In der WDR 3-Literatursendung Gutenbergs Welt vom 19. September 2020 sprach ich mit Walter van Rossum über Nick Bostroms Buch „Die verwundbare Welt – Eine Hypothese“ (Suhrkamp Verlag). In der Sendung (hier komplett als Podcast) gab es zudem ein Gespräch mit Paul Schreyer über dessen Corona-Bestseller „Chronik einer angekündigten Krise“.
Von der Spaltung zur Einheit?
500 Jahre Heilig-Rock-Wallfahrt in Trier
Es muss vor etwa zehn Jahren gewesen sein. Damals unterbreitete ich einer Hörfunk-Redaktion Vorschläge für ein satirisch gefärbtes Feature über katholische Reliquienverehrung. Im Zentrum sollte die berühmte Trierer Heilig-Rock-Wallfahrt stehen. Die Redaktion zeigte ein gewisses Interesse, meinte aber, andere Themen seien zurzeit wichtiger. Etwa zwei Jahre später erinnerte man sich meiner Idee – aus aktuellem Anlass. Denn in Trier stand für das Jahr 2012 eine Jubiläums-Wallfahrt auf dem Programm: Vor 500 Jahren war der Rock Christi der Öffentlichkeit zum ersten Mal gezeigt worden.
„Von der Spaltung zur Einheit?“ weiterlesenGefährliches Doppelspiel
Heinz Tietjen – Dirigent, Regisseur, Intendant
„Geh in die Provinz und blamier Dich!“ Diesen Rat seines Lehrers Arthur Nikisch hat der junge Dirigent Heinz Tietjen nur teilweise befolgt. In die Provinz ging er tatsächlich. Fast zwei Jahrzehnte, von 1904 bis 1922, wirkte er am Theater der Stadt Trier, drei Jahre als Kapellmeister, dann als Chef des Hauses. Doch blamiert hat er sich nicht. Bis heute gilt die Ära Tietjen als die größte Zeit des Trierer Theaters. Tietjens künstlerischer Aufstieg begann in der zweiten Hälfte der Weimarer Republik und führte ihn binnen weniger Jahre an die Spitze des deutschen Theaterlebens. Er war gleichzeitig General-Intendant der Preußischen Staatstheater und künstlerischer Leiter der Bayreuther Festspiele. Damit hatte er eine in der Theatergeschichte einzigartige Machtposition inne. Obwohl ein Gegner der Nazis, blieb Tietjen auch nach 1933 in seinen Ämtern: der Beginn einer zwölfjährigen Gratwanderung, eines gefährlichen Doppelspiels zwischen Anpassung und Widerstand.
„Gefährliches Doppelspiel“ weiterlesenGandhi – Politik und Wahrheit
Woran liegt es, dass „Mahatma“ Gandhi die Aufnahme in den Kreis der großen politischen Theoretiker des 20. Jahrhunderts bis heute versagt geblieben ist? Die Gründe sind sicher nicht allein in okzidentaler Überheblichkeit gegenüber einem „orientalistischen“ Denker zu suchen, sondern auch darin, dass Gandhi eine systematische Exposition seiner Anschauungen fast ganz vermieden hat. „Gandhi – Politik und Wahrheit“ weiterlesen
Macht und Ausnahmezustand
Das WDR 3-Literaturmagazin Gutenbergs Welt beschäftigte sich am 13. Juni 2020 mit dem Thema „Formen der Macht“. Zu der von Walter van Rossum moderierten Sendung steuerte ich einen Essay zum Thema „Macht und Ausnahmezustand“ bei – hier zum Nachhören und -lesen. Die gesamte Sendung als Podcast findet man hier.
„Macht und Ausnahmezustand“ weiterlesen
Heimaturlaub – Roman von Joachim Geil
75 Jahre Kriegsende (VI)
Dieter Thomas ist Anfang zwanzig, Leutnant, ein Soldat im Krieg, irgendwo an der Ostfront, 1944. Eine Verwundung bringt ihn ins Lazarett. Wieder genesen, hat er eine Woche Urlaub. Heimaturlaub. Wie schon so oft, fährt er dorthin, wo er ursprünglich herkommt, in die Pfalz, in den Kurort Bergzabern. Hier lebt viel Verwandtschaft, Großeltern, Tante Emmy, Onkel Gustav mit Tante Carla und den Kindern. In einem Nachbarort liegt das Grab seiner Mutter. Auch Heidi, die schöne Majorstochter, lebt in Bergzabern – ein Grund mehr für Dieter, die Pfalz zu besuchen.
„Heimaturlaub – Roman von Joachim Geil“ weiterlesenDer Fall Selpin
75 Jahre Kriegsende (V)
Im Sommer 1942 steckt der Regisseur Herbert Selpin mitten in den Dreharbeiten zu seinem bis dahin größten Projekt: einem aufwändigen Film über den Untergang des britischen Luxusliners „Titanic“. Doch den Abschluss dieser Arbeit erlebt er nicht mehr. Am 30. Juli wird der prominente Filmschaffende verhaftet und ins Polizeigefängnis am Berliner Alexanderplatz gebracht. Dort findet man ihn zwei Tage später tot in seiner Zelle. Selpin hat sich erhängt. Er ist das Opfer einer Denunziation geworden.
„Der Fall Selpin“ weiterlesenGAS!!!
