Tolstoi-Zitate (II)

Aus Du sollst nicht töten! (1910)

Wenn Könige durch Gerichtsurteile hingerichtet werden, wie Karl I., Ludwig XVI. und Maximilian von Mexiko es wurden, oder wenn sie in Palastrevolutionen ermordet werden, wie Peter III., Zar Paul und verschiedene Sultans und Schahs, verliert gewöhnlich kein Mensch ein Wort darüber; aber wenn sie ohne Gerichtsurteile und ohne Palastrevolutionen ermordet werden, wie Heinrich IV., Alexander II., die Kaiserin von Österreich, der Schah von Persien und kürzlich König Humbert von Italien wurden, so erregen solche Mordtaten die größte Verwunderung und Entrüstung unter Königen, Kaisern und denen, die ihnen nahestehen, als wenn sie selber nie an Mordtaten teilgenommen, sie nicht selbst befohlen und sich ihrer für ihre Zwecke nicht selbst bedient hätten.

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Vom Alpha-Journalisten zum Dissidenten

Erinnerungen von (und an) Günter Gaus

Vor fünfzehn Jahren, im Mai 2004, verstarb Günter Gaus, einer der bekanntesten und einflussreichsten deutschen Publizisten nach dem Zweiten Weltkrieg. Wenige Monate nach seinem Tod erschienen unter dem Titel „Widersprüche“ seine unvollendet gebliebenen Lebenserinnerungen. Ich hatte sie seinerzeit rezensiert – hier der Text zum Nachlesen. „Vom Alpha-Journalisten zum Dissidenten“ weiterlesen

Verachtete Völker (II)

R.L. Stevenson über Indianer

Im vorangegangenen Beitrag hatte ich Robert Louis Stevensons Buch Emigrant aus Leidenschaft vorgestellt und eine längere Passage aus dem Kapitel „Verachtete Völker“ zitiert, die vermutlich Anfang der 1880er Jahre verfasst wurde und den Hass weißer Europäer und Amerikaner auf chinesische Menschen beschreibt und kritisiert. In der folgenden Passage spricht Stevenson über das Schicksal der Indianer. „Verachtete Völker (II)“ weiterlesen

Verachtete Völker (I)

R.L. Stevenson über Chinesen

Im Sommer 1876 hatte Robert Louis Stevenson in Frankreich die verheiratete Amerikanerin Fanny Osbourne kennenglernt. Die beiden verliebten sich. Als Fanny zwei Jahre später in die USA zurückkehrte, folgte ihr Stevenson im August 1879 mit dem Ziel, ihre Scheidung zu erwirken und sie zu seiner Frau zu machen. „Verachtete Völker (I)“ weiterlesen

Lebensfäden

Erinnerungen von (und an) Ekkehart Krippendorff

Vor einem Jahr, am 27. Februar 2018, verstarb der Politikwissenschaftler und Autor Ekkehart Krippendorff. Seine Autobiografie „Lebensfäden“ war 2012 erschienen – nach wie vor eine lohnende Lektüre.

Ein typisch-deutscher Professor ist Ekkehart Krippendorff nie gewesen. Die Universitätslaufbahn des 1934 geborenen Politikwissenschaftlers war von zahlreichen Konflikten begleitet.

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Nutzen der Geschichte

Von Georg Kaiser (1878-1945)

 

Lernt nur Geschichte! – Lernt sie um und um

und laßt euch keinen Zwischenfall entgehn.

Lernt unaufhörlich. Lernt euch krumm und dumm

mit der Jahrtausende Geschehn.

 

Was nachher kommt, erkennt ihr dann voraus

und jede Nuß ist knackend ausgekernt.

Nichts ändert sich. Es wird der alte Graus.

Als Warnung lernt Geschichte. Lernt!

 

Die graue Eminenz

Anmerkungen zu Hans Globke (1898-1973)

Auf den Tag genau vor 120 Jahren, am 10. September 1898, erblickte Hans Josef Maria Globke das Licht der Welt. Er wurde zu einer der fragwürdigsten Gestalten in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts und stand für deren mitunter frappierende Kontinuität. Während der NS-Zeit verfasste er den maßgeblichen Kommentar zu den Nürnberger Rassengesetzen, nach dem Zweiten Weltkrieg war er viele Jahre Chef des Bundeskanzleramts und die „graue Eminenz“ der Adenauer-Ära. 2009 hatte ich einige Bücher zum Fall Globke für die Süddeutsche Zeitung rezensiert. Hier der Artikel zum Nachlesen. „Die graue Eminenz“ weiterlesen

Mythos Kanonenbahn

Schienenstrang zu Feind und Freund

Bauprojekte von gigantischen Ausmaßen gibt es nicht erst in unseren Tagen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts errichtete Preußen-Deutschland eine Eisenbahnlinie, die hierzulande bis heute ihresgleichen sucht. Die legendäre „Kanonenbahn“, wie sie im Volksmund genannt wurde, verband die Hauptstadt Berlin mit der Festungsstadt Metz, die nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71 zu Deutschland gehörte. „Mythos Kanonenbahn“ weiterlesen

