der patagonische Hase

Erinnerungen von (und an) Claude Lanzmann

Heute wird der Dokumentarfilmer Claude Lanzmann („Shoah“) 92. Kein runder Geburtstag. Aber was ist an Lanzmann schon rund? Oder stromlinienförmig? Man kann sich dem großen Regisseur über seine Filme nähern – oder über seine Lebenserinnerungen, die er 2009 in Frankreich veröffentlichte und die ein Jahr später in deutscher Übersetzung erschienen. Eine (nach wie vor) lohnende Lektüre. „Der patagonische Hase“ weiterlesen

Was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt

Widerstand gegen die „Euthanasie“-Verbrechen der NS-Zeit

In der NS-Zeit galten psychisch Kranke und Behinderte, auch körperlich Behinderte, als „nutzlose Esser“, „Ballastexistenzen“, „lebensunwertes Leben“. Mit ihnen kannte das Regime keine Gnade. Seit Anfang 1934 wurden 400 000 Menschen zwangssterilisiert. Gegen Ende der 1930er Jahre setzten die systematischen Kranken- und Behindertenmorde der Nazis ein. Betrachtet man nicht allein das deutsche Kernreich, sondern auch die im Krieg besetzten Gebiete, dann fielen diesen Morden insgesamt bis zu 300 000 Menschen zum Opfer, darunter weit über Zehntausend Kinder. „Was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt“ weiterlesen

Der gestiefelte Kanzler

Wie der Staat von Katastrophen profitiert

„In der Katastrophe schlägt die Stunde des Staates“, hört und liest man immer wieder. So ganz stimmt das nicht. Zunächst einmal, ganz am Anfang, ist die Katastrophe in aller Regel nicht die Stunde des Staates, sondern des Staatsversagens. Denn bis sich der Staatsapparat auf die neue Lage eingestellt hat, dauert es meist eine Weile. Das liegt daran, dass man dort zwar stets auf Katastrophen gefasst ist, aber just mit dieser Katastrophe nicht gerechnet hat, und schon gar nicht zu diesem Zeitpunkt. „Der gestiefelte Kanzler“ weiterlesen

Der Mensch – ein Abgrund

Ansichten des Opernsängers Franz Grundheber

Am 27. September 2017 feiert der große Opernsänger Franz Grundheber seinen 80. Geburtstag. Ob Wozzeck oder Rigoletto, ob Macbeth, Jago oder Scarpia – das Interesse des Baritons galt stets den zerrissenen und abgründigen Figuren, den Schuldigen, den Scheiternden, den Verlorenen… Der aus Trier stammende Grundheber ist eine der herausragenden Persönlichkeiten der zeitgenössischen Opernbühne. Vier Jahrzehnte währt seine internationale Karriere nun schon. Ein Sänger-Darsteller, der dank seiner außergewöhnlichen Ausstrahlung und Präsenz, dank seiner großen, unverwechselbar timbrierten und technisch mustergültig geführten Stimme aus einem Opernabend ein Ereignis, ein unvergessliches Erlebnis machen kann.

„Der Mensch – ein Abgrund“ weiterlesen

Die „Flüchtlingskrise“ in den Medien

Im Juli 2017 veröffentlichte die gewerkschaftsnahe Otto-Brenner-Stiftung eine große Studie des Medienforschers Michael Haller. Titel: Die „Flüchtlingskrise“ in den Medien. Tagesaktueller Journalismus zwischen Meinung und Information. Was und wie haben die Betroffenen, also die Medien, über diese Untersuchung berichtet? Hier – zum Nachhören – meine „Nachrichtenkritik“ für das SWR 2-Magazin Mehrspur (13. August 2017).

 

Am besten nichts Neues

Zwei Jahre nach der Germanwings-Katastrophe

Hier zum Nachhören meine neue „Nachrichtenkritik“ für das SWR 2-Magazin Mehrspur (gesendet am 17. April 2017). Sie befasst sich mit dem Medienecho auf die Pressekonferenz von Günter Lubitz, dem Vater des allgemein für schuldig gehaltenen Ko-Piloten. Im Mittelpunkt des Beitrags steht die Analyse eines „heute journal“-Gesprächs zwischen Moderator Christian Sievers und dem Luftfahrtexperten Andreas Spaeth.