Eine Dramen-Trilogie von Georg Kaiser
Zwischen 1917 und 1920 legte der expressionistische Dramatiker Georg Kaiser drei thematisch zusammenhängende Theaterstücke vor: Die Koralle, Gas und Gas. Zweiter Teil. Kaisers Stücke sprengen in mehrfacher Hinsicht den Rahmen und gehen an die Substanz. „GAS!!!“ weiterlesen
Eine knappe Angelegenheit
75 Jahre Kriegsende (IV)
War der Ausgang des Zweiten Weltkriegs vorprogrammiert? War absehbar, dass er mit der Niederlage der „Achsenmächte“ und dem Sieg der „Alliierten“ enden würde? Die Geschichtswissenschaft leistet einem solchen Eindruck zuweilen ungewollt Vorschub, denn das Handwerk der Historiker ist nun einmal primär die Beschreibung und Erklärung dessen, was tatsächlich geschehen ist – weniger dagegen die Erörterung der Frage „was wäre gewesen, wenn…“. „Eine knappe Angelegenheit“ weiterlesen
Lebenslang Lebensborn
75 Jahre Kriegsende (III)
Die SS-Organisation Lebensborn ist bis heute von Legenden umrankt. Eine davon besagt, es habe sich um eine „Zuchtanstalt“ gehandelt, in der ausgesuchte weibliche und männliche Prachtexemplare der arischen Rasse zum Zweck der Kinderzeugung zusammengeführt wurden. Doch die Lebensborn-Organisatoren führten anderes im Schilde. „Lebenslang Lebensborn“ weiterlesen
Hitlers Charisma
75 Jahre Kriegsende (II)
Neue Hitler-Filme, neue Hitler-Bücher – der Strom einschlägiger Veröffentlichungen will nicht abreißen. War – und ist? – Adolf Hitler also doch ein „Faszinosum“, wie es der frühere Bundestagspräsident Jenninger einmal in einer umstrittenen Rede ausgedrückt hat? „Hitlers Charisma“ weiterlesen
In der Katastrophe wird die Wahrheit offenbar
„In St. Jago, der Hauptstadt des Königreichs Chili, stand gerade in dem Augenblicke der großen Erderschütterung vom Jahre 1647, bei welcher viele Tausend Menschen ihren Untergang fanden, ein junger, auf ein Verbrechen angeklagter Spanier, namens Jeronimo Rugera, an einem Pfeiler des Gefängnisses, in welches man ihn eingesperrt hatte, und wollte sich erhenken.“ „In der Katastrophe wird die Wahrheit offenbar“ weiterlesen
Luxemburg im Zeichen des Hakenkreuzes
75 Jahre Kriegsende (I)
In kaum einem anderen europäischen Land sind die Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg so gegenwärtig wie in Luxemburg. Der deutsche Einmarsch 1940 und der dann folgende Versuch, das kleine Land seiner Identität zu berauben und es dem „Großdeutschen Reich“ einzuverleiben, sind für die Luxemburger ein traumatisches Erlebnis gewesen. Nicht minder gegenwärtig ist die Erinnerung an den mutigen Widerstand vieler Luxemburger gegen die deutsche Okkupation. „Luxemburg im Zeichen des Hakenkreuzes“ weiterlesen
Als Reisen noch bildete
Die Welt des Baedeker
Reisen bildet, heißt es. Nur: Was soll man machen, wenn man sich reisend bilden möchte, aber nicht darf? Wenn man raus will, aber die Grenzen dicht sind? In trübsinnigen Zeiten wie diesen suche ich immer öfter nach Surrogaten – fahre mit dem Finger über Landkarten, träume mich mit Bildbänden in ferne Welten, schwelge in alten Reiseführern. „Als Reisen noch bildete“ weiterlesen
Tolstoi-Zitate (VIII)
Aus einem Brief Tolstois an Gandhi (7. September 1910)
In diesem Frühjahr prüfte beim Religionsexamen an einem Töchterinstitut Moskaus zuerst der Religionslehrer und dann der gleichfalls anwesende Erzbischof die Mädchen über die zehn Gebote und im besonderen über das fünfte. Auf das richtige Hersagen des Gebotes hin stellte der Erzbischof jeweils meist die Frage: ist es immer und in allen Fällen durch das Gesetz Gottes verboten, zu töten? Und die unglücklichen, durch ihre Lehrer verdorbenen Mädchen mußten antworten und antworteten auch: nicht immer, denn im Krieg und bei Hinrichtungen darf getötet werden.
Tolstoi-Zitate (VII)
Aus Eines ist not. Über die Staatsmacht (1905)
Die Menschheit hat alle möglichen Formen der auf Gewalt gegründeten Regierung versucht, aber überall, in der vollkommensten Republik wie in der rohesten Despotie, bleibt qualitativ und quantitativ das Übel der Gewalt ein und dasselbe. Herrscht keine Willkür und ist kein Haupt einer despotischen Regierung vorhanden – so stößt man auf Müßiggang und die Selbstregierung republikanischer Massen; fehlt die persönliche Sklaverei, so ist Geldsklaverei vorhanden; fehlen direkte Steuern und Abgaben, so gibt es indirekte; fehlen selbstherrliche Paschas, so gibt es selbstherrliche Könige, Kaiser, Milliardäre, Minister, Parteien.
