100 Jahre Oktoberrevolution

Zu Stephen Smiths Buch Revolution in Russland

Zum hundertsten Jahrestag der russischen Oktoberrevolution sind zahlreiche Bücher unterschiedlicher Qualität erschienen. In mehrfacher Hinsicht herausragend ist die umfangreiche und akribische Studie des Oxforder Historikers Stephen A. Smith. Das fast zeitgleich in Großbritannien und Deutschland publizierte Buch gehört zum Besten, was je zu diesem Thema geschrieben wurde.
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Schöne alte Bücherwelt

Antiquariate und ihre Kunden

Alte Bücher haben Menschen seit jeher fasziniert – und manch einen ins Verderben gestürzt. Der legendäre Magister Tinius wurde sogar zum Räuber und Totschläger, um sich in den Besitz begehrter Druckwerke zu bringen. Bibliomane Exzesse wie dieser sind zwar Ausnahmen, doch Leidenschaft ist bei den Jägern und Sammlern alter Bücher fast immer im Spiel; nicht minder bei den Antiquaren, die in ihren Ladengeschäften, auf Auktionen oder Messen und seit einigen Jahren auch verstärkt im Internet ihre Schätze zum Verkauf anbieten.

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Das ganze Leben ist ein Quiz

Über Risiken, Gefahren – und Heuchelei

Haben Risiken in den vergangenen Jahrzehnten objektiv zugenommen – an Zahl und Größe? Oder sind wir nur sensibler für alle möglichen Gefährdungen geworden? Sind Risiken überhaupt real, gibt es sie wirklich, lassen sie sich zweifelsfrei nachweisen, gar messen? Oder sind sie lediglich Konstrukte, die von Wissenschaftlern, Medien oder wem auch immer (und wozu auch immer) erzeugt werden? „Das ganze Leben ist ein Quiz“ weiterlesen

Moselfahrt aus Liebeskummer

Rudolf Binding, einst Kultautor des konservativen deutschen Bürgertums, war ein Dichter des Untergangs

2017 jährt sich der 150. Geburtstag des Schriftstellers Rudolf Binding, 2018 sein 80. Todestag.

Als ich vor zehn Jahren für den SWR an einem Binding-Feature arbeitete, schien es mir, als befasse ich mich mit einem abgeschlossenen Thema, das nur noch historisches Interesse beanspruchen könne. Vor einigen Tagen, beim Wiederhören des Features nach langer Zeit, sind mir zu meiner Überraschung zahlreiche aktuelle Bezüge aufgefallen. „Moselfahrt aus Liebeskummer“ weiterlesen

Lügenpresse 1863

Ferdinand Lassalle als Medienkritiker

Im Folgenden dokumentiere und erläutere ich Auszüge einer Rede, die Ferdinand Lassalle im September 1863 vor Tausenden von Zuhörern in Barmen, Solingen und Düsseldorf gehalten hat. Die Rede erschien auch als Broschüre, wurde aber sogleich konfisziert. Zudem machte man Lassalle wegen Verstoßes gegen die §§ 100 und 101 des preußischen Strafgesetzbuches (die beiden Hass- und Verachtungsparagraphen) den Prozess. Im Frühjahr 1864 verurteilte ihn das Düsseldorfer Landgericht zu einem Jahr Gefängnis. In der Berufungsverhandlung wurde die Strafe auf ein halbes Jahr herabgesetzt. Wenige Tage nach dem Prozess ging Lassalle in die Schweiz, wo er zwei Monate später an den Folgen eines Duells verstarb. „Lügenpresse 1863“ weiterlesen

Stifters Weltanschauung – ein Zitat

Das Geschick fährt in einem goldenen Wagen. Was durch die Räder niedergedrückt wird, daran liegt nichts. Wenn auf einen Mann ein Felsen fällt oder der Blitz ihn tötet und wenn er nun das alles nicht mehr wirken kann, was er sonst gewirkt hätte, so wird es ein anderer tun. Wenn ein Volk dahingeht und zerstreut wird und das nicht erreichen kann, was es sonst erreicht hätte, so wird ein anderes Volk ein mehreres erreichen. Und wenn ganze Ströme von Völkern dahingegangen sind, die Unsägliches und Unzähliges getragen haben, so werden wieder neue Ströme kommen und Unsägliches und Unzähliges tragen, und wieder neue und wieder neue, und kein sterblicher Mensch kann sagen, wann das enden wird. Und wenn du deinem Herzen wehe getan hast, daß es zucket und vergehen will oder daß es sich ermannt und größer wird, so kümmert sich die Allheit nicht darum und dränget ihrem Ziele zu, das die Herrlichkeit ist. Du aber hättest es vermeiden können oder kannst es ändern, und die Änderung wird dir vergolten; denn es entsteht nun das Außerordentliche daraus.

Aus: Adalbert Stifter, Die Mappe meines Urgroßvaters (letzte Fassung), Original ohne Hervorhebung.

Der patagonische Hase

Erinnerungen von (und an) Claude Lanzmann

Heute wird der Dokumentarfilmer Claude Lanzmann („Shoah“) 92. Kein runder Geburtstag. Aber was ist an Lanzmann schon rund? Oder stromlinienförmig? Man kann sich dem großen Regisseur über seine Filme nähern – oder über seine Lebenserinnerungen, die er 2009 in Frankreich veröffentlichte und die ein Jahr später in deutscher Übersetzung erschienen. Eine (nach wie vor) lohnende Lektüre. „Der patagonische Hase“ weiterlesen