Barfuß durch die Hölle

Im Dezember vergangenen Jahres wurde ein von vielen Filmfreunden schon verloren geglaubter Schatz gehoben. Die legendäre japanische Fernsehserie „Barfuß durch die Hölle“ erschien auf DVD – endlich! Sie war 1962 produziert und 1967 vom ZDF in einer zwar gekürzten, aber immer noch fast 600 Minuten langen, siebenteiligen Fassung ausgestrahlt worden. „Barfuß durch die Hölle“ weiterlesen

Zahlen zählen…

18. September 2016: Duma-Wahlen in Russland, Abgeordnetenhauswahlen in Berlin, dazu Demonstrationen gegen TTIP und CETA in  deutschen Großstädten. Da liefen in den Nachrichtenredaktionen jede Menge Zahlen auf. Nicht leicht, den Überblick zu behalten.  Einige haben ganz schön draufgezahlt. Hier zum Nachhören meine Nachrichtenkritik für das SWR 2-Magazin „Mehrspur“ (gesendet am 02.10.2016).

Wohin die Erinnerung führt

Saul Friedländer über sein Leben nach 1945

Der 1932 in Prag geborene Saul Friedländer gehört zu den bedeutendsten Historikern der Shoah. Im Zentrum seiner jahrzehntelangen Forschungen steht sein zweibändiges opus magnum „Das Dritte Reich und die Juden“. Der aus einer deutschsprachigen jüdischen Familie stammende Friedländer zählt selbst zu den Opfern der Verfolgung. Unter schwierigsten Umständen hat er im besetzten Frankreich überlebt, seine Eltern wurden ermordet, vermutlich in Auschwitz. Über die Jahre seiner Kindheit und frühen Jugend hatte er 1979 eine autobiografische Schrift publiziert: „Wenn die Erinnerung kommt“. Jetzt ist bei C.H. Beck die Fortsetzung seiner Memoiren erschienen, in denen Friedländer von seinem Leben seit Ende des Zweiten Weltkriegs erzählt.

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Die Affäre Schiwago

Der Kalte Krieg war immer auch ein Propaganda-Krieg, ein Krieg um die Köpfe der Menschen in Ost und West. Auch die Literatur spielte in dieser Auseinandersetzung eine wichtige Rolle. Doktor Schiwago, der große Roman des russischen Autors Boris Pasternak, ist sicherlich das bekannteste Beispiel. Peter Finn und Petra Couvée haben jetzt eine umfassende Darstellung der „Affäre Schiwago“ vorgelegt. „Die Affäre Schiwago“ weiterlesen

Arbeiten im Spannungsfeld

Der Künstler und die Macht

Die Künstler können den politisch Mächtigen nützlich sein, sie können ihnen aber auch unbequem, sogar gefährlich werden. Das Verhältnis zwischen Kunst und politischer Macht ist seit jeher spannungs- und konfliktgeladen. Das liegt nicht daran, dass jedes Kunstwerk politisch wäre, sondern daran, dass kein Kunstwerk unpolitisch ist. Oder besser: dass kein Kunstwerk vor einer Politisierung gefeit ist.

„Arbeiten im Spannungsfeld“ weiterlesen

Medienkritiker unter sich

Die „etablierten Medien“ stecken in der Krise. Als wäre der Kampf vieler Zeitungen, Zeitschriften und Rundfunkanstalten um Werbekunden, um Quoten, Auflagen und Online-Klicks, nicht schon strapaziös genug, machen nun auch noch martialische Vorwürfe die Runde. Da ist pauschal von „Lügenpresse“ und „Systemmedien“ die Rede. „Medienkritiker unter sich“ weiterlesen

Moderne Maschinenstürmer

Wie funktioniert Technikkritik?

Ted Kaczynski wurde 1942 in Chicago geboren, als Sohn polnischer Einwanderer. Als er in die Schule kam, erkannten seine Lehrer schnell die außerordentliche mathematische Begabung des Jungen. Unter seinen Mitschülern erwarb sich Ted schon bald den Ruf eines Genies. Im Alter von nur 16 Jahren erlaubte man ihm die Aufnahme eines Mathematikstudiums an der Harvard University. Der Jungstudent erfüllte die in ihn gesetzten Erwartungen. 1967 wurde er Assistenzprofessor in Berkeley. Der Weg ins wissenschaftliche Establishment stand ihm offen.

Nur zwei Jahre später – die große Wende: Kaczynski kündigt seine Universitätsstelle. Der hoffnungsvolle Nachwuchswissenschaftler wird zum Aussteiger. Er zieht sich in die Wälder Montanas zurück und lebt über zwanzig Jahre als Einsiedler in einer selbstgebauten Holzhütte. „Moderne Maschinenstürmer“ weiterlesen